17.02.2020

Vatikan öffnet Archive zu Pius XII.

"Wir polieren keine Heiligenbilder"

Am 2. März öffnet der Vatikan die Archive aus dem Pontifikat von Pius XII. (1939-1958) für die Forschung. Das belebte im Vorfeld auch wieder den einstigen Vorwurf des Dramatikers Rolf Hochhuth von einem "Schweigen" des Papstes angesichts der Judenverfolgung. Der Direktor des Deutschen Historischen Instituts, Martin Baumeister, äußert sich im Interview zu den Erwartungen und zu eigenen Forschungsvorhaben.

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Welche Rolle spielte Papst Pius XII. während des Zweiten Weltkriegs und danach? Der Vatikan öffnet nun seine Archive für die Forschung. Foto: kna


Herr Professor Baumeister, können Sie die Aufregung um die Öffnung der Archive verstehen?
Ja und nein. Wie oft ist die Aufregung medial angeheizt. Auf der anderen Seite übergreifen die zwei Jahrzehnte des Pontifikats Pius' XII. eine zentrale Episode des 20. Jahrhunderts: die Zeit des Zweiten Weltkriegs und der Schoah, dann die Zeit der Neuordnung bis 1958 - also die erste Phase des Kalten Krieges, die Dekolonisierung und die Entstehung einer neuen globalen Ordnung mit dem Sowjetsystem und den liberalen Demokratien des Westens als großen Konkurrenten. Dabei spielt der Heilige Stuhl durchaus eine sichtbare Rolle. Im Pontifikat von Pius XII. verdichtet sich gewissermaßen das 20. Jahrhundert insgesamt. Der britische Historiker Eric Hobsbawm sprach vom "Zeitalter der Extreme" - und genau diese beiden Jahrzehnte bilden darin eine Art Scharnier.


Für die einen ist Pius XII. ein Heiliger, für andere ein Zauderer angesichts der Judenverfolgung. Welches Urteil kann die Geschichtswissenschaft fällen?
Man sollte sich nicht nur auf die Person des Papstes konzentrieren. Was in den vatikanischen Archiven liegt, sind nicht die persönlichen Papiere des Papstes, sondern Dokumente einer komplexen religiösen Institution, in der auch unterschiedliche Meinungen aufeinandertreffen. Ich würde als Historiker versuchen, Pius XII. in seiner Zeit zu interpretieren und einzuordnen. Wenn man sich ausschließlich auf seine Person fixiert, entstehen gewisse Verzerrungen. Als Papst hat er eine Sichtbarkeit und ein amtliches Charisma; aber hinter ihm steht die komplexe Welt der katholischen Kirche. Die Diskussion um die Heiligkeit ist keine Frage, die mich als Historiker umtreibt.


Aber noch immer prägt Rolf Hochhuths "Stellvertreter" die Diskussion um Pius XII.
Die Fortsetzung der Hochhuth-Themen wird meines Erachtens zu hoch gehängt. Hochhuth war nicht der erste, der die Einstellung der katholischen Kirche gegenüber dem Nationalsozialismus und der Judenverfolgung so kritisch gesehen hat. Es gab den französischen Historiker Leon Poliakov, den Israeli Saul Friedländer. Das ist eine internationale Debatte, die auch der Vatikan mit einer eigenen Kommission aufgriff. Ich sehe eine Gefahr, die Diskussion zu sehr zu isolieren und aus dem Zusammenhang zu lösen. Beispielsweise gibt es kaum Forschung zur Rolle Mussolinis in der Schoah. Das ist aus meiner Sicht bizarr.


Die demnächst zugänglichen Akten reichen bis 1958 - also bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg. Was ist für Sie besonders spannend?
Der Vatikan hat Nuntiaturen unter anderem in Lateinamerika, Asien und Afrika; jetzt kommen wir an deren Dokumente aus einer Schlüsselphase der globalen Neuordnung, in der sich die Kolonialmächte allmählich zurückziehen. Die katholische Kirche ist hier massiv involviert - einerseits als Vertreterin von Menschenrechten und der einheimischen Bevölkerung, andererseits mit den Missionen, die auch als Akteure der Kolonisierung auftraten. 

Dann, vor dem Hintergrund der NS-Erfahrung, die Frage der katholischen Kirche und der Menschenrechte, die Gründung der Vereinten Nationen, die Rolle der Kirche in der Blockbildung. Pius XII. war ein überzeugter Antikommunist. Der Vatikan spielte eine enorme Rolle beim Aufbau eines Feindbildes, hatte aber andererseits auch Interesse, über die wachsenden Mauern hinwegzugehen; allein schon um die katholische Bevölkerung zu betreuen, aber auch um mit der Orthodoxie im Dialog zu bleiben. Wo es sicher auch interessant wird, ist die Gründung des Staates Israel.


Mit welchen Projekten beteiligt sich das DHI?
Wir sehen als unsere Verantwortung, über den deutschen Tellerrand hinaus die internationale Forschung zusammenzuführen. Wir wollen mit Kollegen und Kolleginnen aus Frankreich, Belgien, der Schweiz, aus Osteuropa und natürlich Deutschland eine Gruppe mit verschiedenen Themenschwerpunkten aufbauen, besonders zur Geschichte des Kalten Krieges. Dazu organisieren wir im Juni einen ersten Workshop zusammen mit der Ecole Francaise in Rom.

In einem eigenen Forschungsprojekt hier im Haus geht es darum, wie sich die Erfahrung von Faschismus und Nationalsozialismus aus der Sicht katholischer Intellektueller und Politiker auf den Demokratieaufbau in der Nachkriegszeit auswirkt. Pius XII. selbst wurde ja nicht unbedingt als Vorreiter der westlichen Demokratien bekannt.


Besteht die Gefahr, dass die Archivöffnung medial gekapert wird?
Bemühungen wird es sicher geben. Medien haben ihre Erwartungen, und in Deutschland betrifft das Hochhuth. Auch einzelne Wissenschaftler werden dieses Thema noch einmal platzieren wollen. Am Ende ist historische Arbeit in so einem großen Archiv relativ unspektakulär. Man braucht Zeit und ein gutes Konzept. Eine Goldgräbermentalität halte ich für eine ganz verderbliche Einstellung. Das ist nicht das Anliegen von Historikern. Wir sind keine Vereinfacher, wir sind Verkomplizierer. Wir polieren keine Heiligenbilder, sind aber auch nicht dazu berufen, mit der Axt im Wald zu entmythifizieren.


Haben Sie im Vatikan Versuche beobachtet, die angehenden Forschungen zu steuern?
Es gibt sicher ein Interesse, das Bild von Pius XII. nicht zu sehr angekratzt zu sehen. Ich kann aber nicht sagen, dass der Vatikan verhindern wollte, an bestimmte Dinge ranzukommen. Der entscheidende Schritt der Öffnung ist getan. Ein Problem in der Praxis wird sein, dass schon jetzt alle verfügbaren Plätze bis zum Sommer ausgebucht sind. Auch die Verfügbarkeit aller Akten ist keineswegs gewährleistet. Deren Aufbereitung ist eine enorme Aufgabe, das kann man gar nicht flächendeckend machen.


Wie gut ist der Vatikan für den Forscheransturm gerüstet?
Verglichen mit großen Nationalarchiven hat er relativ wenige Mitarbeiter. Sie dürften sich bemüht haben, sich mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln darauf einzustellen. Es ist schwierig, den unterschiedlichen Forschungsinteressen gerecht zu werden. Ich gehe davon aus, dass der Vatikan für kritische Historiker den Archivzutritt nicht unterbindet. Aber gibt es sicher eine Erwartung, mit bestimmten Themen wie der Person Pius XII. - neutral gesagt - sorgsam umzugehen. 

kna