04.03.2020

Fastenserie: Weniger ist mehr - Teil 2

Chic und individuell

In der Fastenzeit steht Verzicht ganz oben auf der Liste der guten Vorsätze. Aber Verzicht muss nicht wehtun, weniger kann auch mehr sein. Etwa in Sachen Mode. Teil 2 unserer Fastenserie.

Fotos: imago images/epd; istockphoto/hsyncoban
Shirts zum Spottpreis oder lieber Secondhand? Fotos: imago images/epd; istockphoto/hsyncoban

Als meine Tochter 12, 13 Jahre alt war, mussten es Markenklamotten sein. Bench, Converse, Hollister. „Das trugen in der Schule alle“, sagt Miriam, „das musste man haben.“ Aber weil ich zahlen musste, gab es davon nicht viel. 
Dann kam die Billigphase: H&M, Zara, Pimkie – viel Kleidung für wenig Geld. „Wenn man morgens in die Klasse kam, wusste man, wer wo eingekauft hatte.“ Und wieder sahen alle gleich aus.

Heute ist Miriam 18, arbeitet gerade für ein Jahr als Au-Pair in Frankreich, und als ich sie anrufe, um mit ihr über Mode zu reden, sagt sie: „Gern, und übrigens bin ich gerade unterwegs zu einem Secondhandladen.“ Gewundert hat es mich nicht, denn seit rund zwei Jahren kauft sie fast nur gebrauchte Kleidung. Warum?

„Es hat natürlich mit Geld zu tun“, sagt sie. „Ich mag Mode und kaufe mir gern mal etwas Neues, aber habe nicht viel Geld.“ Doch das ist nicht der einzige Grund. „Dazu kommt, dass Fast Fashion total schlecht für die Umwelt ist und für die Menschen, die sie herstellen.“ 

Fast-Fashion: So heißt der Trend, Kleidung immer schneller und immer billiger zu kaufen – und ebenso schnell wegzuwerfen. 3,50 für‘s T-Shirt – das ist nicht viel mehr als ein Burger und so schnell aufgetragen wie der Burger aufgegessen. 
Secondhand zu kaufen, ist für meine Tochter aber mehr als Verzicht aus Geld- und Nachhaltigkeitsgründen. „Ich gehe oft in Läden, um zu schauen, was es Neues gibt, ob jemand etwas Gutes gespendet hat. Das ist wie eine Schatzsuche“, sagt sie. Die Sachen, die sie dort findet, seien „viel origineller, nicht das, was alle tragen“. Und wenn sie nicht ganz perfekt sind, könne man ja noch etwas daraus machen. „Auf Instagram und Youtube ist upcycling ein richtiger Trend, also aus alten Sachen etwas Neues zu machen.“ Und weil sie ein kreativer Typ ist, näht und werkelt sie gerne mit. „Ich freue mich schon auf den Frühling, wenn hier die Flohmarktsaison beginnt.“ 

Dass Kleidung gebraucht ist, heißt für meine Tochter also nicht, dass sie billig aussieht. Aber: „Wenn mir jemand für meine Klamotten ein Kompliment macht und ich sagen kann: Danke, hat nur vier Euro gekostet, dann finde ich das super.“

Auch Kleidertauschpartys besucht Miriam gelegentlich. „Da triffst du Leute, die genauso drauf sind wie du selbst“, sagt sie. Man wird Kleidung los, die man nicht mehr tragen will, „und manchmal siehst du, wie jemand deine Sachen anprobiert und mitnimmt“. Das mache nicht nur ein gutes Gefühl, sondern auch Spaß.

Secondhand geht auch für Erwachsene

Szenenwechsel: ein Laden in der Osnabrücker Altstadt. „edelKreis“ heißt er, und er sieht auch ein bisschen edel aus: großzügig verteilte Kleiderständer, indirekte Beleuchtung, ein Regal mit Büchern, ein anderes mit Kaffeeservice. „Hutschenreuther“, höre ich ankennend sagen. Ich kenne mich nicht aus, aber das scheint etwas Gutes zu sein. An der Wand hängt ein Bildschirm, über den kluge Zitate laufen: „Jedes Kleidungsstück erzählt eine Geschichte; machen Sie einen Fortsetzungsroman daraus.“

Seit November 2018 gibt es den Laden, der von der Diakonie getragen und vom Evangelischen Kirchenkreis und dem Frauenwerk unterstützt wird. „Wir haben zwei Ziele“, sagt Projektleiterin Susanne Niemann. „Wir wollen die Idee der Nachhaltigkeit unterstützen, und wir wollen Gewinn machen.“ Denn der Gewinn geht zu hundert Prozent in soziale und kirchliche Projekte.

edelKreis bringt edle Mode in den Kreislauf zurück – daher der Name. „Wir haben viele Spenderinnen, die in ihrem Kleiderschrank Platz schaffen wollen und es gut finden, dass ihre Sachen nicht im Container landen“, sagt Niemann. „Sie finden es auch gut, dass wir wertschätzend mit ihrer Kleidung umgehen, sie ansprechend präsentieren, sie nicht verramschen. Und dass der Erlös einem guten Zweck zufließt.“ Das ist die Spenderseite.

Die Käuferinnen – mehr Frauen als Männer – finden den Laden auch gut. „Wir haben das ganze Spektrum von der älteren Dame mit der kleinen Rente bis zum Professor“, sagt Niemann. Hier zu kaufen, sei keine Frage des Geldes. „Spender und Käufer sind nicht selten dieselben Leute.“ 

Manche kommen regelmäßig, um zu stöbern. „Mit ein bisschen Glück kann man hier tolle Einzelstücke finden“, sagt Niemann. Andere kommen, um einen Kaffee zu trinken oder ein bisschen mit den ehrenamtlichen Verkäuferinnen zu reden. „Ich habe früher im Einzelhandel gearbeitet“, sagt Claudia Raschke-Klöcker, eine von ihnen. „Es macht Spaß, hier ohne Verkaufsdruck die Kundinnen zu beraten; ich habe schon viele nette Gespräche geführt.“

Auch wenn es für manche ungewohnt klingt: Gebraucht zu kaufen, ist kein Armutszeugnis. Vielmehr hilft es, Fast-Fashion zu vermeiden, Müll zu reduzieren und Ressourcen zu schonen. Ein Fastenopfer, das obendrein Spaß bringen kann. Probieren Sie‘s!

Susanne Haverkamp