08.08.2018

Es fehlen weitreichende Konzepte

Akuter Notstand in der Pflege

Bis zu 60 000 Fachkräfte fehlen in der Pflege und die Zeit drängt. Klar ist, dass der Beruf attraktiver werden muss. Die Bundeskanzlerin setzt Signale, ihre Minister arbeiten an dem Problem. Doch langfristige Konzepte und Finanzierungen fehlen weiterhin.

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Kaum Zeit für ein Gespräch oder eine kurze Pause: Die Arbeitsbelastung der Pflegekräfte ist in den letzten 25 Jahren um ein Drittel gestiegen. Foto: istockphoto


Per Flugzeug ist Bundeskanzlerin Angela Merkel nach Paderborn gereist. Rund anderthalb Stunden hat sie sich im Juli Zeit für ein Pflegeheim dort genommen. „Mein Besuch ist ein Signal der Bundesregierung“. Gleich drei ihrer Minister arbeiten an einer „konzertierten Aktion Pflege“. Im Sommer 2019 wollen Jens Spahn (Gesundheit), Franziska Giffey (Familie) und Hubertus Heil (Arbeit) Lösungen vorlegen. Nachdem jahrelang fast alle Beteiligten – in der Politik, bei privaten Trägern und in den Versicherungen – preisgünstige Lösungen angestrebt haben, ist die Pflege selbst zum Pflegefall geworden.

Zwischen 35 000 und 60 000 Vollzeitkräfte fehlen, 2025 könnten es sogar 215 000 sein. 84 Prozent der ambulanten Pflegedienste sind schon heute derart überlastet, dass sie zeitweise Hilfsbedürftige abweisen müssen. Immer höhere Eigenanteile etwa bei den Heimkosten und teure Zuschüsse bei der ambulanten Pflege treiben Alte und deren Angehörige in die Armut.

Einer Umfrage zufolge ist die Pflege für 74 Prozent der Deutschen mit das wichtigste politische Thema – weit vor der viel diskutierten Zuwanderung (38 Prozent). Ende Mai hat Gesundheitsminister Spahn ein erstes Sofortprogramm vorgelegt. Es sieht vor, ab 2019 13 000 neue Stellen einzurichten. Für Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, sind die Pläne kaum mehr als „Blendwerk“. Die zusätzlichen Pflegekräfte brächten pro Heimbewohner „täglich gerade einmal sechs Minuten mehr für Wundversorgung, Medikamentengabe oder Blutdruckmessung“.

Experten und Opposition machen für den Notstand – neben politischen Versäumnissen hinsichtlich der zunehmenden Überalterung – auch die Profitgier mancher Arbeitgeber verantwortlich. Brysch rechnet vor, dass die Arbeitsbelastung pro Pflegekraft in den letzten 25 Jahren um ein Drittel gestiegen ist. Druck und Stress aber erhöhen das
Fehlerrisiko zu Lasten der Patienten. Von „gefährlicher Pflege“ ist die Rede.


Pflegeversicherung sollte zur Vollversicherung werden

Zahlreiche Lösungsansätze werden diskutiert. Fachkräfte aus dem Ausland sollen her, Flüchtlinge umgeschult werden. Für die FDP ist klar: Der Bedarf kann nur mit einer gesteuerten Einwanderung gedeckt werden. Bisher helfen vor allem Pflegekräfte aus Osteuropa in Deutschland aus. Doch eine langfristige Lösung ist das nicht. Die Frauen haben Sprachprobleme und fehlen außerdem ihren Familien in der Heimat. Um den Fachkräftemangel zu bekämpfen, muss der Beruf auch für Inländer attraktiver werden – durch vernünftige Arbeitszeiten und eine angemessene Bezahlung, sagt Merkel. An entsprechenden Konzepten arbeiten nun ihre Minister.

Für Sozialverbände und Gesundheitsexperten wie Heinz Rothgang von der Uni Bremen steht fest: Wir brauchen darüber hinaus einen Paradigmenwechsel in der Pflegeversicherung hin zur Vollversicherung. Bisher tragen die Kassen nur Teile der tatsächlichen Kosten. Rothgang hat ausgerechnet, dass, wenn man alles gut organisiert, die Beitragssätze von aktuell 2,5 Prozent um 0,7 Prozentpunkte steigen müssten. Eine gute Pflege sollte uns das wert sein.

Von Andreas Kaiser