10.12.2018

Friedensnobelpreis für Aktivistin gegen Islamischen Staat

Nicht Rache, sondern Gerechtigkeit

Entführt und versklavt: Die Jesidin Nadia Murad ist Opfer des IS. Für ihren Kampf gegen die Terrormiliz wird sie nun mit dem Friedensnobelpreis geehrt.

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Nadia Murad hat Papst Franziskus von ihrer Arbeit im Kampf gegen den IS berichtet. Foto: kna


Sie musste unvorstellbare Gräuel durchleiden, ließ sich aber niemals von ihren Peinigern brechen. Am 10. Dezember wird die 25 Jahre alte irakische Jesidin Nadia Murad, die vor der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) nach Deutschland floh, in Oslo mit dem Friedensnobelpreis geehrt - gemeinsam mit dem kongolesischen Arzt Denis Mukwege (63). Grund für die Auszeichnung sei ihr unermüdlicher Einsatz gegen sexuelle Gewalt als Kriegswaffe, teilte das norwegische Nobelkomitee im Oktober mit.

Murads Bekanntheit resultiert aus dem schrecklichen Schicksal als IS-Opfer - und ihrer Art, öffentlich damit umzugehen. Sie wuchs in Kocho in der irakischen Region Sindschar auf, wo sie im August 2014 von IS-Truppen entführt wurde. Bei dem Überfall auf das Dorf starben ihre Mutter und sechs Brüder. In der Gegend um Mossul kam sie in Gefangenschaft, sie wurde versklavt, vergewaltigt, gedemütigt.

Nach drei Monaten konnte die junge Frau fliehen. In einem Flüchtlingslager hörte sie von einem Sonderprogramm, das die baden-württembergische Landesregierung für rund 1000 traumatisierte Frauen und Kinder aus dem Irak und aus Syrien starten wollte - allesamt Opfer des IS. Sie kam schließlich tatsächlich nach Deutschland - in einem Kontingent, das im Südwesten Deutschlands, abgeschirmt von der Öffentlichkeit, die Grauen der Traumata verarbeiten sollte.

 

Murads Leben hat sich radikal verändert

Seitdem hat sich Murads Leben radikal verändert, aber ganz anders als erwartet. Sie kämpft jetzt für die Anerkennung der IS-Taten als Völkermord und für die Freiheit anderer Jesiden, die noch unter dem Terror der Fanatiker leiden müssen. Mit Erfolg. Denn mit Nadia Murad bekamen die Opfer der islamistischen Schreckensherrschaft ein Gesicht. "Fast jede betroffene Familie hat ein oder zwei Menschen durch die Tötungen oder Versklavungen des IS verloren", betonte sie, als man ihr 2016 gemeinsam mit Lamija Adschi Baschar den Sacharow-Preis für Menschenrechte des EU-Parlaments verlieh.

Im September 2016 ernannte sie UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon zur Sonderbotschafterin gegen Menschenhandel und begründete das mit ihrem Mut, nach dem Missbrauch und den Menschenrechtsverletzungen nun gegen solche Verbrechen anzukämpfen. Seither nutzt die Aktivistin immer wieder die Gelegenheit, um öffentlichkeitswirksam das Wort zu ergreifen.

Etwa bei einer Rede im baden-württembergischen Landtag, bei der sie gefasst über ihre Familie sprach und dem Land für die Aufnahme dankte. Dabei erläuterte sie, was ihr persönlicher Antrieb sei: Sie habe überlebt, um von den Verbrechen des IS zu sprechen; sie wolle keine Rache, sondern Gerechtigkeit. Am Ende standen alle Abgeordneten auf und applaudierten. Im Mai 2017 besuchte Murad Papst Franziskus im Vatikan, um ihm von ihrer Arbeit zu berichten. Das alles ist sehr viel für eine junge Frau, die aus einer streng patriarchalisch geprägten Kultur stammt und Unsagbares erlebt hat.

Der in Villingen-Schwenningen lebende Traumatherapeut Jan Kizilhan, der einen entscheidenden Anteil am 2015 gestarteten deutschen Hilfsprogramm für Jesidinnen hatte, bezeichnete den Friedensnobelpreis für Murad als "wunderbare Entscheidung". "Sie erhält die Auszeichnung stellvertretend für die Tausenden Frauen, die vom IS vergewaltigt oder getötet wurden", sagte er. "Nadia Murad ist eine großartige Frau, die wie keine andere das jesidische Volk repräsentiert." Die diesjährige Nobelpreisvergabe sei ein starkes Symbol gegen den Terror.

kna