28.04.2022

"Wort des Bischofs" von Mainz, Peter Kohlgraf

„Wir müssen einen Beitrag leisten“

Armut kann einem bereits vor der Haustür begegnen. Bischof Peter Kohlgraf berichtet im „Wort des Bischofs“ von eigenen Erfahrungen und mahnt, nicht zwischen beliebten und unbeliebten Armen zu unterscheiden.


Armut und auch manche armen Menschen sind nicht angenehm, sagt Bischof Kohlgraf. Doch es gehöre zu einer humanen Gesellschaft, auch diesen Menschen Aufmerksamkeit zu schenken.


Armut ist und bleibt in unserer Gesellschaft ein Problem. Und wir müssen uns immer wieder klarmachen: Wir reden nicht abstrakt über dieses Thema, sondern über konkrete Menschen in einer sie konkret bedrängenden Armut. Armut hat daher viele Gesichter.
In den vergangenen Tagen saß hier in der Domstraße im sogenannten „Kalten Loch“ eine wohl obdachlose Frau mittleren Alters. Einige Nächte hat sie bei frühlingshaften Temperaturen im Freien übernachtet. Aber was wäre im Winter gewesen? Als ich eines Morgens aus der Stadt kam, hörte ich ihr lautes Schimpfen und Klagen. Meine erste Reaktion war: Schnell weg hier. Dann dachte ich: Vielleicht sprichst du sie an, damit sie mit dem lauten Protest aufhört. Ich habe sie dann gefragt, was sie so aufgebracht habe. Und sie erzählte von Passanten und besonders jungen Leuten, die sie beschimpft hätten. Besonders in der Nacht habe sie sich von Jugendlichen und jungen Menschen bedrängt gefühlt, die sich wohl einen Spaß mit ihr machen wollten. Kurz bevor ich kam, hätten Menschen zu ihr gesagt: „Sch….Penner“. Das habe sie so aufgeregt. Niemand habe das Recht, ihr so etwas zu sagen. Sie hat Recht mit ihrer Empörung.
Ich kann die Wahrheit dieser Eindrücke nicht nachprüfen. Aber es gibt Arme in unserer Gesellschaft, die keine Lobby haben. Niemand freut sich über einen armen Menschen vor seiner Tür. Ich will aber auch erwähnen, dass Nachbarn dieser Frau Essen und Trinken gebracht haben. Derzeit ist sie wieder weg, ich habe sie vorher nicht gesehen, und vielleicht werde ich sie nicht wiedersehen.
Vor einigen Wochen saß ein offenbar obdachloser Mann vor der Römerpassage am Kardinal-Volk-Platz, unter der Büste meines Vorgängers. Ich habe ihn angesprochen, er kam aus Köln, meiner eigenen Heimatstadt, und wir kamen kurz ins Gespräch. Derzeit suchen wir in Mainz nach einem neuen Ort für das Thaddäusheim, in dem obdachlose Männer unterkommen, denn es braucht eine Erneuerung. Und obdachlose Frauen haben es oft noch schwerer.
Wollen wir diese Menschen nur aus dem Blick haben? Armut und auch manche armen Menschen sind nicht angenehm. „Die Armen habt ihr immer bei euch“ sagt Jesus einmal sehr realistisch (Matthäus 26,11). Es gehört zu einer humanen Gesellschaft, auch diesen Menschen Aufmerksamkeit zu schenken. Und wir als Kirche müssen einen Beitrag leisten. Wir sollten dabei auch aufpassen, bei unserer Hilfe nicht zwischen eher beliebten und eher unbeliebten Armen zu unterscheiden. In Zeiten des Ukrainekriegs müssen wir ohne Frage Gastfreundschaft gegenüber den geflüchteten Menschen aus der Ukraine walten lassen, aber wir dürfen auch die vielen anderen Armen nicht aus dem Blick verlieren. Die Mittel in unserem Land sollten dafür immer noch reichen. Die oben erwähnte Frau fragte wiederholt nach der Caritas, von der sie sich Hilfe erhoffte. Und sie bekommt dort sicher Hilfe, auch über einen kleinen Geldbetrag hinaus.
Der Deutsche Caritasverband feiert in diesem Jahr sein 125-jähriges Jubiläum. Auch im Rahmen des Pastoralen Weges im Bistum sollten wir die vielen Angebote der Caritas als Kirchorte entdecken und wertschätzen. Dort haben alle Bedürftigen einen Ort, wo sie willkommen sind. Für diese Arbeit, die nicht nur Hauptamtliche leisten, bitte ich um Gottes Segen und danke sehr herzlich.

Ihr Bischof Peter Kohlgraf