25.09.2019

Donum Vitae und die deutschen Bischöfe

Bischöfe: Plötzlich ziemlich beste Freunde?

20 Jahre lang entschiedene Gegner, plötzlich ziemlich beste Freunde? Donum Vitae und die deutschen Bischöfe. Kardinal Marx würdigte den Verein zum Jubiläum mit diesen Worten: „Ich stelle fest, dass es über die Jahre hinweg auch vielen Beraterinnen von Donum Vitae gelungen ist, zahlreichen Frauen / Eltern Mut zu machen für ein Leben mit dem Kind, und dafür bestmögliche Hilfestellungen zu bieten. Dafür dürfen wir gemeinsam dankbar sein.“

 

Bischof Bätzing: Überzeugte Katholikinnen

Bischof Bätzing, wie ist Ihre persönliche Einstellung zum Verein Donum Vitae?

Bischof Georg Bätzing Foto: kna-bildAls Papst Johannes Paul II. angesichts der Gesetzeslage in Deutschland vor 20 Jahren „um der Eindeutigkeit des christlichen Zeugnisses für den Lebensschutzwillen“ den Ausstieg katholischer Beratungsstellen aus der Schwangerenkonfliktberatung mit Beratungsschein vorgab, hat das viele engagierte Christinnen und Christen, die sich für den Schutz des ungeborenen Menschen stark machen, irritiert. Gerade im Bistum Limburg hat damals Bischof Franz Kamphaus seine persönliche Gewissensnot angesichts dieser päpstlichen Entscheidung deutlich gemacht. Diese sehr schwierige Situation war Auslöser für die Gründung des Vereins Donum Vitae. Auf allen Ebenen dieses Vereins kenne ich Frauen und Männer, deren Engagement für den Schutz des menschlichen Lebens mich tief beeindruckt. Und es sind überzeugte Katholikinnen und Katholiken, die hier mitwirken, auch wenn Donum Vitae selbst kein Verein der Katholischen Kirche ist. 

Beobachten Sie, dass sich in den vergangenen 20 Jahren etwas in der Haltung der katholischen Kirche in Deutschland zu Donum Vitae geändert hat? Im vergangenen Jahr hat sich Kardinal Reinhard Marx in einem Schreiben an ZdK-Präsident Thomas Sternberg ja wie folgt zu DV geäußert: "Es besteht kein Zweifel, dass das Ziel von Donum Vitae ebenso wie das der bischöflich verantworteten Schwangerenberatung der Schutz des ungeborenen Menschen ist. Ich stelle fest, dass es über die Jahre hinweg auch vielen Beraterinnen von Donum Vitae gelungen ist, zahlreichen Frauen bzw. Eltern Mut zu machen für ein Leben mit dem Kind, und dafür bestmögliche Hilfestellungen zu bieten. Dafür dürfen wir gemeinsam dankbar sein."

Persönlich schließe ich mich dieser Einschätzung von Kardinal Marx ausdrücklich an. Und darin drückt sich aus, dass sich sehr wohl etwas bewegt hat in dem über viele Jahre sehr angespannten Verhältnis der katholischen Kirche und der Bischöfe zu Donum Vitae. Wenn wir realistisch sind und alle Möglichkeiten ausschöpfen wollen, das Leben ungeborener Menschen bestmöglich zu schützen, dann ist die Beratung für schwangere Frauen in den oft sehr konfliktreichen Situationen und die Angebote vieler möglicher Unterstützungsmaßnahmen die beste Gewähr dafür, dass sie sich gegen eine Abtreibung entscheiden können. Das muss doch letztlich das Ziel sein. Und diesem Ziel haben sich die Beratungsstellen der katholischen Kirche wie auch diejenigen von Donum Vitae verpflichtet. 

Kann man als Katholik bei Donum Vitae Mitglied sein und gleichzeitig im kirchlichen Dienst beschäftigt sein?

Viele der Mitglieder des Vereins Donum Vitae sind Katholikinnen und Katholiken, und sie sind auch in anderen kirchlichen Zusammenhängen engagiert. Und diese Menschen entscheiden selbst, in welchem Verein sie Mitglied sein wollen oder nicht. Diese Freiheit steht selbstverständlich auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im kirchlichen Dienst frei. In seinem Brief an den Präsidenten des ZdK hat Kardinal Marx ja auch festgehalten, dass es selbstverständlich ist, wenn Personen, die in einer Schwangeren-Konfliktberatungsstelle von Donum Vitae gearbeitet haben, nachfolgend auch in bischöflich anerkannten Schwangerenberatungsstellen beschäftigt werden können. Und ich sehe das ebenso.

 

Bischof Gerber: Anwaltschaft für ungeborene Kinder

Wie ist Ihre persönliche Einstellung zum Verein Donum Vitae?

Bischof Michael Gerber Foto: kna-bildIch habe als junger Kaplan Ende der 90er Jahre die Auseinandersetzung um den Beratungsschein erlebt. Das hat nachhaltige Verletzungen auf den unterschiedlichen Seiten ausgelöst: bei denen, die sich bei Donum Vitae engagieren, aber auch bei jenen, die weiter in kirchlich anerkannten Beratungsstellen tätig sind, schließlich bei Menschen, die sich in entsprechenden Initiativen dem Anliegen des Lebensschutzes von der Empfängnis bis zum Tod widmen. Damit gilt es mit großer Achtsamkeit und Respekt umzugehen. Ich wünsche mir, dass es zu mehr Dialog zwischen den jeweiligen Gruppierungen kommt, um besser die Motivation der jeweils anderen zu verstehen.

An der damaligen lehramtlichen Entscheidung, die den Ausstieg aus der Beratung mit Beratungsschein forderte, schätze ich, dass sie in einer pluralen und multioptionalen Gesellschaft unmissverständlich das Anliegen des Lebensschutzes vernehmbar macht. Die Tatsache, dass sich weiterhin viele Menschen an dieser Entscheidung reiben, kann auch heilsam sein. Denn damit wird bewusst, dass in unserer Gesellschaft etwas nicht stimmt, wenn nach wie vor eine so hohe Anzahl an ungeborenen Kindern abgetrieben wird. Es geht mir um den gesamtgesellschaftlichen Diskurs, dass wir bessere Rahmenbedingungen schaffen müssen, die in Schwangerschaftskonfliktsituationen das Ja zum Kind fördern. Es geht eben nicht um eine Verurteilung von Frauen, die sich in der Konfliktsituation allein gelassen und überfordert sehen.

Beobachten Sie, dass sich in den vergangenen 20 Jahren etwas in der Haltung der katholischen Kirche in Deutschland zu Donum Vitae geändert hat? Im vergangenen Jahr hat sich Kardinal Reinhard Marx in einem Schreiben an ZdK-Präsident Thomas Sternberg ja wie folgt zu DV geäußert: "Es besteht kein Zweifel, dass das Ziel von Donum Vitae ebenso wie das der bischöflich verantworteten Schwangerenberatung der Schutz des ungeborenen Menschen ist. Ich stelle fest, dass es über die Jahre hinweg auch vielen Beraterinnen von Donum Vitae gelungen ist, zahlreichen Frauen bzw. Eltern Mut zu machen für ein Leben mit dem Kind, und dafür bestmögliche Hilfestellungen zu bieten. Dafür dürfen wir gemeinsam dankbar sein."

Damals war die Sorge, dass durch den Ausstieg aus dem Beratungssystem mit Schein unsere kirchlichen Beratungsstellen de facto „außen vor“ sind, weil sie dann von Frauen in Konfliktsituationen nicht mehr aufgesucht werden. Donum Vitae erschien hier vielen als die einzige Möglichkeit, seitens Vertreterinnen und Vertretern aus dem Bereich der Katholischen Kirche Frauen in Konfliktsituationen wirksam zu erreichen. Heute wissen wir, dass weiterhin viele Frauen unsere kirchlich anerkannten Stellen aufsuchen, z. B. beim Sozialdienst Katholischer Frauen. Dazu gehören – und damit war damals nicht zu rechnen – auch eine beträchtliche Anzahl von Frauen, die bereits von einer anderen Beratungsstelle einen Schein ausgestellt bekommen haben und eine weitere Beratung wünschen. Hinzu kommen Frauen, die abgetrieben haben und dadurch in eine tiefe seelische Not geraten sind. Auch sie erleben unsere kirchlichen Beratungsstellen als große Hilfe. Unsere kirchlich anerkannten Beratungsstellen leisten hier wertvolle Arbeit, die oft zu wenig wahrgenommen wird.

Kann man als Katholik bei Donum Vitae Mitglied sein und gleichzeitig im kirchlichen Dienst beschäftigt sein?

Viele, die sich bei Donum Vitae in den vergangenen 30 Jahren engagiert haben, werden in diesen Tagen dankbar auf Beratungssituationen zurückschauen, in denen sie Frauen in sehr schwierigen Situationen helfen konnten, „Ja“ zu ihrem Kind zu sagen. Für diesen persönlichen Einsatz danke ich den Beraterinnen und Beratern von Herzen. Ich gehe davon aus, dass diejenigen, die sich bei Donum Vitae engagieren, ihren Einsatz unmissverständlich als ein Engagement für das Leben verstehen. In der wahrlich nicht einfachen Frage einer Güterabwägung, was die geeignete Form des Einsatzes für das Leben ist, haben sie eine reflektierte Entscheidung getroffen; und davor habe ich Respekt. Entscheidend bleibt dennoch die Gewissensfrage: Sehe ich meine einmal getroffene Entscheidung weiterhin als Ausdruck einer entschiedenen Anwaltschaft sowohl für die betroffenen Frauen als auch für deren noch ungeborenen Kinder. Dies ist in meinen Augen eine unverzichtbare Grundlage für ein Engagement im kirchlichen Dienst.

 

Bischof Kohlgraf: Der Dissens betraf niemals das Ziel

Wie ist Ihre persönliche Einstellung zum Verein Donum Vitae?

Bischof Peter Kohlgraf Foto: Bistum MainzDie Auseinandersetzungen um die Schwangerenberatung Ende der 1990er Jahre waren eine Zerreißprobe für die katholische Kirche in Deutschland. Ich will aber nachdrücklich daran erinnern: Trotz aller Konflikte – auch innerhalb der Bischofskonferenz – herrschte immer Einigkeit darüber, dass das Leben ungeborener Menschen unbedingt zu schützen ist. Und ebenso herrschte Einigkeit darüber, dass schwangere Frauen in Not bestmöglich unterstützt werden sollten, um ihr Kind annehmen zu können. Der Dissens betraf das „Wie“, aber niemals dieses Ziel. Der Verein Donum Vitae entstand als Reaktion auf die Weisung von Papst Johannes Paul II., aus dem System der staatlichen Konfliktberatung mit Beratungsschein auszusteigen. Ich anerkenne, dass es immer das Anliegen von Donum vitae war, ungeborene Menschen zu schützen und nahe bei Frauen (und Männern) in Konfliktsituationen zu sein. Leider ist das Bewusstsein für den unbedingten Schutz ungeborener Menschen in unserer Gesellschaft nicht mehr sehr ausgeprägt. Umso dankbarer bin ich allen, die sich dafür einsetzen. 

Beobachten Sie, dass sich in den vergangenen 20 Jahren etwas in der Haltung der katholischen Kirche in Deutschland zu Donum Vitae geändert hat? Im vergangenen Jahr hat sich Kardinal Reinhard Marx in einem Schreiben an ZdK-Präsident Thomas Sternberg ja wie folgt zu DV geäußert: "Es besteht kein Zweifel, dass das Ziel von Donum Vitae ebenso wie das der bischöflich verantworteten Schwangerenberatung der Schutz des ungeborenen Menschen ist. Ich stelle fest, dass es über die Jahre hinweg auch vielen Beraterinnen von Donum Vitae gelungen ist, zahlreichen Frauen bzw. Eltern Mut zu machen für ein Leben mit dem Kind, und dafür bestmögliche Hilfestellungen zu bieten. Dafür dürfen wir gemeinsam dankbar sein."

Ich denke, in den vergangenen Jahren ist tatsächlich stärker ins Bewusstsein gerückt, dass das Ziel von Donum Vitae der Schutz des ungeborenen Menschen ist – und Donum Vitae sich darin nicht von den anerkannten kirchlichen Beratungsstellen unterscheidet. Kardinal Marx spricht das offen aus und – wie oben schon angedeutet – sehe ich das auch so. In dieser Sicht liegt gewiss eine Chance, zu einem weniger angespannten Verhältnis zu kommen, wenngleich Unterschiede natürlich auch nicht einfach ignoriert werden können. 

Kann man als Katholik bei Donum Vitae Mitglied sein und gleichzeitig im kirchlichen Dienst beschäftigt sein?

Mir ist sehr wohl bewusst, dass Donum Vitae zwar kein Verein der katholischen Kirche ist, aber von vielen Katholikinnen und Katholiken getragen wird. Kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter steht es selbstverständlich frei zu entscheiden, in welchen kirchlichen und nicht-kirchlichen Zusammenhängen sie sich über ihre Arbeit hinaus engagieren – solange keine wirklich eklatanten Gegensätze zu ihrem Auftrag im kirchlichen Dienst bestehen. Im Übrigen hat Kardinal Marx in seinem Brief an den Präsidenten des ZdK auch geschrieben, es sei nicht mehr ausgeschlossen, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach einer Beendigung ihrer Tätigkeit in Schwangerenkonfliktberatungsstellen von Donum Vitae in kirchlich anerkannten Schwangerenberatungsstellen angestellt werden können.