05.02.2019

Kommentar der Autorin der Serie "Und Tschüss?!"

Abgucken erwünscht!

Sarah Seifen Foto: jul
Sarah Seifen,
Volontärin

„Und Tschüss?!“ Lässt sich das so einfach sagen? In der Serie haben wir Menschen kennengelernt, die einen Prozess durchgemacht haben bis zu ihrer Entscheidung, die Kirche zu verlassen. Petra Waldman, deren Name wir geändert haben, hat im Laufe ihres Lebens den Glauben verloren und daraus die Konsequenz gezogen. Richard Jökel hat eine Kindheit in der Kirche erlebt, die von Zwang und Kontrolle geprägt war. Er hat sich daraus befreit. Später hat ihn die gegenteilige Erfahrung zur Kirche zurückgeführt. Ihm wurde gesagt: „Wir können von Ihnen lernen!“

Diese zwei Personen sind Beispiele für Hunderttausende, die jährlich aus der Kirche austreten. Es gibt so viele Gründe für die Austritte, wie es Menschen gibt. Und jeder einzelne Grund ist es wert, angehört zu werden. Damit wir, Frauen und Männer in der Kirche, daraus lernen können.

Vergangenes Jahr habe ich meinen Handyvertrag gekündigt. Nicht einmal eine Woche später hatte ich mehrere Anrufe in Abwesenheit von Mitarbeitern der Mobilfunkgesellschaft. Der Grund: Sie wollten wissen, warum ich gekündigt habe und mir ein Angebot machen, damit ich doch bleibe.

Hier kann sich die Kirche was abgucken! Statt einen – oft vorwurfsvollen – Abschiedsbrief zu schreiben, könnte sie hartnäckiger sein, das Gesprächsangebot wiederholen und Interesse zeigen am Menschen und seinen Gründen. Natürlich, ständige Nachfragen nerven. Aber sie zeigen: Diese Menschen sind der Kirche wichtig. „Wir können von Ihnen lernen!“

Ein Problem ist: Die Kirchenmitgliedschaft beginnt mit der Taufe in der Pfarrei und endet im Bürger- oder Standesamt. Die Verantwortlichen der Pfarrgemeinde erhalten erst später die Namen derer, die ausgetreten sind. Ein nachträgliches Zurückziehen des Austritts – wie bei der Kündigung des Handyvertrags – ist nicht so einfach möglich.

Nun sind auch nicht nur die Hauptamtlichen in der Kirche verantwortlich für die Mitglieder. Jede und jeder Einzelne trägt Verantwortung für die Gemeinschaft. Jeder, der geht, tut ihr weh. Jedes Mal reißt ein Stück des Leibs Christi, den die Kirche symbolisiert, ab. Das kann uns nicht egal sein.

Mit Kirchenaustritten muss offener umgegangen werden. Bei meiner Recherche habe ich zum Thema Austritt auf kirchlichen Internetportalen nichts gefunden. Warum auch? Werbung für den Austritt aus der eigenen Gemeinschaft machen, wäre unangebracht. Aber die Kirche – mit allen ihren Mitgliedern – könnte mehr Angebote ohne Hürden machen, zum Beispiel Internetportale mit Hotlines oder E-Mail-Kontaktformularen anbieten. Für Menschen, die zweifeln und sich mitten im schleichenden Entfremdungsprozess befinden. Für Menschen, die darüber nachdenken, auszutreten: „Sie wollen gehen? Melden Sie sich bei uns. Wir wollen darüber reden.“ Und für Menschen, die bereits ausgetreten sind: „Wir wollen den Grund erfahren. Wir können von Ihnen lernen!“ Denn, das hat die Serie auch gezeigt: Ein Kirchenaustritt muss nicht endgültig sein.

Hier geht's zurück zum Dossier.