11.10.2018

Eskaliert jetzt der Streit in der Orthodoxie?

Ukrainische Kirche wird eigenständig

Das Ökumenische Patriarchat in Konstantinopel erlaubt die Bildung einer ukrainisch-orthodoxen Kirche. 

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Der russische Patriarch Kyrill I. (links) will die Kontrolle über die ukrainisch-orthodoxe Kirche behalten. Bartholomaios I. (rechts) hat die Kirche nun in die Eigenständigkeit entlassen. Foto: kna

Die Zustimmung des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel zur Bildung einer eigenständigen ukrainisch-orthodoxen Landeskirche sorgt für kontroverse Reaktionen. Während der ukrainische Präsident Petro Poroschenko die Ankündigung als "großen Sieg" begrüßte, kam von der russisch-orthodoxen Kirche harsche Kritik.

Zuvor hatte das Leitungsgremium des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel am Donnerstag die Bildung einer autokephalen (eigenständigen) ukrainisch-orthodoxen Landeskirche befürwortet. Zugleich erkannte es zwei vom orthodoxen Moskauer Patriarchat abgespaltene Kirchen in der Ukraine an. Die Konstantinopler Synode hob den von der Russischen Orthodoxen Kirche verhängten Kirchenbann gegen den ukrainischen Oberhirten, Patriarch Filaret von Kiew, und den Primas der kleineren, bereits 1920 gegründeten "Ukrainischen autokephalen orthodoxen Kirche", Metropolit Makarij, auf.

 

Die Kirchenfrage als Frage um die "nationale Sicherheit"

"Das ist ein großer Sieg des von Gott geliebten ukrainischen Volkes über die Moskauer Dämonen, der Sieg des Guten über das Böse", sagte Poroschenko am Donnerstagabend in Kiew. Russland verliere "einen der letzten Hebel des Einflusses in seiner ehemaligen Kolonie". In der Kirchenfrage gehe es um "unsere nationale Sicherheit", die ukrainische Souveränität und Geopolitik. Eine eigenständige orthodoxe Landeskirche sei Teil der "pro-europäischen und pro-ukrainischen" Strategie Kiews. Der russischen Regierung warf Poroschenko vor, einen "Religionskrieg" in der Ukraine anzetteln zu wollen. Hinter Aufrufen zur Übernahme von Klöstern und Kirchen stünden russische Agenten. Die Schaffung einer von Moskau unabhängigen Kirche sei ein "Weg zu Frieden, Ruhe und Verständigung".

Die russisch-orthodoxe Kirche wertete die Konstantinopler Entscheidung hingegen als "Invasion des Patriarchats von Konstantinopel in das kanonische Gebiet der russischen Kirche". Konstantinopel habe gegen das Kirchenrecht verstoßen und die orthodoxe Einheit verletzt, sagte der Leiter des kirchlichen Außenamtes, Metropolit Hilarion, laut russischen Medien (Freitag). Das Leitungsgremium der russisch-orthodoxen Kirche, der Heilige Synod, werde am Montag in der weißrussischen Hauptstadt Minsk über seine Antwort auf die «nächste gesetzeswidrige Handlung des Patriarchats von Konstantinopel» beraten.

Der ukrainische Präsident und das Parlament des Landes hatten im April das Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie, Patriarch Bartholomaios I. von Konstantinopel, offiziell aufgefordert, der orthodoxen Kirche in der Ukraine die Autokephalie zu verleihen. Die russisch-orthodoxe Kirche drohte Konstantinopel daraufhin mit dem Bruch der eucharistischen Gemeinschaft und verhängte Sanktionen.

In der Ukraine ringen seit 1992 zwei orthodoxe Kirchen um die Vormachtstellung: eine des Moskauer und eine des Kiewer Patriarchats. Letzteres Patriarchat gründete sich im Zuge der Wiedererlangung der staatlichen Unabhängigkeit. Rund 70 Prozent der Bürger in der Ukraine sind orthodoxe Christen.

kna