18.12.2018

Wo wird Jesus geboren?

Eine Weihnachtsgeschichte

Eine Geschichte über das Geheimnis von Weihnachten.

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„Er wird geboren in einer Familie mit unklaren Verhältnissen“:
Krippe in Strobl im Salzkammergut. Foto:imago

Eines Tages – auch wenn man in Gottes Reich vermutlich nicht von Tagen sprechen kann – ging Gott, der Herr, zu seinem Lieblingsengel und sagte: „Gabriel. Die Menschen haben sich von mir entfernt. Ich möchte ihnen ein Geschenk machen: Ich schenke ihnen meinen Sohn.“ Gabriel blieb der Mund offenstehen. „Herr, Herr, hast du dir das auch gut überlegt?“, stammelte er. „Ja, habe ich, aber darum geht es auch gar nicht. Ich bin nur noch unsicher, wo mein Sohn zur Welt kommen soll. In welcher Zeit, in welchem Land, in welcher Familie. Was meinst du, Gabriel?“

Gabriel überlegte eine Weile, stellte sich die Möglichkeiten vor Augen und sagte dann: „Für deinen Sohn, Herr, deinen einzigen, geliebten, nur das Beste. Lass ihn in einer Zeit des Friedens zur Welt kommen. In einem Land, in dem Gerechtigkeit und Freiheit herrschen. Ein Kind braucht das, um sich gut zu entwickeln. Du willst doch nicht, dass er auf der Flucht hungern und frieren muss. Und die Familie? Sie soll natürlich fromm sein und ihr Kind lieben. Sie muss nicht reich sein, nein, aber ein gewisser Wohlstand, den sollte dein Sohn schon genießen. Ein Haus mit Garten, damit er spielen kann, wenn er klein ist. Wenn er krank ist, soll er gute Ärzte finden. Er soll gute Schulen besuchen können, ihm soll es an nichts fehlen. Denn nur so
kann er seine Persönlichkeit, seinen Glauben und seine Fähigkeiten bilden. Du willst doch nicht, dass er schon als Kind schuften muss, um genug zu essen zu haben und seine Familie zu unterstützen.“

„Danke“, sagte Gott. „Ich sehe, du willst wirklich nur das Beste für meinen Sohn. Alles, was du sagst, klingt vernünftig. Ich werde darüber nachdenken.“

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„Er wird geboren in einem Land, in dem Unrecht herrscht“:
Flüchtlinge aus Syrien im Libanon. Foto: imago

Und Gott, der Herr, dachte nach und ließ am Ende Gabriel rufen. „Und“, fragte der Engel neugierig, „wo kommt dein Sohn nun zur Welt?“ Gott sagte: „Er wird geboren in einem Land, das von Feinden besetzt ist, in dem Unrecht herrscht, in dem Kranke keine Hilfe finden und Arme, Waisen und Witwen hungern, in dem Kinder arbeiten, statt zur Schule zu gehen.“ Gabriel wiegte den Kopf. „Und die Familie?“, fragte er. „Er wird geboren in einer Familie mit unklaren Verhältnissen. Mit einer sehr jungen Mutter und einem Vater, der überlegt, Frau und Kind zu verlassen. Die ihn lieben wird, wie du es gefordert hast, aber sie wird nicht einverstanden sein mit seinem Lebensweg. Die Familie wird fromm sein, wie du es wolltest, und ihn beten lehren. Aber sie wird ihn oft nicht verstehen.“ Gabriel wusste, dass die Entscheidung gefallen war. „Warum machst du es ihm so schwer“, fragte er traurig. „Damit alle Menschen, die es schwer haben, sich ihm nahe fühlen können – und durch ihn auch mir. Weil die Glücklichen meinen Trost weniger brauchen als die Trauernden. Weil ich ein mitleidender Gott bin. Ich bin der Ich-bin-da – besonders im Leid.“

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„Er wird geboren in einem Land, in dem Arme hungern“:
Sudanesin und ihr Kind in einem Lager in Uganda. 
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Und so geschah es. Gottes Sohn kam irgendwo im Nirgendwo zur Welt, fernab von Macht und Einfluss, weit weg von prächtigen Gewändern, Gold und Edelsteinen. Er führte kein Leben, wie wir es unseren Kindern wünschen. Er beugte sich nicht der Tradition und benahm sich nicht, wie man sich benimmt. Er gründete keine Familie, baute kein Haus, bekam keine Kinder. Er schmiss den Beruf und wanderte obdachlos und unstet umher. Er erntete Unverständnis, machte seiner Familie keine Ehre und selbst sein tiefer Glaube an Gott, seinen guten Vater, bekam manchmal Risse. Er wurde verurteilt und hingerichtet, und seine Mutter musste alles mit ansehen. 

Die Reichen und Mächtigen verachteten ihn, doch die Armen und Kranken, die Ausgestoßenen und Verletzten liebten ihn. Er war einer von ihnen, half, wo er konnte, heilte Leib und Seele. Und er erzählte von Gott, dem Gott, der da ist und nah ist, besonders im Leid. Und im Tod. Und darüber hinaus.

Als Gabriel Jahre später – wenn man in Gottes Reich von Jahren sprechen kann – zurückblickte auf diese Zeit Gottes auf Erden, da lächelte er über sich selbst, über das, was er dem Sohn Gottes gewünscht hatte. Nur das Beste war es gewesen – und er hatte doch nicht verstanden: Das Beste wollte Gott nicht für sich, sondern für die Menschen, die er liebt. Das ist das Geheimnis von Weihnachten.

Susanne Haverkamp