11.02.2014

„Gezeugt“ oder „geschaffen“?

Im Großen Glaubensbekenntnis heißt es: Jesus Christus „aus dem Vater geboren vor aller Zeit (…), gezeugt, nicht geschaffen.“ Was ist der Unterschied zwischen „gezeugt“ und „geschaffen“?
G. S., Bruchköbel

Heute verstehen wir „zeugen“ meist biologisch: als Zugabe männlicher Erbsubstanz zur weiblichen, damit ein neues Lebewesen entsteht. Das Verb „schaffen“ hingegen wird meist im Zusammenhang mit Künstlern verwendet, sonst sprechen wir eher von „machen“, „produzieren“, „herstellen“.
Die Aussage im Großen Glaubensbekenntnis, formuliert in Nicäa im Jahr 325 und ergänzt 381 in Konstantinopel, lautet: „Wir glauben an den einen Gott, den Vater, der alles geschaffen hat, … und an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit: … gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater …“ Dabei kann man das im griechischen Text verwendete Verb „poéio“ auch mit „machen“, „produzieren“ übersetzen, philosophische Begriffe der Zeit, die damals geläufig waren.
Das Glaubensbekenntnis wurde formuliert, um zu erläutern, wieso Jesus Christus für uns Menschen so wichtig ist. Warum konnte er zu unserem Retter werden, als der er ja erfahren wurde und als der er bestätigt wurde durch die Auferweckung?
Wenn Christus aber der Retter ist, der Erlöser, dann kann er nicht selber ein Teil der Schöpfung sein. Dann ist er nicht geschaffen wie Gestirne und Erde, Pflanzen, Tiere und Menschen … Er muss eine andere Beziehung zu seiner Herkunft, zu Gott, haben.
Diese andere Art der Beziehung von Jesus Christus zu Gott wird deshalb umschrieben mit „geboren aus“ und „gezeugt“. Auch damals war klar: Es geht nicht um Biologie, sondern um Glauben: Jesus Christus ist (auch) Gott.
Andererseits kann er nicht völlig identisch sein mit Gottvater, hat er doch zu Gott, seinem Vater, gebetet. So wie Kinder, die von ihren Eltern nicht hergestellt, sondern gezeugt und geboren werden, vom gleichen Wesen sind wie ihre Eltern, aber nicht mit ihnen identisch, so ist Christus aus dem Wesen des Vaters gezeugt und daher „eines Wesens“ mit Gottvater, aber nicht mit ihm identisch.
Roland Juchem