27.03.2018

Vier Christen diskutieren über Auferstehung

„Dass jeder in sich ein Goldstück hat“

Woody Allen sagte einmal: „Ich möchte nicht durch meine Arbeit unsterblich werden. Ich möchte lieber dadurch unsterblich werden, dass ich nicht sterbe. Ich möchte auch nicht in den Herzen meiner Landsleute weiterleben. Ich möchte lieber in meinem Apartment in New York weiterleben.“ Was kommt nach dem Tod? Auszüge einer Diskussion über Auferstehung.

Von links: Stefanie Teufel, Pfarrer Chris-toph Klock, Sebastian Kühn, Patricia Geipel, Anja Weiffen Foto: Sarah Seifen
Die Gesprächsgruppe: (von links) Stefanie Teufel,
Pfarrer Christoph Klock, Sebastian Kühn, Patricia Geipel,
Anja Weiffen Foto: Sarah Seifen

Krokusse blühen am Wilhelminenplatz in Darmstadt. Der Wind bläst eisig. Beeindruckend ragt die Kuppel von
St. Ludwig in den Himmel. Auf Initiative der Kirchenzeitung treffen sich im Pfarrhaus nebenan Pfarrer Christoph Klock, die FSJler Sebastian Kühn und Patricia Geipel sowie Gemeindemitglied Stefanie Teufel. Die Frage, die zur Diskussion steht: Wie können Christen heute Ostern und Auferstehung begreifen?

Wenn ein Mensch gestorben ist, stellt sich die Frage: Wo ist derjenige?

Patricia Geipel: Ich bin ehrenamtlich bei der Katholischen jungen Gemeinde (KjG) tätig. Mit anderen KjGlern hab’ ich den Film „Die Hütte“ gesehen. Mit 15 Leuten haben wir danach darüber diskutiert, was wir denken, was nach dem Tod kommt oder warum Menschen schreckliche Dinge tun? Über die Theodizee-Frage haben wir diskutiert. Deswegen denke ich jetzt erst darüber nach, was ich davon halte. Ich könnte nicht sagen, was mein Standpunkt ist. Das kommt jetzt erst alles in meinem Leben.

Christoph Klock: Ich stehe ständig an offenen Gräbern in meinem Dienst. In der Trauerhalle steht mal ein Sarg, mal steht eine Urne da mit einem Pfund Asche drin. Das ist zunächst einmal materiell gesehen das Einzige, was von einem Menschen übrig geblieben ist: ein Häufchen Asche oder ein Leichnam, von dem ich weiß, dass er in einigen Jahren so nicht mehr existieren wird. Wenn ich die Todesanzeigen lese, kommt immer dieses Moment: In unserer Erinnerung wirst du weiterleben. Das ist zu wenig.

Wenn es überhaupt stattfindet. Sicherlich eine Zeit lang, aber irgendwann nach
Generationen ...?

Christoph Klock: Ist auch nichts mehr da. Was hätten denn meine Urururgroßeltern davon, dass sie in meiner Erinnerung weiterleben. Ich habe diese Erinnerung ja nicht. Das heißt, die Menschen sind weg. Es kann nicht jeder so berühmt sein, dass er in irgendeiner Weise weiterlebt. Das ist ein sehr subjektives Wahrnehmen. Meine Erinnerungen sind selektiv und werden einem Menschen gar nicht gerecht. Und vor allen Dingen verschwinden sie einmal. Soll das das Einzige sein, was von einem Menschen übrigbleibt?

Für mich ist eine große Hilfe, daran zu glauben und eigentlich schon zu wissen, dass da jemand ist, der überhaupt nicht vergisst. Bei Gott ist das Wort Erinnerung falsch, weil das eine Art Vergangenheit-Gegenwart-Relation herstellt. Für Gott ist aber alles Gegenwart. Das heißt, der Mensch ist von Anfang an, von Geburt bis Ende, in Gott präsent.

Der Mensch ist der, der er immer auch war. Aber er bekommt jetzt in der Ewigkeit Gottes die Chance, auch der tatsächlich zu sein. Und zwar in einer Form, dass er nicht seinen verpassten Gelegenheiten nachtrauert – das wäre ja eine fürchterliche Ewigkeit, ständig darüber nachzudenken, oh, meine Güte, was hab’ ich im Leben verpasst oder welche Alternativen hätte ich gehabt. Dass ich mit diesen verpassten und wahrgenommenen Möglichkeiten in einer guten Weise umgehen kann, das ist das, was man Versöhnung nennen kann. Ich kann mir schon vorstellen, dass Gott ein ganzes Stück Arbeit mit mir haben wird, aber darauf hat er sich eingelassen, da muss er durch. Die eigentliche Arbeit hab ja ich. Das ist ein ungemein spannender Lernprozess. Den ich ganz unbekümmert Fegefeuer nennen würde.

Goldstück Foto: Adobe Stock
Die Farbe Gold symbolisiert das Göttliche. Um reines Gold zu gewinnen, muss das Edelmetall gereinigt werden. Pfarrer Klock verweist auf dieses Sinnbild aus dem Alten Testament für die Läuterung des Menschen im Tod.
Foto: Adobe Stock / styleuneed

Das ist so ein Begriff. Wir reden in Bildern: Fegefeuer ... ich weiß nicht, ob Sie das in Ihrer Kindheit so gelernt haben?

Sebastian Kühn: Nicht unbedingt.

Patricia Geipel: Nein.

Kam das in der Erziehung gar nicht vor oder in der Schule? Ich kenne das noch. Sie auch?

Stefanie Teufel: Ja.

Sebastian Kühn: Meinen Sie damit die Hölle? Denn mir wurde beigebracht, wenn ich so lebe, wie es mir meine Eltern vorleben, christlich erzogen, wenn ich gut und sozial handle, wird mich Gott aufnehmen und dann bin ich sicher. Was anderes gab es für mich nicht. Ich hab’ nicht anders gelebt bis jetzt.

Fegefeuer, den Begriff kann man auch mit Läuterung übersetzen, mit Reinigung.

Christoph Klock: Purgatorium (Reinigungsort, Anmerkung der Redaktion) heißt das auch. Das Alte Testament spricht davon, dass die Gerechten im Feuer geläutert werden wie Gold. Das heißt, alles Unedle wird in diesem Feuer von ihnen weggenommen und das reine Gold bleibt übrig.

Ich halte das für einen ganz notwendigen Prozess, der nichts mit Qual zu tun hat und mit Peinigung, sondern tatsächlich mit Erkenntnis. Das muss auch notgedrungen ein schmerzlicher Prozess werden, denn in ihm erkenne ich auch, wie vielen Menschen ich in irgendeiner Weise Unrecht zugefügt habe. Ich muss ja auch mit all diesen Dingen umgehen. Wenn ich von einem ewigen Leben spreche, dann komm’ ich sehr schnell in die Gefahr, dass dieses Leben zu einer Hölle wird, denn ich gehe dann um mit allen Menschen vor und nach mir, mit denen, die ich gekannt habe, mit meinen eigenen Fehlern. Da sind Mörder, da sind Verbrecher, da sind Opfer. Es muss ja einen Weg geben, wo Gott selbst von dieser Spannung nicht zerrissen wird. In irgendeiner Weise muss es ausgeglichen werden. Das ist dieser Prozess, der mal mehr, mal weniger lange dauern mag, bis dann der Einzelne bereit ist, egal aus welcher Lebensrichtung er kommt, was er erlitten hat oder getan hat, mit allen anderen in Gott zusammen in der Ewigkeit zu sein. Das ist etwas, was wir Menschen nie hinbekommen würden, weil unsere Versöhnungskapazitäten begrenzt sind und unser Fundus an Barmherzigkeit sich irgendwann auch erschöpfen mag. Aber für Gott muss das möglich sein, sonst kommen wir an einen Punkt, wo wir sagen, sonst lass ich das mit der Unsterblichkeit der Person doch besser weg und ziehe einen Schlussstrich, und dann kommt das alles nicht an mich heran. Denn die Leugnung der Unsterblichkeit hat auch unstreitbare Vorteile.

Wie ist das, wenn ihr hört, ins Fegefeuer muss jeder rein und das ist eigentlich ein guter Prozess?

Sebastian Kühn: Ich fand das jetzt gerade sehr interessant. Das war ein ganz anderer Blickpunkt darauf. Und gerade das mit der schmerzlichen Erfahrung fand ich sehr gut, weil das ist ja immer so: Man lernt erst daraus, wenn etwas passiert, was einen schmerzen könnte. Das ist eine ganz andere Sicht, die ich gut finde. Ich muss da erstmal drüber nachdenken.

Stefanie Teufel: Das hat etwas Entlastendes. Wenn man durch diese Läuterung geht, hat dieser Neuanfang immer auch etwas Positives. Nicht in diesen Ängsten gefangen zu sein, was könnte da kommen und was wird da sein, sondern wirklich offen zu sein, das anzunehmen, was kommt, was kommen darf und kommen kann.

Patricia Geipel: Und was kommt danach? Wir haben davon gesprochen, dass man das Fegefeuer durchlebt. Kann man das so sagen? Wenn man dann zu seinem Gold geworden ist, was passiert dann?

Christoph Klock: Dann, denke ich, leben alle Menschen, die zu Gold geworden sind, in Gott und erleben das, was man in früheren theologischen Ausdrucksweisen die Glückseligkeit oder die seligmachende Schau genannt hat. Es heißt Die Menschen werden die Nähe zu Gott, die wir hier immer mal wieder erfahren, wenn auch nur situativ und begrenzt, dann ganz haben. Das stelle ich mir unglaublich spannend vor. Dazu brauche ich auch eine Ewigkeit. Wie gesagt, da müssen alle Vorstellungen von Zeit weg. Sonst wird das ganz schlimm. Und Hölle, nun ja. Die Vorstellungen von siedenden Ölkesseln und Teufeln, die einen mit Spießen und Gabel piesacken und einem die Haut abziehen, wie in Michelangelos Weltgericht für die Verdammten. So ist Hölle sicher nicht. Für mich sind Bilder wichtig, die sich aus dem Handeln Jesu ergeben. Da sitzt zum Beispiel ein Mensch da, der völlig gelähmt ist, völlig verkrüppelt und in sich zusammengekrümmt ist. Und dann kommt Jesus und richtet diesen Menschen auf. Auf einmal kann der wieder gehen, der kann sich gerade aufrichten, der muss nicht mehr auf den Boden schauen, sondern der kann dann wieder in den Himmel schauen, der erlebt Menschen, die nicht mehr von oben auf ihn herabschauen, sondern auf Augehöhe. Und so stell ich mir das vor, dass Gott all das, was uns zusammenkrümmt und verbiegt, dass Gott uns das dann wegnimmt und uns wieder aufrichtet. Das ist ja auch Ostern: Auferstehung.

Das ganze Gespräch lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der Kirchenzeitung.

 

Moderation: Sarah Seifen und Anja Weiffen

Am Gespräch nahmen teil: Patricia Geipel, Freiwilligendienstlerin aus Bad Orb und aktuell tätig beim Katholischen Jugendreferat des Bistums Fulda in Hanau; Sebastian Kühn, Freiwilligendienstler, tätig bei der Jugendkirche Jona in Frankfurt; Stefanie Teufel, stellvertretende Verwaltungsratsvorsitzende in St. Ludwig in Darmstadt; Geistlicher Rat Dr. Christoph Klock, Pfarrer in St. Ludwig in Darmstadt.