08.08.2018

Bechers Provokationen

Leben nach der „B-Moral“

Unsere Provokationen suchen nach der Glut unter der Asche, nach dem Kern der Botschaft. Heute geht’s um die Kluft zwischen Lehre und Leben. Höchste Zeit für eine Versöhnung. Aber wie? Das ist auch eine Frage für die Theologie. Von Johannes Becher.

Nix sehen, nix hören, nix sagen: An dieses Sinnbild erinnert zuweilen das kirchliche Leben zwischen Theorie und Praxis. Foto: Adobe Stock
Nix sehen, nix hören, nix sagen: An dieses Sinnbild erinnert zuweilen das kirchliche Leben zwischen Theorie und Praxis. Foto: Adobe Stock

„Der liebe Gott sieht alles!“ So steht es auf dem Schild, das im Garten vor dem Kirschen-Klau warnen soll. „Aber er verrät uns nicht!“ So hat ein wenig reumütiger Fruchtdieb darunter geschrieben. In der Kirche geht es heute ein wenig zu, wie in diesem Witz aus Kindertagen. Es gibt eine Menge Warntafeln und Verbote des kirchlichen Lehramts, doch die meisten Katholiken ignorieren diese stillschweigend in ihren Lebensvollzügen oder – sie begehren dagegen auf und fordern Reformen und Anpassungen.

Die Kluft zwischen Lehre und Leben betrifft vor allem die Sexualmoral. Aber eben nicht nur. Eine Befragung katholischer Familien durch Studenten der Uni Münster erbrachte vor der Synode im Vatikan 2014 drastische Ergebnisse: Demnach befürworten 87 Prozent der Umfrage-Teilnehmer den Diakonat der Frau. 72 Prozent geben künstlichen Verhütungsmethoden den Vorzug. Mehr als 85 Prozent sprechen sich für die Abschaffung des Pflichtzölibats aus. 90 Prozent lehnen es ab, Geschiedene von der Kommunion auszuschließen.

Johannes Becher Foto: privat
Johannes Becher
Foto: privat

Selbst die deutschen Bischöfe stellen damals fest: „Die Lehre der Kirche wird meist nur selektiv angenommen.“ (siehe „Zitiert“) Die Folge: vorehelicher Geschlechtsverkehr, künstliche Verhütungsmittel, persönliche Auslegung der Sonntagspflicht … Und auch unter den Priestern gibt es nicht wenige, die eine mehr als freundschaftliche Beziehung zu einer Frau oder einem Mann pflegen. Nicht selten mit Wissen und Duldung der Bistumsleitung.

Das geht solange gut, wie es nicht öffentlich wird und niemand das anprangert. „Im Prinzip ist vieles verboten, aber alles erlaubt, solange man sich nicht erwischen lässt. Die Folge davon ist die Aufspaltung in eine offizielle A-Moral und eine inoffizielle B-Moral.“ So kommentierte vor ein paar Jahren die Süddeutsche Zeitung.

Nun mag man einwenden: Das ist doch nichts Neues. Nicht erst, seitdem der Jesuit Bergoglio das Amt des Papstes ausübt, sondern seit den Tagen eines Aristoteles gibt es das Prinzip der Billigkeit – der Epikie – auch in der Kirche. Gemeint ist: Von jeder (moralischen) Regel gibt es im Einzelfall Ausnahmen, eine Befreiung, „Dispens“. Thomas von Aquin meinte, dass es in manchen Fällen nicht nur erlaubt, sondern sogar Pflicht sein könne, „unter Absehen vom Gesetzeswortlaut dem zu folgen, was die innere Gerechtigkeit und der gemeinsame Nutzen fordern“. Epikie sei „die höhere Regel der menschlichen Handlungen“.

Gerade allerdings hat im Kommunionstreit der orthodoxe Metropolit Augoustinos Labardakis seine katholischen Bischofsbrüder davor gewarnt, aus der Ausnahme eine Regel zu formulieren. Auch in der orthodoxen Kirche kenne man das Prinzip der „Oikonomia“. Damit gemeint sei die Möglichkeit, eine kirchliche Vorschrift zu übergehen, „wenn es dem Heil der betreffenden Person, ihrer Oikonomia, dienlich ist“. Aber eben nur als Ausnahme.

Aber ist das noch glaubwürdig? Wenn es längst verbreiteter sensus fidelium – Glaubenssinn des Volkes Gottes – ist, dass die Lehre von gestern ist und dringend reformiert werden muss; wenn die meisten Theologen (und nicht wenige Bischöfe hinter verschlossenen Türen) ein auch wissenschaflich belastbares Heutigwerden von Regeln, Vorschriften und Paragraphen fordern.
Es ist Zeit, dem Gewissensurteil der getauften Gläubigen ruhig mehr zu trauen.
 

Zitiert: „Nur selektiv angenommen“

„Die Lehre der Kirche wird …meist nur selektiv angenommen. (…) Die kirchlichen Aussagen zu vorehelichem Geschlechtsverkehr, zur Homosexualität, zu wiederverheirateten Geschiedenen und zur Geburtenregelung finden kaum Akzeptanz oder werden überwiegend explizit abgelehnt.

Das katholische Familienbild wirkt auf viele zu idealistisch und lebensfern. (…)

Da nicht zuletzt auch der Zölibat von vielen als Ausdruck einer kritischen Grundhaltung der Kirche zur Sexualität gedeutet wird, erschwert dies eine positive Vermittlung der kirchlichen Lehre von Ehe und Familie.“

Die deutschen Bischöfe in ihrer Auswertung eines Fragebogens zur vatikanischen Bischofssynode 2014