09.09.2021

Weihejubiläum Heinz Josef Algermissen

Blick zurück und nach vorn

Bischof emeritus Heinz Josef Algermissen hat vor 25 Jahren im Paderborner Dom die Bischofsweihe empfangen.


Heinz Josef Algermissen beim Bonifatiusfest 2004


Inzwischen übernimmt Bischof emeritus Heinz Josef Algermissen wieder Aufgaben, die ihm in den 25 Jahren seines bischöflichen Dienstes nicht möglich waren. So fährt er als Zelebrant  zu sonntäglichen Gottesdiensten in meist kleine Kirchengemeinden der Region Fulda, in denen sonst keine Messfeiern stattfinden könnten. „Da sehe ich – anders als früher bei großen Firmfeiern – die Realität in den Kirchengemeinden mit beispielsweise 40 Gottesdienstteilnehmern – statt 400 bei Firmfeiern“, erklärt er.
Seit der Emeritierung hat Algermissen zudem Zeit für die geistliche Begleitung von Priestern und anderen Gläubigen, sei es in der Beichte, in einem mehrstündigen Gespräch oder in einer längeren Begleitung. „Vor der Emeritierung habe ich da mehr auf Distanz geachtet“, sagt er mit Blick auf mögliche Konflikte durch seine Aufgabe als Vorgesetzter.
Das Plus an Zeit im Ruhestand nutzt der 78-Jährige für das Gebet in Anliegen, die Menschen ihm mitteilen. Dieses „Ins-Gebet-Nehmen“ ist für ihn seit jeher eine Basis christlichen Lebens: „Im Bischofshaus hat mich am Morgen mein erster Weg in meine Privatkapelle geführt – und am Abend vor dem Schlafengehen führte der letzte Weg erneut dorthin.“
Schaut er auf die zurückliegenden 25 Jahre, waren diese für ihn geprägt von Umbrüchen. Vor allem nimmt Algermissen eine zunehmende Säkularisierung wahr. Das Glaubenswissen habe stetig abgenommen. „Wie aber will ich dann Zeugnis ablegen davon, weshalb ich glaube?“, fragt er. Und er fügt hinzu: „Viele Menschen haben den Kontakt zu Jesus Christus verloren.“
Laut Bischof Algermissen braucht es keine Modernisierung, etwa dadurch, dem Zeitgeist hinterherzulaufen: „Jesus eckte mit seiner Botschaft an, und auch die Verkünder des Evangeliums heute müssen damit rechnen, dass sie anecken“. Dass ein Bischof vor allem anderen zum Dienst der Verkündigung bestellt ist, wird für Algermissen an einer besonders aussagekräftigen Symbolhandlung bei der Bischofsweihe deutlich. Zwei Diakone halten während der Allerheiligenlitanei das aufgeschlagene Evangelienbuch über den Kopf des Weihekandidaten.
Algermissen betont die Kirche brauche eine „Radikalisierung“ im besten Sinn des Wortes. Denn das lateinische Wort „radix“ bedeute „Wurzel“. „Es geht um eine Besinnung auf das, wo wir herkommen, auf unsere Quelle.“ Er verweist auf die frühe Kirche. Dort wurden die Menschen in der Nachfolge Jesu als „Anhänger des neuen Wegs“ bezeichnet, noch bevor sie „Christen“ genannt wurden.“ Der Bischof: „Einen solchen neuen Weg brauchen wir. Wir müssen den Mut haben, in der Konsequenz des Evangeliums anders zu sein.“
Dass Menschen hinter der Botschaft des Evangeliums zurückbleiben, gehört zum Menschsein dazu. Was einzelne Priester durch Missbrauch an Minderjährigen an Schuld auf sich luden, sprengt für Algermissen jegliche Vorstellungsvermögen. Der Umgang damit hat die zurückliegenden zehn Jahre seines bischöflichen Dienstes geprägt. Aus heutiger Sicht seien dabei die Opfer zu wenig im Mittelpunkt gestanden. „Aber wir haben daraus gelernt“, fügt er hinzu. Ihn schmerzt, dass Priester unter Generalverdacht gestellt würden. „Die große Mehrheit arbeitet verlässlich, treu und kompetent.“
Vertuschen war für Algermissen nie eine Option. Wenn es Hinweise auf Missbrauch gab, sei dem konsequent nachgegangen worden, auch durch Selbstanzeigen des mutmaßlichen Täters oder durch Anzeige durch das Bistum bei Gericht.
In Zeiten von Corona fürchtet  der Bischof angesichts von leeren Kirchen, dass die Pandemie wie ein „Brandbeschleuniger“ wirken könne. Aber „gebrannt“ habe es schon vorher. Aber wie sagt Algermissen mit Bezug auf den heiligen Augustinus: „In dir selbst muss es brennen, um andere zum Brennen zu bringen.“ So hat die Kirche eine Zukunft.

Für das Pontifikalamt am Sonntag, 19. September, um 15.30 Uhr ist eine Voranmeldung im Internet nötig: www.mein-kirchplatz.de

Von Hans-Joachim Stoehr