03.02.2020

Erste Vollversammlung des Synodalen Wegs

Ein geistliches Experiment nimmt Gestalt an

In Frankfurt tagte die erste Vollversammlung des Synodalen Wegs. Der Versuch einer Bilanz.

Foto: kna/Harald Oppitz
Bischöfe, Priester und Laien diskutierten auf der ersten Vollversammlung des Synodalen Wegs. Foto: kna/Harald Oppitz

Mit einem Gottesdienst im Frankfurter Dom hatte der Synodale Weg zur Zukunft der Kirche in Deutschland am Donnerstag begonnen. Unter festlichem Geläut aller neun Glocken zogen die rund 230 Teilnehmer der ersten Synodalversammlung in das Gotteshaus - durch ein Spalier von Demonstrantinnen, die mehr Beteiligung von Frauen am kirchlichen Leben forderten.

Hat die Kirche verstanden, was die Stunde geschlagen hat? Das fragten sich manche von denen, die für Veränderungen eintreten. Schlägt die letzte Stunde für die Kirche und ihre jahrhundertealten Traditionen? Diese Furcht schwang in manchen Einlassungen derer mit, die dem Synodalen Weg skeptisch gegenüber stehen.

Bei der am Samstag beendeten Synodalversammlung deutete sich an, wohin die Reise bei diesem auf zwei Jahre angelegten "geistlichen Experiment" gehen könnte, das die Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) angestoßen haben: In Richtung einer Gemeinschaft, in der Frauen eine stärkere Rolle spielen, in der die Macht von Klerikern neu definiert wird und in der sich die Sexualmoral der Kirche verändert.

Dass die deutschen Katholiken keinen Sonderweg beschreiten, belegten die Einlassungen der internationalen Beobachter. Sie zeigten sich beeindruckt von der offenen Atmosphäre. Ähnlich kommentierten einige der 145 akkreditierten Journalisten das Geschehen. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" sprach von einem "Geist des Freimuts". Neuaufbrüche gibt es auch in anderen Teilen der Welt, wie die von Papst Franziskus einberufene Amazonas-Synode zeigte. Das erwartete päpstliche Schreiben dazu dürfte die künftigen Versammlungen des Synodalen Wegs beeinflussen.

Das erste Treffen prägten Bestandsaufnahmen zu den vier zentralen Themen Macht, priesterliches Leben, Rolle der Frauen und Sexualmoral. Es galt, die dazu gehörenden Foren zu besetzen - und eine Geschäftsordnung zu verabschieden. Eine Gruppe von Skeptikern um den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki versuchte dabei, eine Sperrminorität auf der Ebene der Arbeitsgruppen (Foren) durchzusetzen. Dieser Vorstoß wurde mit einer Mehrheit von 87 Prozent abgelehnt. Stattdessen wurde das Stimmrecht der Frauen aufgewertet. Auf Antrag muss künftig auch eine Mehrheit der Frauen für einen Beschluss stimmen, damit dieser als angenommen gilt.

Als respektvoll umschrieben Teilnehmer den Ton der Aussprachen. Das blieb auch so, als der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer gleich zum Auftakt des Treffens die Wissenschaftlichkeit der von den Bischöfen in Auftrag gegebenen MHG-Studie zu sexuellem Missbrauch anzweifelte. Sie lieferte einen wesentlichen Impuls für den Start des Reformdialogs.

 

Kardinal Woelki kritisiert Versammlung

Eine ausgesprochen kritische Bilanz zog zum Schluss Kardinal Woelki. Die hierarchische Ordnung der Kirche werde infrage gestellt, und nicht jede Meinung habe Gehör gefunden, sagte er. Er habe schon im Vorfeld die große Sorge gehabt, "dass hier quasi ein protestantisches Kirchenparlament" implementiert werde. Marx wies die Vorwürfe zurück. "Ich weiß nicht, warum protestantisch ein Schimpfwort sein soll", sagte er.

Auch in den sozialen Netzwerken wurde die Synodalversammlung intensiv kommentiert. Ein Teil der rund 6.000 Eingaben, die bei den Veranstaltern eingingen, war von Beleidigungen und Polemik geprägt. "Das hat mich schon erschreckt", bekannte die Erfurter Theologin Julia Knop.

Bei der Fraktion der unter 30-jährigen Teilnehmer sorgte unterdessen eine mit lateinischen Einsprengseln durchsetzte theologische Fachsprache für Stirnrunzeln. Einige ältere Teilnehmer ließ das ganz offensichtlich unbeeindruckt, wenn sie eine Abstimmungen mehrerer Einzelpositionen "in cumulo", also in Gänze, forderten.

Was bleibt? Eindrucksvolle und sehr persönliche Zeugnisse zum Leben von Priestern - "Bis zur Weihe werden wir hofiert, danach werden wir verheizt" -, zum Umgang mit Macht und Sexualität. Ein von Frauen geleiteter Gottesdienst im voll besetzten Frankfurter Dom. Und die drängende Frage der weiteren Aufarbeitung des Missbrauchsskandals. Der stand am Beginn des Synodalen Weges. Und er wird ihn weiter begleiten.

kna