20.07.2021

„Alte Mauern – neues Leben“

Aus Kapelle wird Kultursalon

„Alte Mauern – neues Leben“: Einmal im Monat führt die Reiseseite der Kirchenzeitung zu Stätten, die früher kirchlich geprägt waren. Ehrwürdig, lauschig, gastfreundlich, jazzig: In Limburg wurde aus einer Friedhofskapelle ein Restaurant mit Sommergarten: die „Pastorale“.


Das Innere der Kapelle – heute wird hier Musik zum guten Essen gemacht.


Zurück in die Zeit von 1894 bis 1896: Nachdem der Limburger Domfriedhof zu klein geworden war, wurde im Jahr 1882 der Neue Friedhof auf einem rechteckigen Grundstück auf der Unterheide am Schafsberg, außerhalb der Stadt, angelegt. Von 1894 bis 1896 entstand nach den Plänen des Limburger Architekten Jakob Fachinger die Friedhofskapelle. So stellte sie sich den Zeitgenossen dar: ein harmonisch proportionierter und reich gegliederter Zentralbau, der sich frei auf einem größeren unbebauten Gelände gegenüber dem Friedhof erhebt; markant das steile schiefergedeckte Dach mit hölzernem Dachreiter und mehreren Gaubenfenstern.

In alte, ferne Zeiten zurückversetzt

Beim Anblick der Kapelle fühlt man sich in alte, ferne Zeiten zurückversetzt. Im Inneren befinden sich im langgezogenen Hauptschiff schwarz-weiß gemus-terte Fliesen. Die Trauergäste fanden rechts und links in den Seitenschiffen Platz, die Böden sind bis heute mit Holzplanken belegt. Von der geöffneten Holztür geht der Blick hinüber zum Eingang des Friedhofs. In den Jahren 1972/73 wurde eine neue moderne Friedhofskapelle gebaut. Und somit fiel die neugotische Kapelle 34 Jahre lang in den Dornröschenschlaf.
Ein Limburger Ehepaar erwarb schließlich die Kapelle für einen Euro. „Das klingt nach gar nichts“, meint Christa Ludwig. Doch es wurde viel Geld in die Sanierung und Instandsetzung des Gebäudes investiert. Alles musste eng mit der Denkmalschutzbehörde abgestimmt werden. „Wir hatten einen Traum, wollten der Kapelle neues Leben einhauchen. Also krempelten wir die Ärmel hoch und packten selbst mit an, wo immer es ging“, erinnert sich Ludwig.

Wo der Tod regierte, ist Leben eingekehrt

Die Idee hinter all dem war, dort ein Restaurant zu eröffnen. Dazu musste ein Funktionsbau an der Kapelle errichtet werden. Nicht ein Nagel hat das alte Gemäuer abbekommen, es passte alles zentimetergenau, berichtet Christa Ludwig. Es fand sich ein Pächter, der das erste Restaurant eröffnete und führte. Klar, manche alte Limburger, die noch Angehörige in der Totenmesse dort verabschiedet hatten, echauffierten sich über die neue Nutzung. Aber der damalige Dompfarrer Wolfgang Pax gab in seiner Eröffnungsrede seinen kirchlichen Segen: „Darf man hier, wo früher der Sarg stand und die Trauerfeier stattfand, Sekt und Kaffee trinken, Lamm und Sahnetorte essen? Man darf, denn der Tod ist Teil des Lebens, und warum soll nicht da, wo 100 Jahre der Tod regierte, jetzt Leben einkehren?“
Die evangelische Pfarrerin Ann-Marie Seidel-von Egidy sprach damals über die Hochzeit zu Kanaan in Galiläa, bei der Jesus Wasser zu Wein verwandelte und so Lebensfreude schuf.
Heute werden die Menschen im „Pastorale Kultursalon & Sommergarten“ von Mario M. Flaschentraeger willkommen geheißen. Er nimmt für sich in Anspruch, eine eigene kulturelle Welt in der Domstadt zu schaffen. Essen, Trinken, Musik von Klassik bis Jazz, Literatur, Kabarett und andere Events, damit will Flaschentraeger einen analogen Ort der Begegnung und Entschleunigung in Limburg schaffen. Es ist dem 62-Jährigen, der in vielen Ländern unterwegs war, durchaus gelungen. Der Sommergarten wurde erweitert und besticht mit seinem natürlichen Ambiente. Flaschentraeger selbst ist von Tisch zu Tisch unterwegs, begrüßt seine Gäste, nimmt ihre Wünsche auf und findet Zeit für einen kurzen Plausch. Bei all dem entgeht ihm nichts. Der Hund unter dem Tisch bekommt flugs einen Napf Wasser hingestellt. Angenehme Musik unterstreicht die Wohlfühl-Atmosphäre. Die Speisekarte ist erlesen, es gibt ausschließlich Gerichte aus saisonalen heimischen Produkten und ausgesuchte Weine von Winzern der Region zu fairen Konditionen.  

Hier wird live musiziert

Wir gehen in die Kapelle hinein und es verschlägt uns den Atem. Im Kultursalon stehen exakt angepasste lange Tafeln aus edlem Holz mit bequemen Clubstühlen im Haupttrakt. Der Blick fällt auf Regale mit alten Buchrücken – und das sind keine Attrappen. Ein schwarzer Flügel im leicht erhöhten hinteren Teil beweist: Hier wird live musiziert. „Klar, es kommt schon mal vor, dass sich ein Gast spontan ans Klavier setzt“, erzählt Flaschentraeger. Stolz ist er auf seine große Schellack-Plattensammlung, die er sehr dezent hinter Regalen und Bildern verborgen hat. Tausende, teils historische, klassische und zeitgenössische Platten umfasst seine Sammlung. Die älteste Platte ist von Enrico Caruso aus dem Jahr 1904. Abends, wenn es dunkel wird, gehen die Lichter an und erzeugen in den Fenstern des alten Gebäudes facettenreiche Farbspiele.
Eine entscheidende Stunde hat Flaschentraeger erlebt, um sich seinen 40 Jahre währenden Traum zu erfüllen. „Ich habe mich in die leere Kapelle gesetzt und die Kraft des Ortes mit seiner Spiritualität auf mich wirken lassen. Dann wusste ich, das hier wird mein Wohnzimmer, mein Kultursalon.“ Das Konzept war schnell niedergeschrieben. Besitzer und Pächter wurden sich einig und die „Pastorale“ eröffnete im Beethoven-Jubiläumsjahr 2020 ihre Pforten.  
Längst ist die Friedhofskapelle nicht mehr am Stadtrand. Zwar grenzt der Schafsberg an, doch ringsum entwickelte sich ein Wohngebiet. Nur einen Steinwurf entfernt ist die Tilemann-Schule, ein humanistisches Gymnasium, und den Berg hinauf schaut man zum St. Vincenz-Krankenhaus. Es sind viele Menschen, die täglich vorbeikommen und neugierige Blicke zur Kapelle schicken. So kam auch einige Tage ein älterer Herr, bestellte sich stets einen Kaffee und ging wieder. Im Gespräch mit Flaschentraeger erzählte er von seinem Sohn, der oben im Spital im Sterben liege. Das nehme ihn sehr mit, und er suche und brauche einfach die Ruhe im Sommergarten für einige Momente. „Diese Begegnung hat mich sehr berührt“, sagt der Gastronom. So schließt sich der Kreis, an einem Ort, der Kultur, Genuss und Würde in sich eint.

Von Barbara Faustmann