19.03.2020

Impulstext von Bischof Georg Bätzing

Christus will ich erkennen

„Beten üben“: So hat Bischof Georg Bätzing seinen Fastenhirtenbrief überschrieben. Die Zeit vor Ostern nutzt er für eine Gebetsschule: Jede Woche gibt es hier einen Impulstext. Diesmal geht es um Christus als Bild Gottes. Von Bischof Georg Bätzing.

Bischof Georg Bätzing

Wenn wir beten, sprechen wir nicht in ein ungewisses Dunkel hinein. Es stimmt zwar, was am Anfang des Johannesevangeliums steht, dass niemand Gott je gesehen hat (vergleiche Johannes 1,18). Darum treten betende Menschen mit aller gebührenden Ehrfurcht vor Gott hin, denn er bleibt unverfügbar. Aber in der Geschichte seines Volkes hat er sich zu erkennen gegeben. Im Zentrum des christlichen Glaubens steht das Vertrauen, dass Gott uns Menschen Heil schenken will, das heißt Freiheit, Sinn, das Wissen um ein letztes Ziel und die Hoffnung auf einen guten Ausgang unseres Lebens. Im Grunde meint „Heil“ nichts anderes als ein erfülltes Dasein in lebendiger Gemeinschaft mit dem liebenden Vater. Das hat Jesus mit seinen Worten und Taten bezeugt. Wer Gott ist und wie er sich uns Menschen zuwendet, lässt sich an Jesus ablesen, denn „er ist Bild des unsichtbaren Gottes“ (Kolosser 1,15). Auf ihn schauen heißt, Gott anschauen. Jesu Lebensweg betrachten bedeutet, Gottes Engagement für uns Menschen kennenlernen. Christliches Beten richtet seinen Blick auf Jesus.

„Das kontemplative Gebet ist ein Gebet, in dem wir aufmerksam auf Gott schauen. Wie soll das möglich sein, da niemand Gott sehen kann? Das Mysterium der Menschwerdung Christi besteht darin, dass es möglich wurde, Gott in und durch Jesus Christus zu sehen. Christus ist das Bild Gottes. In und durch Christus wissen wir, dass Gott ein liebender Vater ist, den wir sehen können, indem wir auf seinen Sohn blicken.

Das kontemplative Gebet bedeutet also, Christus als das Bild Gottes des Vaters zu sehen. Alle bewussten oder unbewussten Bilder, die wir uns von ihm machen, sollten auf ihn ausgerichtet sein, der das einzige Bild Gottes ist. Indem wir Christus mit liebender Aufmerksamkeit betrachten, erfahren wir mit Herz und Sinn, was es bedeutet, dass er der Weg zum Vater ist. Jesus ist der Einzige, der den Vater gesehen hat. Jesus sagt: ,Niemand hat den Vater gesehen außer dem, der von Gott ist‘ (Johannesevangelium 6,46).

Das ganze Dasein Jesu ist ein ständiges Schauen auf den Vater. Jesu Leben und Werke sind eine ununterbrochene Kontemplation seines Vaters. Für uns bedeutet daher Kontemplation eine ständig deutlicher werdende Vorstellung von Jesus, so dass in, durch und mit ihm wir den Vater sehen können und in seiner Gegenwart leben.“ (Nouwen, Seiten 117 bis 118)

Bei zwei Gelegenheiten lud Jesus seine engsten Freunde Petrus, Johannes und Jakobus ein, mit ihm ganz persönlich zu beten. Das erste Mal nahm er sie mit auf den Gipfel des Berges Tabor. Dort sahen sie sein Gesicht leuchten wie die Sonne und seine Kleider blendend weiß wie das Licht (Matthäusevangelium 17,2). Das zweite Mal nahm er sie mit in den Garten Getsemani, wo sie sein Gesicht voller Ängste und seinen Schweiß wie große Blutstropfen zu Boden fallen sahen (vergleiche Lukasevangelium 22,44).

Das Gebet unseres Herzens führt uns sowohl auf den Tabor wie auch nach Getsemani. Wenn wir Gott in seiner Herrlichkeit gesehen haben, werden wir ihn auch in seinem Elend sehen, und wenn wir das Grauen seiner Erniedrigung gespürt haben, werden wir auch die Schönheit seiner Verklärung erfahren.“ (Nouwen, 126 bis 127)

Jeder trägt Bilder von Jesus in sich. Sie haben sich uns eingeprägt durch das Hören des Evangeliums oder durch Darstellungen der Kunst. Welche Gestalt erkennen Sie, wenn Sie an Jesus denken? An welche Szenen erinnern Sie sich? Was für eine Gesinnung spricht daraus? Wie ist sein Gesicht? Es lohnt sich, das Bild Jesu in mir wahrzunehmen, denn es prägt meinen Glauben und stellt mir Gott vor Augen.

Wir dürfen allerdings nicht dabei stehen bleiben, denn mit Jesus kommt man so leicht an kein Ende. Immer neue Facetten seiner reichen Gestalt tun sich denen auf, die die biblische Botschaft auf sich wirken lassen. Dass sie uns Jesus in vier Evangelien – also in einer Vielfalt von Perspektiven – vorstellt, hat durchaus einen tiefen Sinn. Mich persönlich animiert das eindrucksvolle Selbstzeugnis des Apostels Paulus im Philipperbrief dazu, Jesus immer neu und immer anders kennenzulernen. Paulus beschreibt, was ihn innerlich bewegt, seitdem der auferstandene Herr sich ihm vor Damaskus in den Weg gestellt und sein Leben umgekrempelt hat: „Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinen Leiden, indem ich seinem Tod gleich gestaltet werde. So hoffe ich, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen. Nicht dass ich es schon erreicht hätte oder dass ich schon vollendet wäre. Aber ich strebe danach, es zu ergreifen, weil auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin“ (Philipper 3,10-12).

Es geht also nicht rein äußerlich darum, Jesus „besser“ zu kennen und „mehr“ über ihn zu erfahren. Denn das nützt nicht viel auf dem Weg des Glaubens. Wer Jesus Christus als Bild Gottes in der Welt betend betrachtet, strebt nach innerer Wandlung. Der Jesuit Pierre Olivaint (1816 bis 1871) hat ein Gebet dazu formuliert (Sie finden es im Gotteslob unter der Nr. 6, 5): 

„Wachse, Jesus, wachse in mir, in meinem Geist, in meinem Herzen, in meiner Vorstellung, in meinen Sinnen. Wachse in mir in deiner Milde, in deiner Reinheit, in deiner Demut, deinem Eifer, deiner Liebe. Wachse in mir mit deiner Gnade, deinem Licht und deinem Frieden. Wachse in mir zur Verherrlichung deines Vaters, zur größeren Ehre Gottes.“ 

Die Seitenzahlen in Klammern beziehen sich auf das Buch von Henri Nouwen: Dem vertrauen, der mich hält, Verlag Herder, 2007

 

ZITIERT

 

Das Gebet „Anima Christi“

„Seele Christi, heilige mich. 

Leib Christi, rette mich.

Blut Christi, tränke mich.

Wasser der Seite Christi, wasche mich. 

Leiden Christi, stärke mich.

O guter Jesus erhöre mich.

Birg in deinen Wunden mich.

Von dir lass nimmer scheiden mich. 

Vor dem bösen Feind beschütze mich. 

In meiner Todesstunde rufe mich,

zu dir zu kommen, heiße mich,

mit deinen Heiligen zu loben dich 

in deinem Reiche ewiglich.

Amen.“

„Anima Christi“ (lateinisch: Seele Christi) ist ein seit dem 14. Jahrhundert bezeugtes Gebet. Möglicherweise ist Papst Johannes XXII. (gestorben 1334) der Verfasser. 

Ignatius von Loyola (1491 bis 1556), der Gründer des Jesuitenordens, empfiehlt es in seinen Exerzitien, weshalb man ihn mitunter als Autor angenommen hat. Es eignet sich auch als Dankgebet nach dem Kommunionempfang. 

Das Gebet steht im Gotteslob unter der Nr. 6,4