17.04.2019

Begegnung mit Autorin Anna Katharina Hahn

Nicht weglaufen

Ihre Passion: Geschichten erzählen. Ihre Art: aufmerksam. Ihr Glaube: auch eine Gefühlssache. Was sie nicht leiden kann: Zynismus. Eine Begegnung mit der Autorin Anna Katharina Hahn, die sich auf Ostern freut. Von Ruth Lehnen.

Ihr Mann hatte sie gewarnt: Will sie das wirklich tun, über ihren Glauben sprechen? Mit der Zeitung? Anna Katharina Hahn hat sich dafür entschieden, obwohl sie weiß: „Als gläubiger Mensch wird man nicht so recht für voll genommen.“ Die Schriftstellerin, die bei Suhrkamp veröffentlicht und viele Preise gewonnen hat, mag aber nicht schweigen, wenn sie nach ihrem Glauben gefragt wird. Ja, sie gehört der katholischen Kirche an. Ja, sie betet. Und ja, sie hat auch viele Fragen.

In Mainz, wo die Madonnen von den Häusern lächeln

Ein Jahr lang war Anna Katharina Hahn Stadtschreiberin in Mainz und hat sich oft in der Stadt am Rhein aufgehalten, die in so kräftigem Gegensatz steht zum heimischen Stuttgart. Sie mag Mainz, den Markt, die Leute, die sich auch mal auf ein Gespräch einlassen, und sie ist bezaubert von den Madonnen, die „von den Häusern lächeln“. Sie nennt den Mainzer Dom „ein wunderbares Gebäude“ und vergleicht ihn mit einem „großen roten Huhn, einer Glucke, die auf dem Platz sitzt“. Im Dom hat sie gesessen und den „Herren Fürstbischöfen zugesehen, wie sie in Stein auferstehen“. Ihre Fantasie und ihre romantische Ader haben die steinernen Abbilder der Bischöfe für sie lebendig gemacht.

Anna Katharina Hahn im Hof des Mainzer Gutenbergmuseums. In der Stadt am Rhein war sie ein Jahr Stadtschreiberin. | Foto: ZDF/ Jana Kay
Anna Katharina Hahn im Hof des 
Mainzer Gutenbergmuseums. In 
der Stadt am Rhein war sie ein Jahr
Stadtschreiberin. Foto: ZDF/Jana Kay

Mehr sehen, als andere sehen, vielleicht sogar mehr fühlen, als andere fühlen, und dafür die richtigen Worte finden. Die Schriftstellerin interessiert sich für die Menschen, für das, was sie verbergen, für ihre Geheimnisse. Dieser „letzte Rest von Geheimnis“ ist es auch, der Anna Katharina Hahn anzieht an der Religion. „Glauben ist nicht wissen“, sagt sie: „Das ist, wie wenn man sich verliebt.“ Der Verstand kann nicht alles erfassen. Dennoch sei es auch vernünftig, einen Glauben zu haben. Sie sieht sich als Sandkörnchen in einem riesigen Universum: „Ich bin restlos davon überzeugt, dass es etwas Größeres gibt.“

Dieses Größere ist für sie „ein liebender Gott“. „Der Gedanke an einen liebenden Gott ist der Kern der Botschaft aller Buchreligionen.“ Und der Bibel. Mit der hat sich Hahn jahrelang intensiv befasst. Sie wollte in Hamburg eine Doktorarbeit über Historienbibeln schreiben, ein Kampf, den sie irgendwann verloren hat. Geschichten erzählen ist ihre Passion und heute ihr Beruf. In ihren Romanen „Kürzere Tage“ (2009), „Am Schwarzen Berg“ (2012) und „Das Kleid meiner Mutter“ (2016) zeigt sie sich als genaue Beobachterin, die seziert, wie die Heutigen reden, wie sie von ihrer sozialen Umgebung geprägt werden und wie Menschen in der Masse allein sein können.

Auf die Frage, was sie täte, wenn sie einen Tag lang Papst wäre, antwortete die Schriftstellerin in einem Fragebogen: „Den Zölibat aufheben, Frauen ordinieren, die Würde der Schwachen achten sowie den menschlichen Körper und seine Sexualität als das betrachten, was sie sind: preisenswerte Wunder und Geschenke.“

Die Kirche wünscht sie sich „demütiger, weiblicher, ärmer“. Im Gespräch sagt sie: „Mir fehlt die Demut der katholischen männlichen Kirche. Ich habe keinen Respekt mehr vor den alten Herren, diese Herren müssen sich bewegen.“ Sich aus der Kirche zu verabschieden, weil sie ihrem Wunschbild nicht entspricht, ist der Katholikin aber „zu billig“. Sie will nicht weglaufen, und gerade nicht in Zeiten der Krise, denn sie findet, dass Christen Großes leisten, sich jeden Tag um Alte, Schwache und Geflüchtete kümmern: „Ein atheistisches Land ist ein trauriges Land.“

„Gelebtes Christentum“ – das hat sie bei ihren Eltern gesehen

Anna Katharina Hahn, Mutter von zwei Söhnen, preist ihre angstfreie und schöne katholische Kindheit. „So ein lieber, netter, reizender Mensch, so lustig“ sei ihr Heimatpfarrer gewesen. Die Großmutter las ihr aus der Bibel vor. Und die Eltern, ohne darüber zu sprechen, waren mit ihrer Arztpraxis Beispiele für „gelebtes Christentum“: „Sie sind aufgegangen im Helfen, weit hinaus über das, was gefordert war, Tag und Nacht.“ Von diesen Menschen hat sie Gott gelernt, ihm will sie Demut entgegenbringen. In seinem Geheimnis findet sie Milde, Trost und Kraft, ihr Wort gegen den Zynismus zu setzen. Bevor es aber zu glatt wird mit dem Glaubensbekenntnis, hält Hahn gleich noch fest, dass Gott auch oft zum Fürchten sei.

Wie seltsam es ist, jemanden zu fragen, ob er betet. Anna Katharina Hahn lacht über diese Skrupel. Ihren Rosenkranz hat sie in der Tasche – aber sie lässt ihre Finger lieber ungesehen über seine Perlen gleiten. Sie bete auch das Immerwährende Jesusgebet, bei dem der Name Jesu Christi immer wiederholt wird, und das Vaterunser, meist, wenn es ihr nicht gutgeht. Vor kurzem hat sie einer Freundin einen Rosenkranz geschenkt: „Die brauchte den noch dringender als ich.“

Bleibt noch die Frage, ob sie auch „Religiöses“ schreibt. Sie hat es versucht, aber es hat sich als schwierig erwiesen. Ganz leicht wird „das Religiöse“ zum Kitsch oder erweist sich bei näherem Hinsehen als leere Hülle. Für den Katholikentag in Leipzig hat sie über Adam und Eva geschrieben – es ging am Ende nur, indem sie sich in die Ironie geflüchtet hat. Das Religiöse bleibt das, was sich entzieht. Das Geheimnis. Und was bitte ist Auferstehung und ewiges Leben? Die Autorin freut sich auf Ostern. „Mit dem Licht in der Hand in der Osternacht“, das ist für sie erhebend. Auch über das Thema Auferstehung hat sie sich Gedanken gemacht. Sie habe gar keine Sehnsucht, „im Fleische aufzuerstehen“ – die „ungeheure Gier, dass es immer weitergeht“, ist ihr fremd. Sehnsucht hat sie danach, aufgehoben, geborgen, zu Hause zu sein, „in Abrahams Schoß“. „Es ist dann auch mal Ruhe“ – so stellt sich die Schriftstellerin das ewige Leben vor.

 

Zur Sache: Die Schreiberin und ihr Film

Als Stadtschreiberin von Mainz hatte Anna Katharina Hahn die Aufgabe, für das ZDF einen Film zu realisieren. Entstanden ist eine liebevolle Recherche zum Thema Tauben. Den gehassten und verachteten unter der Tieren, die oft als „Ratten der Lüfte“ geschmäht werden, spürt sie nach und findet die Tauben überall, auch in den Fenstern der Mainzer Kirche St. Stephan, die Marc Chagall gestaltet hat. Im blauen Licht der „Chagall-Kirche“ fühle sie sich wie im Inneren einer blauen Murmel, sagt Anna Katharina Hahn in ihrem Film „Tauben in den Städten“. Eine weitere Kirche besucht sie mit ihrer Freundin, einer evangelischen Pfarrerin, und spricht mit ihr über die Taube als Sinnbild des Heiligen Geistes. Nach dem Film sieht man die Stadttauben, die verwilderte Haustiere sind, anders. Der Film ist bis 2023 in der ZDF-Mediathek zu sehen. (nen)