28.01.2019

Anfrage

Warum nicht mehr: "der du bist im Himmel"?

Warum wurde die Formulierung im Vaterunser von „der du bist im Himmel“ auf „Vater unser im Himmel“ geändert? F. J. R., Bremen

Das hängt mit der Übersetzung der Bibel zusammen. Während Jesus Aramäisch gesprochen hat, wurden seine Worte erstmals in Griechisch aufgeschrieben, sind also schon eine Übersetzung. Das Vaterunser kommt nur bei den Evangelisten Matthäus und Lukas vor. Und auch wenn sich beide vermutlich auf eine gemeinsame griechische Textsammlung mit überlieferten Aussprüchen Jesu beziehen, unterscheiden sich schon diese beiden Versionen. 

Bei Lukas heißt die Anrede nur „Vater“. In der Version bei Matthäus heißt die Anrede in der aktuellen deutschen Übersetzung „Unser Vater im Himmel“. Das griechische Original lautet in wörtlicher Übersetzung: „Unser der in den Himmeln Vater“, also in der Mehrzahl von Himmel und ohne Verb und Relativsatz. Die Beschreibung „der in den Himmeln“ wurde dann in der lateinischen Übersetzung zum Relativsatz „der du bist in den Himmeln“ (qui es in caelis) aufgelöst. Hintergrund der Mehrzahl ist die antike Vorstellung von den „sieben Himmeln“ als besondere Fülle. 

In der Liturgie wird im Deutschen heute das Vaterunser wie im griechischen Originaltext und in der aktuellen deutschen Bibelübersetzung ohne Verb verwendet. Frühere Fassungen, etwa frühere Messbücher, benutzen noch das Verb. Auch viele Übersetzungen anderer Sprachen verwenden heute die im Lateinischen gebräuchliche Anrede „Vater unser, der du bist in den Himmeln“, zum Teil in der Mehrzahl (französisch, italienisch) oder auch in der Einzahl (spanisch). Entscheidender als die Frage, ob es wörtlich „der im Himmel“, „der in den Himmeln“ oder „der du bist im Himmel“ heißen sollte, ist der Akzent, dass Jesus in diesem Gebet die sehr liebevolle und vertrauliche Anrede „Vater“ verwendet, die in beiden Evangelien bezeugt ist. 

Das ist das Besondere und bis heute Tröstliche: Wir dürfen Gott persönlich und liebevoll als „unseren Vater“ ansprechen; das Wort „Abba“, auf das Jesus im Aramäischen verweist, drückt – ähnlich dem deutschen Wort „Papa“ – vor allem die besondere Zuneigung und Vertrautheit aus.

Michael Kinnen