19.12.2018

Bechers Provokationen

Aufs Knien folgt das Aufstehen

Unsere Provokationen suchen nach der Glut unter der Asche. Heute geht es um das Knien an der Krippe. Getragen von der Hoffnung, hier im Gebet mehr zu erfahren über den Weg eines aufrechten Christenmenschen zu „zeitgemäßer Heiligkeit“, wie sie Papst Franziskus beschreibt. Von Johannes Becher

"Die Anbetung" Foto: kna
Die „Anbetung“, Fresko von Ludwig Seitz in der Basilika in Loreto
Foto: kna

Auf die Knie! Im Staunen über das Weihnachtswunder ist das die beste Haltung: sich ganz kleinzumachen vor dem heruntergekommenen Gott. Neben das Staunen tritt die Dankbarkeit. Weil der mitfühlende und mitgehende Gott in diesem Jesus zum Heiland wird: „Gott rettet“! Vielleicht erkennt der Psychologe in der Audienz an der Krippe einen Besuch beim therapeutischen Gott. Sei’s drum: Wer hätte in diesen Tagen keinen Trost nötig?

Wichtiger ist: Wer sich hier herunterbeugt, der weiß, wie man Demut schreibt. Und der kann durchbuchstabieren, was die Geburt Gottes im hilflosen Kind bedeutet: Gewaltfreiheit – Solidarität – Gerechtigkeit …

Johannes Becher
Johannes Becher
Foto: privat

„Gott rettet“: Das ist der Kern der Weihnacht. Doch wer im Knien verharrt, der hat nur den Anfang der Weihnacht verstanden. Denn daraus muss der Schritt ins Handeln folgen. Das Knien vor dem Gotteskind bringt ins Tun. Das mag so manchem die Beschimpfung als Gutmensch einbringen. Aber was spricht dagegen, zur Truppe der Heiligen zu gehören, zu der Papst Franziskus in seinem Schreiben über die jubelnde Freude (Gaudete et exsultate) ausdrücklich einlädt? Nichts. Wer „heilig“ zeitgemäß auslege, der müsse „Jesus in den Armen und Elenden erkennen“. Der Papst: „Wir können kein Heiligkeitsideal in Erwägung ziehen, das die Ungerechtigkeit dieser Welt nicht sieht, wo einige feiern, fröhlich verbrauchen und ihr Leben auf die Neuheiten des Konsums reduzieren, während andere nur von außen zuschauen können.“

Das Knien an der Krippe hat eben Konsequenzen. Es fordert das Aufstehen. Gegen das Unrecht dieser Welt. Und das kann Ärger einbringen mit den Mächtigen. Mit Bischof Franz Kamphaus gesprochen: Krippe und Kreuz sind aus demselben Holz. Wer an der Krippe auf die Knie fällt, der kann auch unter dem Kreuz zur Botschaft des Retters stehen. Kontemplation und Kampf, Ora et labora. Wer das zusammendenkt, der ist gerne Mitglied in der „NGO des Herrn“, der gesellschaftskritischen Bürgerbewegung des Jesus von Betlehem.

Mit diesen Gedanken an der Krippe endet die Reihe unserer 24-teiligen „Provokationen“.
Im Februar 2019 geht es mit einer neuen Reihe rund um die „Kirchenentwicklung“ weiter.

 

Zitiert: … man geht in die Knie

„Gott steckt in unserer Haut. Er ist nicht in eine virtuelle Welt gekommen, nicht in eine Traumwelt, sondern dorthin, wo wir sind; dorthin, wo Schafställe stehen und Futterkrippen; dorthin, wo Menschen hungern und abgehängt werden; dorthin, wo Sünder und Sünderinnen leben, verlorene Söhne und Töchter; dorthin, wo Gerechte aufs Kreuz gelegt werden.
In unsere Welt ist er gekommen. Er hat nicht von oben herab alles regeln wollen, er ist auch dem Letzten noch Bruder geworden. Das ist nicht zu fassen. Da fehlen einem die Worte, man geht in die Knie.“
aus einer Weihnachtspredigt von Bischof Franz Kamphaus