14.11.2018

Bechers Provokationen

Apostelinnen allerorten

Unsere Provokationen suchen nach der Glut unter der Asche. Heute geht es um eine andere Wertschätzung für die Frauen in der Kirche. Sie sind die Hüterinnen des Feuers, ihnen gebührt gleicher Anteil an Ämtern und Macht. Von Johannes Becher.

Frauen.Macht.Zukunft Foto: kna
Ohne Frauen wäre vielerorts in der Kirche kaum noch Leben.
Foto: kna

Seit zwei Jahren sind Frauen den Männern gleichgestellt in der katholischen Kirche. Zumindest eine von ihnen: Maria von Magdala. „Apostelin der Apostel“ wird sie schon von Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert genannt. Jetzt ist ihr liturgischer „Gedenktag“ am 22. Juli zum „Fest“ hochgestuft. Den Aposteln gleich … Im vatikanischen Dekret zur Aufwertung heißt es wörtlich: „Die erste Zeugin und Evangelistin des Sonntags der Auferstehung, die heilige Maria Magdalena, wurde von der Kirche im Westen wie im Osten schon immer mit höchster Ehrfurcht angesehen, auch wenn sie auf unterschiedliche Weise verehrt wurde.“ Maria von Magdala sei das entscheidende „fehlende Bindeglied“ zwischen der Karfreitags-Bestürzung und dem Osterjubel. Maria von Magdala steht unter dem Kreuz, als die Jünger fliehen, sie gibt Jesus die letzte Ehre beim Begräbnis und wird vom Auferstandenen selbst als erste Zeugin ausgesucht.

Kann es also dabei bleiben, dass Maria von Magdala lediglich liturgisch aufgewertet wird? Oder müsste eine solche Sicht nicht auch Auswirkungen auf die Teilhabe von Frauen an Amt und Macht in der katholischen Welt haben? Oder ist es weiter so, dass der leugnende Petrus von Jesus zur Schlüsselfigur ernannt wurde, die Erstzeugenschaft Marias aber nicht im gleichen Rang steht? – Im Alltagsleben der Kirche jedenfalls nicht.

Weiterführen könnte hier der Hinweis von Andrew Doole. Er lehrt in Innsbruck Neues Testament und kommt auf dem Internetportal feinschwarz.net zu dem Schluss, dass „Magdala“ ja ein ebensolcher würdigender Namenszusatz für Maria sein könnte, wie es „der Fels“ für Petrus geworden ist. Magdala heißt „Turm“. Der Fels und der Turm: ein symbolgetränktes Doppelbild zum Nachdenken. Doole weist auch darauf hin, dass es vollständige Apostellisten mit den Namen von zwölf Männern gar nicht in allen vier Evangelien gebe.

Johannes Becher Foto: privat
Johannes Becher
Redaktionsleiter

Das ist alles Geschichte. Es ist aber bei Gott bis heute so geblieben, dass Frauen die ersten Zeuginnen der Glaubensweitergabe sind und Garantinnen dafür, dass Kirche lebt. Nicht nur so manche Erzählung aus dem Russland des Kommunismus singt das hohe Lied der frommen Großmütter. Auch ein Blick in die Gotteshäuser hierzulande klärt den Blick: Allerorten Frauen, die mitfeiern, sich engagieren, Lasten tragen und verlässliche Netzwerke knüpfen …

Augenfällig wird die Diskrepanz: zwischen der liturgischen Würdigung der Apostelin und ihrer Missachtung im sonstigen Leben der Kirche. Die Theologin Dorothea Sattler, die im vergangenen Jahr mit weiteren Theologinnen eine wachere wissenschaftliche Debatte über die Rolle der Frau in der Kirche forderte („Osnabrücker Thesen“), beklagt, dass „früher“ die Argumentation hinsichtlich der Ablehnung von Frauen im Weiheamt „differenzierter“ gewesen sei. Zuletzt habe man seitens des Vatikans lediglich betont, dass Jesus ein Mann war. Nicht nur Sattlers Geduld mit solchen einsilbigen Abwehrmechanismen ist längst erschöpft. Die der Frauengemeinschaft kfd auch (siehe „Zitiert“).

Im Klartext: Wenn es nicht in den kommenden Jahren gelingt, die Frauen an der Kirchenleitung zu beteiligen, sind die Stützen weg. Und in reiner Männerherrschaft wachsen auch keine nach. Anders gesagt: Das Gesicht der katholischen Kirche ist weiblich. Das muss auch an anderen Orten erkennbar sein als in den Bänken unserer Gotteshäuser.

 

Zitiert: Konsequente Schritte

„Frauen in der Kirche hatten bisher einen langen Atem und große Geduld. Nun ist es höchste Zeit, konsequente Schritte zu gehen, damit Partnerschaftlichkeit und Gleichberechtigung von Frauen und Männern in der Kirche Wirklichkeit wird.“

aus dem Positionspapier „Frauen geben Kirche Zukunft“ der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd), 2011