02.12.2019

Interview mit dem Patriarchatsleiter in Jerusalem

"Die Menschen sehnen sich nach Veränderung"

Der Leiter des Lateinischen Patriarchats in Jerusalem, Erzbischof Pierbattista Pizzaballa, sieht die politische Lage in Israel und auch in den Palästinensergebieten festgefahren. Angesichts fehlender politischer Führung bestehe eine der Hauptherausforderungen der Kirche darin, das Zugehörigkeitsgefühl der Christen zu stärken.

Foto: kna/Hadas Parush
"Insgesamt stecken wir in einer Sackgasse", sagt der Leiter des Lateinischen Patriarchats in Jerusalem, Erzbischof Pierbattista Pizzaballa. Foto: kna/Hadas Parush


Herr Erzbischof, das Heilige Land blickt auf ein turbulentes politisches Jahr zurück. Wie ist Ihre Bilanz?
Wir stehen in Israel sehr wahrscheinlich vor den dritten Parlamentswahlen innerhalb eines Jahres. Das ist ein Zeichen der Schwäche. Auf palästinensischer Seite werden die Wahlen ein ums andere Mal verschoben. Insgesamt stecken wir in einer Sackgasse, in der sich nichts bewegt. Gleichzeitig sehe ich in der Gesellschaft den Wunsch nach einem Wandel, besonders bei den Palästinensern.


Woran erkennen Sie diesen Wunsch?
Bei meinen regelmäßigen Pfarreibesuchen sehe ich, wie sehr dieser Stillstand alle Aspekte des Lebens beeinflusst. Die Situation mit ihren wirtschaftlichen und sozialen Problemen ist sehr schwierig. Die Menschen sehnen sich nach Veränderung.


Die USA haben Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt und zuletzt auch die jüdischen Siedlungen in den Palästinensergebieten teils für rechtmäßig erklärt. Daraufhin hieß es aus der Autonomiebehörde, Washington spiele als Vermittler im Nahost-Konflikt keine Rolle mehr.
Die Amerikaner wirken inzwischen unberechenbar. Aber vielleicht ist es letzten Endes sogar sehr vorhersehbar, wohin die Reise aus ihrer Sicht gehen soll. Ich bedauere diese einseitigen Schritte sehr, denn wir bräuchten Einvernehmen. Stattdessen isolieren sich die USA. Fast niemand ist der US-Entscheidung zur Botschaftsverlegung nach Jerusalem gefolgt. Auch die jüngste Stellungnahme zu israelischen Siedlungen in den besetzten Gebieten hat allgemein harsche Reaktionen ausgelöst.


Könnte dies nicht letztlich andere Länder, besonders die EU, zum Handeln bewegen, um den Verhandlungen neuen Schwung zu geben?
Europa ist irrelevant, hier gibt es kein Europa! Politisch gesehen ist Europa keine Einheit. Wer gegenwärtig in Nahost Relevanz besitzt, ist Russlands Präsident Wladimir Putin.


War denn 2019 wenigstens aus kirchlicher Sicht ein gutes Jahr?
Das hängt davon ab, wie man "gut" definiert. Insgesamt gab es in der christlichen Gemeinschaft im Vergleich zum Vorjahr wenig Veränderung, von ein paar Personalentscheidungen abgesehen. Auch die Herausforderungen sind die gleichen geblieben, etwa der anhaltende Streit um den Verkauf griechisch-orthodoxen Kirchenbesitzes. Innerhalb unserer Kirche sind wir ökonomisch inzwischen besser organisiert. Allerdings braucht es Zeit, das Erbe der Vergangenheit aufzuarbeiten.


Worin sehen Sie, abgesehen von den äußeren Schwierigkeiten, die Herausforderungen für die Christen im Heiligen Land?
Wir müssen uns über unsere Präsenz hier Gedanken machen. Wir werden weniger, die Zahl der Hochzeiten geht zurück. Auf politischer Ebene fehlt wie gesagt jede Führung, und unsere kleine Gemeinschaft steht zwischen den Fronten. Deshalb müssen wir das Zugehörigkeitsgefühl stärken - das des Einzelnen zur christlichen Gemeinschaft und das der Christen zur Gesellschaft.


Die Zahl der Christen geht zurück. Gleichzeitig steigt die Zahl der Pilger.
Die Zahlen für 2019 waren außerordentlich, auch wenn zwei Drittel der Besucher eher religiöse Touristen sind und nicht Pilger im eigentlichen Sinne. Für sie steht der touristische Besuch religiöser Stätten im Vordergrund, nicht das Gebet. Gleichzeitig bringen diese hohen Zahlen neue Herausforderungen mit sich: Die Heiligen Stätten sind klein und nicht auf diese Massen ausgelegt. Es ist beinahe unmöglich geworden, Orte der Stille zu finden.


Gibt es Überlegungen, wie man das verbessern kann?
Vielleicht müssen wir, wie in der Geburtskirche in Bethlehem, die Öffnungszeiten überdenken. Aber die Diskussionen dazu stehen noch am Anfang. Auch sind die Kirchen nicht die alleinigen Entscheidungsträger.


Wie beurteilen Sie die Lage in Gaza?
Gaza ist aus kirchlicher Sicht ein Desaster. Es scheint sinnlos, nach einer Zukunft für die Kirche in Gaza zu fragen. Wir müssen mit der Gegenwart und der heutigen Realität arbeiten, und die ist beschämend. Alle zusammengerechnet leben heute weniger als 800 Christen in Gaza. Allerdings müssen wir weiter dort präsent sein, selbst wenn es keine Christen mehr in Gaza gäbe - das ist Teil unserer Mission.


Sie haben den politischen Stillstand beklagt. Im Libanon geht das Volk seit Wochen auf die Straße. Stimmt Sie das zuversichtlich?
Was wir derzeit im Libanon sehen, ist sehr schön. Menschen aus gesellschaftlichen Gruppen, die sich noch vor ein paar Jahren bekämpft haben, stehen jetzt zusammen. Vielleicht ist das ein erster Samen für die Idee von Bürgerschaft. Die Zeit wird zeigen, ob die anfängliche Orientierung der Proteste die richtige war und trägt. Die Demonstrationen können aber ja nicht über Jahre fortdauern. Die Frage ist, ob die Gespräche zwischen den Anführern der Proteste scheitern oder ob wir tatsächliche Veränderungen sehen werden. Ich glaube für den Libanon nicht an revolutionäre Umbrüche; aber man kann auch keinen Wandel ohne Hindernisse erwarten. Veränderungen brauchen Zeit. Ich hoffe, dass wir substanzielle Reformen sehen werden.

kna