01.06.2016

Spirituelle Tattoos

Das geht unter die Haut

„Der Körper ist die Kathedrale des 21. Jahrhunderts. Der Körper ist Ausdrucksmittel und Präsentationsfläche – und er ist einzigartig“, sagt Christopher Paul Campbell von der Katholischen Erwachsenenbildung Westerwald/Rhein-Lahn. Von Anken Bohnhorst-Vollmer.

Christopher Paul Campbell vor einem Bildschirm mit Fotos von Tattoos Foto: Anken Bohnhorst-Vollmer
Die Vielfalt der Tätowierungen und deren Expressivität beeindrucken
Christopher Paul Campbell, Referent für Erwachsenenbildungnterschrift.
Foto: Anken Bonhorst-Vollmer

Wer sich für eine Tätowierung entscheidet, wählt eine radikal expressive und individuelle Darstellungsform populärer Kunst, weiß Christopher Campbell, der sich mit spirituell inspirierten Tätowierungen befasst hat. „Ob Kreuze, Madonnen oder gotische Ornamentik, Tätowierer und Tattoo-Fans beleben auch die alten Symbole des Christentums. Sie sind dabei unkonventionell, unverkrampft und unbedingt sexy.“

Eine Madonna ziert den Oberarm

Eine gelungene Bemalung sei durchaus ästhetisch, findet der Referent für Erwachsenenbildung und berichtet von einem jungen Pfleger, der sich die „Betenden Hände“ des Renaissance-Malers Albrecht Dürer auf den Rücken stechen ließ.

Auch die Bemalung eines älteren, kräftigen Mannes habe ihn beeindruckt. Der erzählte, dass er im Alter von 35 Jahren einen Herzinfarkt erlitten habe und sich nach seiner Genesung eine Madonna auf den Oberarm tätowieren ließ. Er sei nicht religiös, habe der Mann erklärt. Aber er wollte für den Rest seines Lebens von der Gottesmutter beschützt bleiben.

Eine Entwertung spiritueller Motive durch deren Tätowierung kann Campbell darin nicht erkennen. Es gehe nicht um die Frage: „Steckt da was dahinter?“ Wenn jemand 50 Jahre lang die Kirchenbank drücke, würde schließlich auch nicht hinterfragt, ob dies aus Gewohnheit, Zeitvertreib oder aus einem inneren Bedürfnis heraus geschehe. „Ich bewerte das nicht“, betont er. Eine Trivialisierung religiöser Inhalte ist das nach seiner Überzeugung keinesfalls. „Schauen Sie sich den Limburger Dom an. Dessen Innengestaltung ist auch Patchwork.“ Bedeutend und banal liegen hier eng beieinander.

Tatsächlich sind es häufig Krisensituationen, die Männer und Frauen dazu veranlassen, ein sichtbares Zeichen zu setzen. Bisweilen sei eine Bemalung auch ein Ausdruck von Selbstbestimmung. „Seht her, vielleicht habe ich mein Leben nicht im Griff, aber die Tätowierung habe ich mir genau so vorgestellt“, formuliert Campbell eine denkbare Motivation. Allerdings hätten ihm die Tätowiererinnen, mit denen er gesprochen hat, versichert, dass „der Kunde eine feste Persönlichkeit haben muss“.

Eine unüberlegte Tätowierung, gewissermaßen im Vorbeigehen, gebe es bei ihnen nicht. Im Gegenteil: Nicht eine Laune wird durch das Bild wiedergespiegelt, sondern der Charakter. Und da insbesondere größere Körperbilder über mehrere Stunden an mehreren Tagen angefertigt werden, entstehe eine intensive Beziehung zwischen Künstler und Kunden, in deren Verlauf sich Ideen und Akzente durchaus verschieben können.

Auf einem Arm Buddha, auf dem anderen Jesus

Inhaltliche Gegensätze sind indes weder unüblich noch unmöglich, stellt der Referent fest und erzählt von einer Frau, die sich auf einen Arm Buddha und auf den anderen Jesus tätowieren ließ. Warum nicht? Dies sei ein Ausdruck großer Toleranz.

Interessant findet er auch die Aussage einer anderen Frau, die sich das Pallottinerkreuz auf ihren Arm malen ließ, weil sie sich als „wandelnde Verkündigung“ verstehe. Gerade bei Kreuzen sei das Spektrum der Darstellungen ohnehin sehr weit. Während gotische Kreuze tendenziell „lockerer“, phantasievoller ausgeführt würden, wird bei orthodoxen Kreuzen eine realistischere Gestaltung bevorzugt, hat er beobachtet. Spannend ist Campbell zufolge auch die Platzierung eines Tattoos. Religiöse Motive seien häufig an jenen Körperpartien gestochen, die nicht offensichtlich seien. Der Betreffende wolle selbst entscheiden, wer die Tätowierung sehen darf und wer nicht. Für wen ist das Bild „offen“, für wen soll es „verborgen“ bleiben. Denn die Körperstelle, an der tätowiert wird, drückt ebenso ein persönliches Lebensgefühl aus wie die Motive selbst. So würden beispielsweise oft Daten und Namen von engen Angehörigen gestochen, um die enge Verbundenheit mit diesen Personen zu dokumentieren.
Aber es gibt eben auch eine große Heterogenität, also sehr verschiedene Vorlagen, auf einem Medium, nämlich der eigenen Haut. „Das dominierende Element ist immer das Ich“, sagt Christopher Campbell. Er selbst hat übrigens kein Tattoo.