14.02.2020

Adveniat-Hauptgeschäftsführer Pater Heinz zum Schreiben "Querida Amazonia"

"Hier ist noch keine Tür zugeschlagen"

Adveniat-Hauptgeschäftsführer Pater Michael Heinz lobt das Papstschreiben zur Amazonas-Synode - auch wenn darin eine Aussage zu viri probati fehlt. Heinz selbst hat an der Amazonas-Synode im vergangenen Oktober im Vatikan teilgenommen.

Foto: Adveniat/APSA Servizio Fotografico
Gespräch in der Synodenaula: Pater Michael Heinz übergibt Papst Franziskus ein Tuch des Künstlers Freddy Sanchez. Foto: Adveniat/APSA-Servizio Fotografico

Viele sind enttäuscht vom Papstschreiben zur Amazonas-Synode. Sie auch?
Nein – auch wenn das in Deutschland vielleicht nicht alle auf den ersten Blick nachvollziehen können. Um das zu verstehen, muss man den Blick auf den ganzen Prozess weiten. Da stellt ein Papst eine Randregion und seine Menschen in den Mittelpunkt der Kirche und des Weltgeschehens. Wann hat es das je gegeben? Und wann wurden so offen die Fragen nach den Zulassungsbedingungen zum Priesteramt und der Rolle der Frauen in offiziellen vatikanischen Kreisen diskutiert? Das Schlussdokument der Synode schlägt den Diakonat der Frau und die Weihe von verheirateten in den Gemeinden bewährten Männern, die bereits Diakone sind, ausdrücklich vor. Und Franziskus fordert, eben dieses Dokument, das er weder ersetzen noch wiederholen will, ganz zu lesen und sich davon anregen zu lassen – übrigens: weltweit.

Mit mitteleuropäischen Augen gelesen, betont der Papst Dinge, die für viele klar sind – dass die Kirche auf Seiten der Unterdrückten stehen muss, gegen Ungerechtigkeit und für die Bewahrung der Schöpfung eintreten muss. Was ist neu an dem Dokument?
Ist das wirklich so klar? Papst Franziskus will Unterdrückung und Ungerechtigkeit sowie Zerstörung und Ausbeutung der Schöpfung von der Wurzel her – also radikal – beenden. Deshalb sollen die Taten nationaler und internationaler Firmen als Verbrechen benannt werden. Er wehrt sich gegen wirtschaftliche Beziehungen, die zu einem Instrument werden, das tötet, weil sie sich nicht dem Allgemeinwohl verpflichten. Bis das wirklich klar ist, wird er es noch ein paar Mal wiederholen müssen, befürchte ich.

Bei welchen Problemen bringt das Dokument die Menschen in Amazonien konkret weiter? 
Ganz konkret in ihrem Leben und in ihrem Widerstand gegen all die politisch und wirtschaftlich Mächtigen, die das Amazonasgebiet und seine Ressourcen gnadenlos ausplündern. Der Papst fällt vielleicht den legalen und illegalen Holzfällern nicht direkt in den Arm und dreht auch nicht den Erdölfirmen persönlich den Hahn zu. Aber unterschätzen Sie nicht die moralische politische Autorität, die seine Worte weltweit genießen. 

Franziskus wiederholt seine Kritik an bloß profitorientierter Ausbeutung der Umwelt und an der Zerstörung indigener Völker und Kulturen. Was bringt das für eine bessere Ökologie in Amazonien?
Auch hier mal ganz konkret: Ich glaube, dass die Diskussion um das Angebot der ecuadorianischen Regierung, die Erdölreserven im Yasuní-Nationalpark unangetastet zu lassen, wenn Deutschland und andere reiche Länder sich am finanziellen Ausfall beteiligen, heute auch hierzulande anders behandelt würde. Es gibt – weltweit – ein anderes Bewusstsein, dass wir die „Lunge der Erde“ schützen müssen – auch mit finanziellen Mitteln. Und dass wir mit unseren Taten für ihre Zerstörung verantwortlich sind. Die Worte des Papstes, ob in Evangelii gaudium, Laudato si‘ oder seinen vielen aufrüttelnden Reden, verändern längst Wirklichkeit.

Amazonische Bischöfe haben gesagt, sie wüssten angesichts des dramatischen Priestermangels nicht, wie sie die Seelsorge ohne viri probati schaffen sollen. Lässt der Papst sie jetzt mit ihrem Problem allein?
Schon lange vor der Amazonas-Synode, hat Papst Franziskus zur heilsamen Dezentralisierung aufgerufen. Das bedeutet aber auch, dass vor Ort Lösungen gesucht, gefunden – und ausprobiert werden müssen. Dazu hat er seinen Segen gegeben. Er möchte eine synodale Kirche. Das heißt für ihn: Wichtige Entscheidungen können auf der Ebene der Regionen und der nationalen Bischofskonferenzen getroffen werden.

Die Synodenväter haben sich mit deutlicher Mehrheit für die Einführung von viri probati ausgesprochen. Welchen Sinn hatte die Synode, wenn der Papst das Thema in seinem Schreiben nun gar nicht erwähnt?
Hier ist noch keine Tür zugeschlagen. Wie schon gesagt: Die entsprechenden Aussagen im Schlussdokument sind – so der Papst wörtlich – „nicht ersetzt“. Es gibt ja in den mit Rom unierten Ostkirchen bereits verheiratete Priester und auch evangelische oder anglikanische Priester, die zur katholischen Kirche konvertieren, dürfen ihr Amt als Verheiratete ausüben. Es gibt also längst Ausnahmen. Außerdem ist die pastorale Umkehr und darin eben die Frage der Ämter nur eine der fünf großen Hauptthemen des Synodendokuments.

In entlegenen Gegenden Amazoniens wird wegen des Priestermangels nur einmal im Jahr Eucharistie gefeiert. Was bedeutet es, dass das so bleiben wird?
Das Problem hat Papst Franziskus in Querida Amazonía benannt und klargestellt: Es wird nicht so bleiben. Der Berichterstatter der Amazonas-Synode, der brasilianischen Kardinal Claudio Humes hat der Zeitung „Diario Do Grande ABC“ gesagt: Der Vorschlag, verheiratete Männer zu Priestern zu weihen, werde im Vatikan wieder aufgegriffen, bearbeitet und werde kommen. Das sei der Ort, wo die Entscheidung getroffen werde und nicht das nachsynodale Schreiben.

Der Papst sagt indirekt, der Glaube könne auch ohne Priester und Eucharistiefeier blühen. Wie sehen Sie das?
Das können Sie in Lateinamerika erleben. Die Menschen leben und feiern ihren Glauben im Alltag, im Miteinander, bei den unterschiedlichsten Treffen, in Basisgemeinden – zum Gebet oder zur gegenseitigen solidarischen Hilfe.

Der Papst spricht sich gegen Weiheämter für Frauen aus, empfiehlt aber, über neue Dienste und Ämter für Frauen nachzudenken. Welche anderen neuen Dienste können sie künftig in Amazonien übernehmen?
Der Papst erinnert daran, dass in weiten Teilen Amazoniens es Frauen waren und sind, die den Glauben weitergegeben haben – ich zitiere mal: „ohne dass dort – manchmal jahrzehntelang – ein Priester vorbeigekommen wäre“. Er schlägt nun vor, dass dieser Dienst der Frauen, der praktisch längst geschieht, durch die Kirche anerkannt wird und sie vom Bischof dazu beauftragt werden.

Welche neuen Möglichkeiten ergeben sich durch das Papstschreiben für die Gemeindeleitung durch Laien? Beschreibt das Papier da nicht nur den bisherigen Stand?
Die vielen Laien, die heute schon in Amazonien die Gemeinden leiten, sind nicht länger geduldete Ausnahmen oder Notfälle. Papst Franziskus anerkennt sie als mit entsprechenden Vollmachen ausgestattete Laien-Gemeindeleiter.

Was muss nun geschehen, damit die Synode und das Schreiben den Menschen am Amazonas zum „guten Leben“ verhelfen, wie der Papst schreibt?
Wir müssen ganz konkret und ganz persönlich in unserem Leben in Kirche und Gesellschaft die befreiende Botschaft des Evangeliums in die Tat umsetzen. Für uns als Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat heißt das: Wir müssen gemeinsam mit den solidarischen Menschen hierzulande den Schrei der Armen hören, Netze der Solidarität und Entwicklung aufbauen und die Menschen vor Ort weiterhin unterstützen, besonders die Armen und die indigenen Völker. Mit Spannung warten wir von Adveniat nun darauf, welche Vorschläge unsere Projektpartner aus Lateinamerika uns in den kommenden Monaten vorlegen. So wollen wir alles tun, um den synodalen Prozess der Weltkirche weiter zu fördern.

Andreas Lesch