02.08.2018

Aufnehmen und vermessen

Niklas Grob hat eine etwas ausgefallene Freizeitbeschäftigung für einen 21-Jährigen. Der Biebergemünder nimmt für eine digitale Datei den Klang von Kirchenglocken in seiner Umgebung auf.

Niklas Grob vermisst in einem Kirchturm eine Glocke mit einem Zollstock. Foto: privat
Niklas Grob vermisst in einem Kirchturm eine Glocke mit einem Zollstock. Foto: privat

Glocken – ein Klang, der schon vor Jahrtausenden die Herzen der Menschen berührt und es bis heute immer noch tut. Doch leider schwindet das Interesse für dieses wertvolle, klingende Kulturgut immer mehr – in Zeiten der Digitalisierung ist niemand mehr auf das Läuten der Glocken angewiesen. Gerade bei jüngeren Leuten gerät das schwingende Musikinstrument immer mehr in Vergessenheit.

Um die Glocke als Kulturgut nicht aus den Augen zu verlieren, wurde im Europäischen Kulturerbejahr 2018 die Initiative „Hörst Du nicht die Glocken“ ins Leben gerufen. Unterstützt von der Deutschen Bischofskonferenz, der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Bundesregierung verfolgt dieses Projekt den Zweck, eine nationale Glockendatenbank aufzubauen, die in den kommenden Monaten an den Start gehen wird.

Freiwillige halten die Geläute von Kirchen in Ton und Bild fest

Das heißt, dass man sich online auf der Homepage von „Hörst Du nicht die Glocken“ die Geläute der verschiedensten Kirchen in ganz Deutschland anhören und anschauen kann. Um dieses Projekt verwirklichen zu können, sind die Verantwortlichen der Glockendatenbank ständig auf der Suche nach Freiwilligen, die in Ihrer Umgebung die Geläute verschiedener Kirchen in Ton und Bild festhalten.

Für Niklas Grob stand sofort fest: Da muss ich unbedingt mitmachen. Der 21-Jährige aus Biebergemünd-Bieber ist ein leidenschaftlicher Glockenfan und kennt sich mit den bronzenen Klangkörpern bestens aus. „Schon als kleines Kind faszinierte mich der Klang von Glocken. Als ich mit neun Jahren Messdiener wurde und zum ersten Mal Einblick in den Glockenturm unserer Pfarrkirche bekam, war ich so fasziniert von dem Ganzen, dass ich mir im Laufe der Jahre einen großen Wissensschatz rund um das Thema Glocken aneignete“, so Grob.

Dieses ungewöhnliche Hobby hat den jungen Mann dann zu einem Zeitungsartikel geführt, der dazu aufforderte, beim Erstellen der nationalen Glockendatenbank mitzuhelfen. „Sofort habe ich Kontakt zum Glockeninspektor der Erzdiözese Freiburg aufgenommen, der das Projekt koordiniert“, erzählt der Glockenliebhaber. Die passende Ausrüstung war bereits vorhanden.

Trotz Höhenangst klettert Grob auf die Türme zu den Glocken

„Zuerst habe ich die Glocken unserer Pfarrkirche Mariä Geburt in Bieber aufgenommen, um ein wenig zu üben. Das klappte auf Anhieb hervorragend, sodass schnell weitere Glockengeläute folgten“. Neben den Aufnahmen aller Kirchen in seinem Heimatort Bieber hielt er bereits von einigen Gotteshäusern in der näheren Umgebung den Glockenklang fest und stieg auf die Kirchtürme, um Bilder der Klangkörper anzufertigen. „Das kann teilweise ganz schön abenteuerlich sein. Manchmal kann man ganz bequem über eine Treppe in die Glockenstube laufen. Jedoch gab es auch schon Fälle, wo sich durch schmale Leitern der Aufstieg als Herausforderung entpuppte. Das Problem ist nämlich, dass ich ein wenig Höhenangst habe. Aber die habe ich mittlerweile recht gut im Griff und bisher hat es immer geklappt“, schmunzelt Grob.

Bei den meisten Kirchengemeinden ist Grob ein gern gesehener Gast. „In der Regel freuen sich die Leute, dass der Klang ihrer Glocken ins Internet kommt. Die Gemeinden waren bisher fast ausschließlich sehr kooperativ“. Vor jedem Termin stimmt der Glockenfan mit den Verantwortlichen die Aufnahme vor Ort ab. „Zuerst suche ich mir einen geeigneten Platz im Umfeld der Kirche, wo der Klang sich gut entfalten kann und mit wenig Störgeräuschen zu rechnen ist. Dort platziere ich dann mein Tonaufnahmegerät.

Erst läutet Glocken einzeln – und dann alle zusammen

Sobald die Aufnahme läuft, begebe ich mich an die Glockenschalter und läute mein Programm durch“. Zuerst wird jede Glocke für eine Minute solo geläutet, ehe das gesamte Geläut für drei bis vier Minuten erklingt. „Ob die Aufnahme geglückt ist, kann ich dann erst zuhause am Computer wirklich sicher sagen“, berichtet er.

Nach dem Läuten geht es für Niklas Grob noch auf den Turm, um Bilder der Glocken zu machen und die Glocken zu vermessen. „Zu jedem Geläut fülle ich ein Datenblatt aus, das Auskunft über das Gewicht, den Durchmesser und den Ton jeder Glocke gibt. Das kommt auch in die Datenbank. Wenn ich durch bauliche Gegebenheiten einmal nicht an die Glocken heran komme, bin ich auf die Aufzeichnungen der Kirchengemeinde angewiesen, aus denen ich dann die Daten entnehme.“. Wenn alle Aufnahmen geglückt sind, werden sie von Niklas Grob an den Glockeninspektor übermittelt, der die Aufnahmen auf der Datenbank veröffentlicht.

Auf die Frage, ob das außerplanmäßige Läuten schon einmal für Verwirrung bei den Gläubigen gesorgt habe, lacht Grob. „In der Tat gab es schon den ein oder anderen Fall, wo Leute im Pfarrbüro angerufen und sich über den Grund des Läutens erkundigt haben. Das mag vielleicht einerseits übertrieben klingen, jedoch sieht man so zumindest, dass die Glocken noch genau den Zweck erfüllen, wofür sie gedacht sind.“

Für die Zukunft hat Grob sich bereits ein Ziel gesetzt. „Ich möchte mittel- bis langfristig alle Kirchenglocken im Main-Kinzig-Kreis für die Glockendatenbank aufnehmen. Hierfür brauche ich natürlich die Unterstützung der Kirchengemeinden. Wenn also eine Gemeinde gerne das Geläut ihrer Kirche auf der Homepage der nationalen Glockendatenbank veröffentlichen möchte, darf sie sich sehr gerne bei mir melden“. (pm)
E-Mail: niklas.grob@t-online.de

 

Zur Sache: Mönche brachten Glocken mit

Eine Handgriffglocke gehörte wie der Wanderstab und das Buch der Heiligen Schrift zum Reisegepäck der irischen Wandermönche, die bereits vor Bonifatius in Richtung europäisches Festland aufbrachen. Darstellungen zeigen Wandermönche wie Kolumban (gestorben 615) oder Gallus (gestorben 640) mit Wanderstab, an dem eine kleine Glocke hängt. Diese Glocken waren allerdings aus Eisen geschmiedet. Der Bronzeguss setzte sich erst ab dem neunten und zehnten Jahrhundert durch.
Auch für den heiligen Bonifatius hat die Glocke eine Bedeutung. So erbittet er in einem Brief in seine Heimat um die Zusendung einer Glocke. „Ihr übersendet uns damit (mit der Glocke) eine große Hilfe für die Wanderschaft.“ Im Zusammenhang mit dem Sterben des Fuldaer Klostergründers Sturmius berichtet dessen Biograf Eigil: „Er befahl seinen Mitbrüdern, schnell zur Kirche zu eilen und gemeinsam alle Glocken zu läuten … und für ihn zu beten.“ (st)

Buchtipp: Kurt Kramer, Klänge der Unendlichkeit, Verlag Button & Becker Kevelaer, 39,95 Euro