31.07.2011

Leserrreise der Kirchenzeitung mit Weihbischof Gerhard Pieschl nach Ungarn

„Es beginnt was zu kribbeln“

Fertörákos wäre nie weltweit bekannt geworden. Wenn sich nicht hier, an der ungarischösterreichischen Grenze, im Juni 1989 Historisches ereignet hätte. „Die Ungarn haben als Erste den Stacheldrahtzaun durchschnitten. Dafür können wir nicht dankbar genug sein“, stellt Weihbischof Gerhard Pieschl fest.


Erinnerungsfoto mit Weihbischof: Die Leser der Kirchenzeitung vor einem Wahrzeichen der ungarischen Hauptstadt, der Fischerbastei in Budapest.

Von Heike Kaiser

Heute, gut 22 Jahre später, steht er mit 24 Leserinnen und Lesern der Kirchenzeitung an dem Ort, an dem einst Hunderte DDR-Bürger die Chance zur Flucht nutzten – vier Monate, bevor die Berliner Mauer fiel.

Als die Teilnehmer der Ungarn-Leserreise sich zur Erinnerung an dieses Ereignis an den Händen fassen und ein Lied anstimmen, kommt zunächst etwas zögerlich ein älterer Mann auf die Gruppe zu. Erstaunen macht sich breit, als er sich vorstellt: Sein Name ist Tibor András, er ist 85 Jahre alt und während des ungarischen Volksaufstands 1956 ebenfalls genau von dieser Stelle aus nach Österreich geflüchtet. András war 34 Jahre lang Flötist der Philharmonia Hungarica, jenem Orchester, das von geflohenen Musikern 1956 in Baden bei Wien gegründet wurde. „Wir haben zusammen mit Yehudi Menuhin gespielt und 1959 unser erstes Konzert in New York gegeben“, erinnert er sich an längst vergangene Zeiten.

Spontane Begegnungen wie diese sind nicht ungewöhnlich, wenn Weihbischof Pieschl eine Leserreise der Kirchenzeitung begleitet. Er geht leutselig auf Menschen zu und ermuntert sie, von sich zu erzählen. Den ungarischen Pfarrer der Kirche St. Martin in Szombathely (Steinamanger) ebenso wie den polnischen Priester, mit dem er zum Abschluss der Leserreise im österreichischen Wallfahrtsort Mariazell einen Gottesdienst feiert.

„Der Besuch von Steinamanger, dem Geburtsort des heiligen Martin, war für mich ein persönliches Highlight“, stellt Pieschl fest. Martin ist sein großes Vorbild. Ein Wort des Heiligen hat der emeritierte Weihbischof als Wappenspruch gewählt: „Non recuso laborem“ – „Ich scheue keine Arbeit“ – übersetzt er Augen zwinkernd auch gerne mit: „Ich drücke mich nicht.“

Der heilige Martin steht immer wieder im Mittelpunkt der Reise – ebenso wie der heilige Stephan. Als der erste König von Ungarn 995 mit Gisela, der Tochter des Bayernherzogs Heinrich III., verheiratet wurde, begann die gemeinsame deutsch-ungarische Geschichte.

„Wer hier ein Schloss anbringt, drückt aus: Ich fühle mich diesem Ort verbunden, ich will hierher zurückkommen.“ An der Universität im südungarischen Pecs hält Weihbischof Pieschl regelmäßig Vorlesungen. Er ist Ehrendoktor der dortigen deutschen Fakultät. Fotos: Heike Kaiser

Gerhard Pieschl hat eine ganz persönliche Beziehung zu Ungarn: Auf dem Soldatenfriedhof von Stuhlweißenburg, dem heutigen Székesfehérvár, liegt sein Vater begraben. Er ist beim Großangriff der Russen auf Budapest 1944 gefallen. „Sein Kommandeur hat ein Foto von dem Grab gemacht und es zu uns nach Mährisch-Trübau geschickt“, erzählt der 77-Jährige den Reiseteilnehmern. Nach der Vertreibung der Familie aus dem heutigen Tschechien hat Pieschl aufgrund dieses Fotos Nachforschungen angestellt – und das Grab seines Vaters gefunden.

Felix Mehringer (73) aus Eschborn verbindet mit seiner Reise nach Ungarn ebenfalls ganz persönliche Erinnerungen. Auch er ist Heimatvertriebener aus Westungarn. „Als die Russen kamen, ist fast die gesamte Dorfbevölkerung geflüchtet. Mein Opa und meine Oma sind da geblieben“, berichtet Mehringer. Als seine Oma angefangen habe zu beten, „haben die Russen sie einfach niedergestreckt“. Aus Angst vor der Roten Armee habe der Pfarrer sich nicht getraut, sie zu beerdigen. „Das hat mein Vater gemacht. Doch später ist sie von dem Priester auf dem Friedhof beigesetzt worden“, schildert Mehringer seine Kindheitserlebnisse.

Sichtlich ergriffen ist Franz Pollak (Limburg-Dietkirchen), als die Reiseroute durch seinen Geburtsort Györsövenyhaz führt. Der 72-Jährige ist im Alter von sechs Jahren nach Deutschland gekommen. Doch er erinnert sich noch gut an den Aushang in Györsövenyhaz, der 1946 verkündete: „Alle deutschen Familien müssen ihre Heimat verlassen.“ Das sei zwar alles schon sehr lange her – „aber immer, wenn ich in die Nähe meines Geburtsorts komme, beginnt etwas in mir zu kribbeln“.