13.07.2018

Gewaltwelle hält an

Kameruner auf der Flucht

Kamerun steckt in der Krise, ein Teil der Bevölkerung will die Spaltung des Staates. Tausende Menschen fliehen ins Nachbarland Nigeria. Auch Maurice Aya.

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Maurice Aya ist mit seiner Familie aus Kamerun geflohen. Foto: kna


Manchmal starrt Maurice Aya nachdenklich auf den Boden. Dann kommen die Erinnerungen an die Schießereien, die Flucht und die Gewalt wieder hoch. Gemeinsam mit seiner Frau, den vier eigenen Kindern und zwei weiteren, deren Eltern nicht mehr auffindbar sind, ist der 35-Jährige im Oktober 2017 von Kamerun nach Nigeria geflohen. "Es begann am 1. Oktober. Das Militär ist gekommen und hat auf uns geschossen. Wir haben uns im Wald versteckt und es irgendwann über die Grenze nach Nigeria geschafft."

Wann er nigerianischen Boden erreichte, weiß er nicht mehr genau. Er erinnert sich aber daran, dass einige Eltern auf dem Weg von Akwaya, sein Heimatort unweit der Grenze entfernt, nach Nigeria ihre Kinder zurücklassen mussten. Was aus ihnen geworden ist und ob sie überhaupt noch leben, weiß er nicht.

Nach Einschätzung des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) haben sich bereits mehr als 21.000 Kameruner nach Nigeria gerettet, und es werden immer mehr. So stellt sich auch das Camp, das eine knappe Stunde von der Kleinstadt Adikpo Richtung Osten entfernt liegt, auf weitere Bewohner ein. Aktuell sind es etwa 1.100, Platz ist aber für bis zu 1.700. Die Mehrheit der Flüchtlinge lebt allerdings im Bundesstaat Cross River, südlich von Benue.

 

Krise im englischsprachigen Teil Kameruns

Grund für die Flucht ist die Krise im englischsprachigen Teil Kameruns. Etwa 20 Prozent der 25 Millionen Einwohner leben dort. Die Region wurde nach einer Abstimmung 1961 Teil Kameruns, das somit aus einer französischen und britischen Kolonie entstand. Gleichberechtigung gebe es aber nicht, klagen die englischsprachigen Bewohner.

Verstärkt habe sich die Marginalisierung ab Herbst 2016, als Lehrer und Anwälte gegen eine zunehmende Frankophonisierung des Bildungs- und Justizsystem demonstrierten. Demonstranten wurden verhaftet, Lehrer streikten. Im Jahr darauf wurden Unabhängigkeitsforderungen immer lauter. Deren Befürworter nennen die Region längst Ambazonia, auch Maurice Aya, der über das alte Kamerun sagt: "In einem Land wie diesem sind wir nicht mehr glücklich. Die anderen nehmen uns alle Ressourcen weg. Wir wollen die Teilung."

Das UNHCR und die Partnerorganisationen stellen sich auf einen langen Konflikt ein. Mit den Behörden von Benue wurde ausgehandelt, dass die Kinder lokale Schulen besuchen können. Durch die Streiks in der Heimat haben viele mindestens ein Schuljahr verloren. Auf dem hügeligen Gelände entstehen überall kleine Häuser, für die Material zur Verfügung gestellt wird.

Das ist möglich, weil sich die Flüchtlinge hier sicher fühlen. "Bis zur Grenze sind es drei Stunden. Die Straße ist schlecht und nur mit Geländewagen passierbar", sagt Valentine Kwaghchimin, der für die Caritas arbeitet. "Das gibt eine Idee davon, was die Menschen bei der Flucht auf sich genommen haben."

 

Maurice Aya würde gerne zurückkehren

Wie Maurice Aya harrten viele anfangs im Grenzgebiet aus. In Ityukasse und Abande versuchte Aya, sich mit Gelegenheitsjobs durchzuschlagen. Häufig wurde er für seine Arbeit nicht mal bezahlt. Noch schlimmer sei aber die Angst gewesen. Kamerunische Soldaten seien gekommen. Es gab immer wieder Gerüchte, dass sie sich auch unter die Flüchtlinge mischen könnten. Das sorgt bis heute für Misstrauen.

Deshalb schauten sich das Gelände bei Adikpo anfangs auch nur wenige Flüchtlinge an. "Wir wussten nicht, ob es eine Falle ist." Weitere Personen in das Lager zu bringen, sei nun eine große Herausforderung, sagt Kwaghchimin. Das liege nicht nur an der schlechten Straße, sondern am fehlenden Mobilfunknetz. Die Region entlang der Grenze ist abgeschieden. Auch das ein Grund, warum es nur wenige Informationen über die Lage gibt.

Maurice Aya würde gern zurück in die Heimat - "aber erst, wenn die Krise vorbei ist." Ihm ist es bei der Flucht sogar gelungen, sein Ausbildungszeugnis einzustecken. "Ich habe Kakao angebaut und würde heute jeden Job annehmen." Es ist ein weiteres Ziel der Organisationen, Flüchtlinge bei der Suche nach Arbeit zu unterstützen. Erste Gespräche sind laut Valentine Kwaghchimin bereits geführt worden. Die Kameruner sollen sich in Nigeria so gut es geht selbst versorgen. Das wird umso wichtiger, je länger die Krise in der Heimat anhält.

kna