14.09.2021

Was soll mit nicht mehr genutzten Kirchen geschehen?

"Anderen Religionsgemeinschaften helfen"

Kirchen als Orte, an denen Menschen zusammenkommen und Kontakte pflegen – das hört sich doch gut an. Aber werden bestehende Kirchen überhaupt so genutzt? Und wenn das Gebäude von der Kirche aufgegeben werden muss, könnte so die Zukunft aussehen? Wolfgang Beck zur „Nachnutzung“ von Kirchen.


Professor Wolfgang Beck, Lehrstuhl
für Pastoraltheologie und Homiletik,
Sankt Georgen

Stimmt es, dass die Kirche mit der Frage Nachnutzung/Umnutzung ihrer „Gotteshäuser“ unprofessionell umgeht, weil sie zu lange mit dem Handeln wartet?
Professor Wolfgang Beck: Nein, ich würde nicht von „unprofessionell“ sprechen. Aber mir scheint, dass die Immobilien häufig primär als Problem und Ballast empfunden werden. Und problematisch ist sicherlich, wenn es nur noch eine Frage der Vermarktung gibt, die den Bauabteilungen der Ordinariate zugeschoben wird. Stattdessen wären auch diese Immobilien im Kontext einer gemeinwohlorientierten Pastoral als Chance zu betrachten, um sich damit in die gesellschaftlichen Fragen einzubringen und mit vielen Menschen im Stadtteil oder im Dorf das Gespräch zu suchen.

Was kann die Theologie oder genauer die „gemeinwohlorientierte Pastoral“ zum oft schmerzlichen Abschied von der „Kirche im Dorf“ beitragen?
In den Dörfern sind die Kirchen ja in vielen Regionen die letzte Einrichtung, die überhaupt noch vor Ort ist. Grundschulen, Wirtshäuser, Lebensmittelgeschäfte und Poststellen mussten vielerorts schon vor Jahren verabschiedet werden. Da stellt sich auch die Frage, wo Menschen überhaupt noch zusammenkommen können, um Kontakte zu pflegen und die Belange vor Ort zu diskutieren. Die kritische Frage ist aber, ob die Kirchen in Vergangenheit überhaupt so genutzt wurden. Mir geht es nicht darum, dass Kirchen nicht aufgegeben und anders genutzt werden können. Das hat es ja zu allen Zeiten immer wieder gegeben. Wichtiger ist mir, dass Theolog:innen und Seelsorger:innen sich in die gesellschaftlichen Fragen vor Ort einbringen  und  dazu  können  die Gebäude einen guten Beitrag leisten. Sie wären also potenziell ein wichtiger Bestandteil eines gemeinwohlorientierten Bewusstseins. Und das gilt für alle Kirchen, nicht nur die nicht mehr gebrauchten.

Welche Nutzungen sehen Sie kritisch und welche begrüßen Sie?
Natürlich gibt es immer die Befürchtung, dass ein kirchliches Gebäude im Verlauf mehrerer Verkäufe zu einem Schandfleck im Ort wird oder dass durch eine zwielichtige Nutzung die religiösen Gefühle verletzt werden. Viele Menschen verbinden ja mit einem Kirchengebäude auch die Erinnerungen an Familienfeiern oder wichtige biografische Schritte.
Eine Abgrenzung gegenüber anderen Religionen halte ich nicht per se für sinnvoll, weil es ein wirklicher Dienst der Kirche sein kann, einer anderen Religionsgemeinschaft bei dem Weg aus den Hinterhöfen oder Gewerbegebieten behilflich zu sein.
In Hannover wurde die Wohnungsnot unter Studierenden aufgegriffen und deshalb eine evangelische Kirche zum Wohnheim für Studierende umgebaut. In Stuttgart gibt es bei der Kirche St. Maria einen breiten Prozess einer Neukonzeption, in den sich alle Interessierten einbringen können. Solche Ansätze halte ich für sinnvoll: Welche Probleme und Fragen lassen sich vor Ort ausmachen und in die kirchlichen Überlegungen aufnehmen? Es geht also um Haltungen und das kirchliche Selbstverständnis, nicht nur um Gebäude. Deshalb ist es wichtig, diese Themen auch in der Theologie aufzugreifen.

Interview: Ruth Lehnen