28.03.2017

Neue Wohngruppe für Demenzkranke in Mainz

Als Dank schenken sie ein Nicken

Sie sitzen den ganzen Tag, sprechen kaum, schauen vor sich hin. Haben Menschen mit schwerer Demenz ein lebenswertes Leben? Sicher, wenn sich andere ihnen mit Geduld zuwenden und sie fördern. Das zeigen die Mitarbeiter in der „Oase“, einer neuen Wohngruppe im St. Bilhildis Seniorenpflegeheim in Mainz. Von Theresa Breinlich.

Altenpflegerin Karola Ebling mit
demenzerkrankter Frau. Foto: Theresa Breinlich

„Kuckuck, Kuckuck, ruft’s aus dem Wald.“ Wie im Schlaf sitzt Gertrud Bausch im Rollstuhl, die Arme schlaff auf dem Schoß, die Füße regungslos auf dem Trittbrett, die Augen auf nichts konzentriert. Als sich Klaudia Meditz (50), Krankenschwester und Heilpädagogin, neben die Dame mit dem leuchtend orangenen Schal kniet, ihr ins Gesicht schaut und das Frühlingslied anstimmt, lächelt sie kurz, nickt leicht, im Takt oder als Bestätigung: „Das ist schön.“Zusammen mit ihren sieben Mitbewohnern sitzt Gertud Bausch im Kreis um einen Tisch in der „Oase“, einer neuen Abteilung im St. Bilhildis Seniorenpflegeheim in Mainz. Sie alle haben eine schwere Demenz. In diesem Stadium sind die Menschen nicht nur vergesslich, sie sind stark pflegebedürftig. Sich anziehen, waschen, aufstehen, gehen, sprechen, vieles, was sie als Kleinkind mühsam erlernt haben,  haben die Patienten mehr oder weniger wieder vergessen. Die Wohngruppe wurde vor drei Monaten eingerichtet, damit die Senioren möglichst lange ihre vorhandenen Fähigkeiten behalten, bevor sie bettlägerig werden. „Auf den anderen Stationen wohnen Menschen, die aggressiv sind oder bei denen die Demenz noch nicht so weit fortgeschritten ist. Dort konnten wir uns nicht so gut um diese Patienten kümmern. Ich sehe es aber als ethische Herausforderung, dass es unseren Bewohnern möglichst lange gut geht und ihr Selbstbewusstsein erhalten bleibt“, erklärt Günther Robl vom Hausleitungsteam des Pflegeheims das Konzept.


„Nichts persönlich nehmen. Keine Hektik verbreiten.“

Ein Herr mit Brille und Schirmkappe soll nun aufstehen, damit Klaudia Meditz und Altenpflegerin Karola Ebling ihm ein neues Kissen auf den Stuhl legen können. Als er auf die Aufforderung nicht reagiert, greifen ihm beide unter die Arme und ziehen ihn hoch. Die Reaktion erfolgt prompt. „So ein Sauhaufen“, schimpft er und beschwert sich kurz darauf, dass er die Rechnung noch nicht erhalten hat. „Die kommt heute Abend“, erklärt die Altenpflegerin und kann ihn beruhigen. „Nichts persönlich nehmen. Keine Hektik verbreiten. Das ist das Wichtigste im Umgang mit Menschen mit schwerer Demenz. Keiner sagt etwas Falsches, auch wenn er behauptet, er sei 28 Jahre alt“, sagt Karola Ebling (57). Ihre Kollegin pflichtet ihr bei. „Hier betritt man eine ganz andere Welt. Wenn ich gestresst hierher komme, ist es manchmal nicht ganz leicht, mich von jetzt auf gleich zu bremsen, um mich in Ruhe auf die Menschen einzulassen.“
Oase, das klingt nach Entspannung. Doch in der neuen Wohngruppe hat jeder Bewohner sein eigenes Förderprogramm. Damit sich die Gelenke nicht versteifen, was später sehr schmerzhaft werden kann, und auch eine Thrombose vermieden wird, üben die Mitarbeiter täglich mit jedem Einzelnen greifen, aufrecht sitzen, aufstehen, und mit dem, der noch kann, gehen. „Das ist unsere größte Freude, wenn wir merken, dass wir den Menschen etwas Gutes getan haben. Es gibt aber auch Tage, da geben wir uns die größte Mühe, und nichts kommt zurück. Den Frust muss man auch aushalten können“, sagt Karola Ebling.

 

Die „Oase“


Die „Oase“ ist eine neue Wohngruppe für acht Menschen mit schwerer Demenz im Seniorenpflegeheim St. Bilhildis in Mainz. Sie wurde in einem angrenzenden Gebäude eingerichtet, das früher ein Kindergarten war. Der Umbau hat 800 000 Euro gekostet und wurde aus Eigenmitteln finanziert. Die Mitarbeiter arbeiten nach dem Konzept der Selbsterhaltungstherapie (SET). Das bedeutet, dass die vorhandenen Fähigkeiten zur Bewegung, Kontaktaufnahme und zum Erleben erhalten werden sollen. Es wird viel Wert auf die Beschäftigung mit Erinnerungen gelegt. Die Bewohner wohnen in Doppelzimmern.