13.07.2018

Eritreer feiern jeden zweiten Sonntag eine sechsstündige Zeremonie

Ein Marathon-Gottesdienst

Gläubige Eritreer feiern jeden zweiten Sonntag in Hamburg einen wahren Marathon-Gottesdienst: Sechs Stunden dauert die Zeremonie.

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Sechs Priester und rund 30 Diakone leiten den Gottesdienst der eritreisch-orthodoxen Gemeinde in Hamburg. Foto: kna


Sonntagmorgen, über der Stadt liegt noch die Dämmerung. Während viele Hamburger noch schlafen, herrscht in der Kreuzkirche im Stadtteil Ottensen bereits dichtes Gedränge. Jeden zweiten Sonntag trifft sich die eritreisch-orthodoxe Gemeinde Sankt Michael in dieser eigentlich evangelischen Kirche zu ihrem Gottesdienst - und der hat es in sich: Mit bis zu 600 Menschen ist die Kirche gerammelt voll. Die Priester in bunten, goldbestickten Gewändern singen fast während der ganzen Zeremonie. Die dauert an normalen Sonntagen zwischen sechs und sieben Stunden, an Festtagen gerne auch noch länger.

Das Gewusel ist schon vor dem Gotteshaus groß: Ganze Busladungen von Eritreern strömen in die Kirche; einige Linien des Hamburger Verkehrsverbunds verstärken für den Gottesdienst eigens ihren Takt. Vor dem Kirchenportal stehen etwa zwei Dutzend Kinderwagen, weil auch Kleinkinder mit zum Gottesdienst kommen. Wer eintritt, muss die Schuhe ausziehen. So ist es bei den Eritreern üblich. Weil es in der evangelischen Kirche kein Regal zum Abstellen gibt, bekommt jeder eine Plastiktüte, in der er seine Schuhe verstauen und mit an seinen Platz nehmen kann.

Auch Issac Frewoini streift ihre Schuhe ab und betritt die Kirche. Die 45-jährige Eritreerin lebt seit 1992 mit ihrer Familie in Hamburg und kommt regelmäßig zum Gottesdienst. Wie alle Frauen trägt sie ein Kopftuch und hat ein weißes Gewand angelegt - ein Zeichen der Reinheit. "Aller Unfriede und aller Streit soll im Gottesdienst draußen bleiben", erklärt sie. In der Kirche herrscht Geschlechtertrennung - rechts sitzen die Frauen, links die Männer.

 

Der Gottesdienst beginnt schon um 4.30 Uhr

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Vor der Taufe wäscht der Priester den Müttern der Kinder
in dem provisorischen Taufbecken die Hände. Foto: kna

Der Gottesdienst, der von sechs Priestern und rund 30 Diakonen geleitet wird, ist längst in vollem Gang. Er hat bereits um 4.30 Uhr begonnen; die Geistlichen kamen sogar schon um 3 Uhr, um alles vorzubereiten. Sie haben die schlichte evangelische Kirche mit weißen Wänden und karger Innenausstattung in ein farbenfrohes orthodoxes Gotteshaus verwandelt: Auf dem Boden sind rote Teppiche ausgerollt, vor dem schlichten Bronzekreuz auf dem Altar stehen bunte Jesus- und Erzengel-Michael-Bilder.

Vor dem Altar steht ein Priester und schwenkt ein Weihrauchfass, an dem zahlreiche Glöckchen befestigt sind. Die monotone Melodie des Gebets, das er singt, erinnert ein wenig an den Ruf eines Muezzins. Einige Besucher singen leise mit, andere sind im Gebet versunken, und manche schauen gelangweilt zu Boden. "Die meisten verstehen gar nicht, was der Priester singt", sagt Frewoini. Gottesdienstsprache ist Altäthiopisch, das längst nicht mehr aktiv gesprochen wird.

Plötzlich mischen sich weitere Gesänge mit denen des Priesters am Altar. Im rechten Seitenschiff hat eine Taufe begonnen - parallel zum Hauptgottesdienst. Mehrere Familien haben sich um ein provisorisches Taufbecken versammelt, das aus einer Plastikbadewanne auf einem Holztisch besteht. Ein Priester taucht fünf splitternackte Säuglinge mit einer schwungvollen Bewegung nacheinander drei Mal ins Wasser ein. Einige Kinder beginnen zu schreien.

Die eritreische Gemeinde in Hamburg, die offiziell rund 500 Seelen zählt, war nicht immer so groß wie heute: 2003 wurde sie von einigen Auswanderern gegründet. Zu den Gottesdiensten kamen in den ersten Jahren maximal 60 bis 70 Leute; Priester reisten nur ein bis zwei Mal im Jahr aus Süddeutschland an. Der Flüchtlingszustrom sorgte dafür, dass die Zahl der Mitglieder vor allem im Jahr 2015 stark anstieg. Unter den Neuankömmlingen waren auch einige Priester, die nun die Gottesdienste in Hamburg feiern.

Es ist 11.00 Uhr, als die Feier zu Ende ist - sechseinhalb Stunden hat die gesamte Zeremonie gedauert. Alle ziehen ihre Schuhe wieder an und verlassen das Gotteshaus. Warum wird so lange gefeiert? "Das ist unsere Tradition", sagt Isaac Frewoini, die noch mit einigen anderen Frauen zum Gespräch zusammensteht. "Wenn man damit aufgewachsen ist, sind vier oder fünf Stunden kein Problem."

kna