29.01.2021

Das "Ethik-Eck"

Bio-Hähnchen zu teuer? Oder ist das Geiz?

Die Frage lautet diesmal: "Ich kaufe selten Fleisch. Letztens kostete das halbe Bio-Hähnchen 20 Euro. Ich habe dann das Nicht-Bio-Huhn genommen. Ist das unzulässiger Geiz?"


Emotion und Vernunft

O je, da gehen wir ja gleich mit der ersten Frage in zwei wesentliche emotionale Bereiche: zum ersten Essen, zum zweiten Geld. Beides eignet sich ganz besonders zum Streiten, zum Beurteilen und überhaupt zum Moralisch-Sein.
Jeder hat ein Lieblingsgericht, und ob das Kartoffelsuppe ist oder Dosenravioli, der Kuchen, den nur Oma gebacken hat oder der raffinierte Käse, den wir im Urlaub kennengelernt haben, was wir essen und wie wir essen und was da gut tut, ist ganz verschieden. Und es beginnt ja ganz am Anfang. Wir werden gestillt oder gefüttert und dabei angeschaut (hoffentlich) oder auch nicht, es wird (idealerweise) gesprochen und (manchmal) erzogen. Essen und Beziehung gehören zusammen und bleiben zusammen. Und prägen mich entscheidend.
Auch wie wir mit Geld umgehen, ist Familiensache, eine Frage der Herkunft und der Erfahrungen. Ist es verknüpft mit Sicherheit, Angst, Mangel, Sorgen, Sich-was-Gönnen, Genuss, Ansehen, Selbstständigkeit, Verpflichtung oder ganz was anderem?
Es lohnt sich, darüber nachzudenken, wie das bei mir selbst ist. Das ist schon mal viel.
Etwas daran zu ändern, ist schwierig. Gerade, weil tiefe und wichtige Gefühlswelten berührt werden, man könnte schon sagen, Anteile der Persönlichkeit, der Identität.
Etwas bei anderen zu ändern, ist übrigens noch schwieriger. (Aus der Erfahrung der Paarberatung ist die Idee, den anderen zu erziehen, gut bekannt; für das Gespräch unter Paaren liegt der Versuch nahe, erweist sich aber meist als fruchtlos).
Klar, je mehr ich mich mit der Situation der Welt beschäftige, weiß ich, dass mein Essen auch Konsequenzen hat fürs Klima und dass ich Verbraucherin bin, die was bewirken kann. Ich kann mich entscheiden, ob ich Verantwortung sehe und mich entwickeln und verändern will.
Aber das sind die Gedanken eines Erwachsenen. Und dann kommt noch die reale Situation dazu, ob ich 20 Euro habe oder eher nicht.
Das Frühe-Emotionale und das Erwachsen-Vernünftige muss sich vertragen und ausbalanciert werden, und dann noch zur jeweiligen Realität passen. Wie das gehen kann, ist bei jedem und jeder ein bisschen anders und darf das sein.

Ruth Bornhofen-Wentzel
Leiterin der Ehe- und Sexualberatung im Haus der Volksarbeit in Frankfurt

 

Billigpreise unrealistisch

Selten Fleisch kaufen ist schon mal ein sehr guter Ansatz!
Auch ist es sehr löblich, sich Gedanken darüber zu machen, wie die Tiere gehalten wurden und wo das Fleisch her kommt. Das ist leider noch lange nicht bei allen Konsumenten selbstverständlich. Ja, gerade bei Geflügel ist der Preisunterschied oft hoch und die Versuchung groß, zum billigeren Fleisch zu greifen. Aber Vorsicht! Gerade wenn wir uns mit der Thematik beschäftigt haben und um das Leid der Tiere wissen, ist ein echter Genuss bei billigen Preisen kaum möglich.
Von Natur aus sind Hühner gesellige Vögel, daher ist Bodenhaltung an sich zu begrüßen. Allerdings ist die natürliche Gruppenbildung von etwa 20 Tieren nicht möglich, wenn die Besatzdichte überhaupt keine Bewegungsfreiheit erlaubt. In der Regel steht Masthühnern in konventioneller Bodenhaltung deutlich weniger Platz als ein DIN-A4-Blatt zur Verfügung.
Zur Veranschaulichung empfehle ich die Vorstellung, dicht gedrängt in einem völlig überfüllten Bus zu stehen. Wohlfühlen ist deutlich anders!
Die Luft wird immer schlechter, eine Veränderung der
Körperhaltung ist kaum möglich, wir sehnen uns nach dem meist absehbaren Ende der Fahrt. Für ein Masthuhn bedeutet hohe Besatzdichte aber, vier bis sechs Wochen – also ein Leben lang – auf natürliche Verhaltensweisen wie Scharren, Gefiederputzen, Flügelschlagen oder gar Fortbewegung
verzichten zu müssen. Die Tiere zahlen also für die eigentlich unrealistischen Billigpreise. Das müssen wir uns immer wieder bewusst machen.
Der scheinbar überhöhte Preis von Biohähnchen zeigt vielmehr die wahren Kosten, damit unsere Mitgeschöpfe
ihr kurzes Erdendasein wenigstens unter artgerechten Bedingungen verbringen können und die Züchter mit ihren Familien davon angemessen leben können.
Daher empfehle ich den Fleischkonsum so weit zu reduzieren, dass es bei jedem Kauf möglich ist, für die bestmögliche Haltungsform einen gerechten und fairen Preis zu bezahlen. Das steht im doppelten Sinne für guten Geschmack.

Dr. Beatrice vanSaan-Klein
Biologin, Umweltbeauftragte des Bistum Fulda

 

Ökologischer Fußabdruck

Dass unser aller Lebensmittelkonsum keinen geringen Beitrag zu dem leistet, was man Umweltkrise nennt, ist heute unbestritten. Ganz gewiss gilt dies für den Konsum von Fleisch. Aber wie so oft im komplizierten Leben einer modernen Gesellschaft trifft das, was generell gilt, nicht auf jede Situation zu. Moralisch urteilt man nur dann gut, so lautet eine alte Weisheit, wenn man zu unterscheiden vermag.
In diesem Fall: Es macht eben einen Unterschied, welches Fleisch man kauft und wie oft man das tut. Und auch wenn man vielleicht sagen kann, dieses und jenes wäre die bessere Entscheidung gewesen, ist zu bedenken, welche Optionen ein Mensch tatsächlich gehabt hat und welche nicht. Es gibt umweltbewusstes Verhalten, das man sich auch leisten können muss. Und wer ist schon immer so gut informiert, um sicher zu sein, dass die eigene Entscheidung am Ende tatsächlich mehr Gutes als Schlechtes bewirkt? Die ökologischen Folgen und Nebenfolgen vieler Produkte sind ja keineswegs immer einfach zu erkennen.
Noch schwieriger ist oft zu bewerten, welche Strategie denn überhaupt zu einem umweltverträglicheren Handeln führen kann: Ist es die individuelle Wahl an der Fleisch-theke, sind es bessere Gesetze, sind es andere Anreize für die Produzenten, oder ist es die Wahl einer bestimmten Partei?
Sie merken – der schnelle moralische Schuss aus der Hüfte ist nicht unbedingt ratsam in der Ethik.
Was heißt das nun für die gestellte Frage? Wer selten Fleisch kauft (und überhaupt konsumiert), der ist grundsätzlich eher auf der sicheren Seite – wenn ihr oder ihm am Schutz der Umwelt und der Tiere gelegen ist. Wer es sich dann ohne Probleme leisten kann, auf Bio-Produkte zurückzugreifen (die hoffentlich tatsächlich das erfüllen, was man sich mit dem Label Bio verspricht …), der sollte dies in der Regel auch tun. Wer mit den eigenen Ressourcen strenger haushalten muss, dem ist auch zuzugestehen, auf andere Produkte auszuweichen. In unserem Fall gleicht der seltene Fleischkonsum gewissermaßen den Kauf des Nicht-Biohähnchens aus.
Wie groß am Ende der eigene ökologische Fußabdruck ausfällt, entscheidet sich vermutlich nicht am seltenen Kauf und Verzehr von Fleisch.

Stephan Goertz
Professor für Moraltheologie an der Universität Mainz