05.08.2018

Augustinus

Ein zerrissener Christ

Legt den alten Menschen ab. Ändert euer Leben!“ Was der Epheserbrief fordert, ist typisch für die ersten Christen. Neue Religion, neues Leben. Aber auch später musste sich mancher radikal ändern. Zum Beispiel Augustinus.

Foto: wikimedia
Simone Martini: Altarretabel von Cambridge,
Detail: Heiliger Augustinus. 1320-1325.
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Er ist nicht der Playboy schlechthin gewesen, der die Mädchen wechselte wie die Hemden und urplötzlich – gerührt von den Tränen seiner frommen Mutter – eine Bekehrung erlebte. Er war nicht der Feind des Körpers und jeglicher Erotik, der mit seiner Sündenlehre das Schicksal von Millionen sexuell verklemmter Abendländer bestimmte. Er ist auch nicht der Kirchenvater ohnegleichen, ein denkerisches Genie irgendwo zwischen Platon und Schopenhauer, über jede Kritik erhaben und zeitlos gültig.

Vieles, was man über den heiligen Augustinus (354–430) sagt, stimmt nicht oder nur halb. Gewiss, er schrieb eine ganze Bibliothek über Gott und die Menschennatur. Aber seine Theologie wurde nie ganz abstrakt. Was er dachte und schrieb, hatte immer etwas mit seiner eigenen Lebensgeschichte zu tun. In Augustinus begegnet uns kein kühler Gelehrter. Stattdessen ein Mensch voller Leidenschaften, temperamentgeladen, verliebt in alles Schöne und ein wenig auch in die eigene komplizierte Seele, zügellos und schwach bisweilen, aber mit der festen Überzeugung, dass hinter diesem Leben noch etwas sein muss. Ein Heiliger zum Gernhaben ist dieser mehr Feuer als Wärme ausstrahlende Mensch wohl nicht. Aber vielleicht ein Bruder, der die Zerrissenheit des modernen Christen kennt.


Krank vor Ehrgeiz und Selbsthass

Augustinus lebt in einer Zeit der Umwälzungen. Sein Vater, ein kleinbürgerlicher Beamter in der römischen Provinz Nordafrika, sorgt für eine gute Erziehung, die ihm eine Laufbahn als Redner und Anwalt in der kaiserlichen Verwaltung eröffnen soll. In Karthago schließt er seine Studien ab; er ist versessen auf Zirkus-spiele und Theateraufführungen, stürzt sich nach eigenem Bekunden in die Liebe, nimmt sich mit siebzehn ein Mädchen, dem er immerhin vierzehn Jahre lang – wenngleich unverheiratet – die Treue hält; 372 wird der gemeinsame Sohn Adeodatus („Der von Gott Gegebene“) geboren.

Augustinus tritt arrogant auf, aber auch bezaubernd, der Erfolg fliegt ihm nur so zu. Er übersiedelt nach Mailand, wo der Kaiser residiert und vielleicht eine Gouverneursstelle zu haben ist. Seine Mutter arrangiert eine standesgemäße Verlobung mit einem christlichen Mädchen, die Lebensgefährtin muss ohne den Sohn nach Nordafrika zurück. Bis zur Heiratsfähigkeit der Verlobten lebt Augustinus zwei Jahre lang mit einer weiteren Frau zusammen. Ein „Leben in Begierde“, wie es im Epheserbrief heißt, ist ihm durchaus vertraut.

Aber ihn erfüllt auch die Leidenschaft für das Mehr, die „Sehnsucht nach dem ganz Anderen“. Als Achtzehnjähriger wird er von der Lektüre Ciceros gepackt, dem er eine „glühende Liebe zur Weisheit“ verdankt. Sein Interesse gilt der ewigen Weisheit an sich. Aber es ist seine eigene Skepsis, das Sich-bloß-nicht-festlegen-Wollen des aufgeklärten Bildungsbürgers, woran sich diese bohrende Sehnsucht all die Jahre immer wieder bricht. Zur „Wahrheit, die Jesus ist“, wie es im Epheserbrief heißt, findet er noch nicht.

Der Philosophengott bringt Erleuchtung, aber keine Wärme. Augustinus fühlt sich heimatlos, zerrissen von tausend Sehnsüchten und Erwartungen. Er möchte so gern wissen, wo er hingehört, und schwimmt doch in jeder Beziehung: triebhaft, erlebnishungrig, nie mit etwas zufrieden, alles auskosten wollend. „Zwei Menschen sind in mir!“ stellt er verzweifelt fest. In Augenblicken „zitternder Schau“ sei er zwar zum Ewigen vorgestoßen, aber „es prallte meine Schwachheit ab und kehrte zurück zum Gewohnten.“ Den „neuen Menschen anzuziehen“, ist er nicht bereit.

Es dauert lange, bis Augustinus begreift, dass Gott allein jede Sehnsucht stillen kann. In kleinen, mühsamen Schritten nähert er sich Christus – nicht mehr auf dem Weg kühler philosophischer Argumentation, sondern mit der Leidenschaft eines frisch Verliebten: „Du warst bei mir, und ich war nicht bei dir. Du hast gerufen und geschrien und meine Taubheit zerrissen. Du hast mich berührt, und ich entbrannte nach deinem Frieden.“


Eine radikaler Wechsel des Lebensstils

Das Ergebnis muss radikal gewesen sein, tatsächlich so, wie der Epheserbrief es fordert: „Ändert euer früheres Leben, erneuert Geist und Sinn!“ Augustinus löst sich konsequent aus allen bisherigen Bindungen, um ein stilles Leben in der Nähe Gottes zu führen, gewidmet dem Studium und der Betrachtung. Er verkauft seinen Besitz, baut mit Freunden eine klosterähnliche Wohngemeinschaft auf, die sich philosophischen Gedankenspielen widmet. Und wird eines Tages vom temperamentvollen Kirchenvolk zum Altar geschleift und zum Bischof von Hippo Regius gemacht. Kompromiss-
los wirft er sich in die Seelsorge. Er, der hochfliegende Denker, befasst sich mit Verwaltungskram, kurbelt die Caritas an, tritt für politisch Verfolgte ein.

Aber auch der Bischof Augustinus bleibt ein zerrissener Mensch. Er trauert der Muße der zurückgezogenen Jahre nach. Er äußert vor versammelter Gemeinde Selbstzweifel. In seinen zahllosen Predigten, Briefen, Meditationen, Abhandlungen stellt er sich jeder Frage, verarbeitet er tausend Anregungen.

Doch wenn es um die reine kirchliche Lehre geht, wird er mehr und mehr zum Ordnungsfanatiker: Der alte Mann, der die Auswirkungen von Bindungslosigkeit und Beliebigkeit so schmerzlich in der eigenen Seele erfahren hat, kämpft jetzt gegen das freie Spiel des Geistes.

Und er kämpft mit sich, ein Leben lang. „Du, Herr, hast meine Bekehrung begonnen“, betet er zwölf Jahre nach seiner Taufe; „führe, was an mir noch unvollendet ist, zur Vollendung!“ Er hungert bis zu seinem Tod am 28. August 430 nach Anerkennung, nach Bewunderern. Manchmal schleicht sich ein harter, kalter Unterton in seine Theologie. Und dann entdeckt er wieder beglückt einen unerhört lebendigen Gott, der ganz Herz ist, ganz Nähe, einer, der Mut macht und den Menschen auf den Weg bringt. „Von deinem Feuer“, jubelt es dann aus ihm, „von deinem guten Feuer brennen wir und ziehen wir aufwärts!“

Von Christian Feldmann