31.07.2014

Jahresserie Ü 50 – mittendrin! (7): Wider den Jugendwahn

100 Dinge, die ich lassen kann

Die Redakteurinnen und Redakteure der Kirchenzeitung stehen mitten im Leben. Das lässt auf Erfahrungen setzen und in Hoffnungen gründen. Und es muss nicht mehr jede Mode mitgemacht werden. Deshalb folgen hier: 100 Dinge, die ich lassen kann.

All das kann ich lassen
Ach, wie schön: Ü50 zu sein hat auch jede Menge Vorteile. Es gibt viele Dinge, die ich lassen kann.

Noch ein Kochbuch kaufen – weil ich die Rezepte, die ich schon habe, gar nicht mehr alle ausprobieren kann, selbst wenn ich 100 würde.
Mich über „ungelegte Eier“ aufregen – weil mir das Leben gezeigt hat, dass es oft anders kommt, als man denkt.
Mich um den morgigen Tag sorgen – weil der früh genug kommt und weil ich vorgesorgt habe, soweit es mir möglich war.
Immer nach dem letzten modischen Schrei gekleidet oder frisiert zu sein – weil ich meinen Stil gefunden habe.
Alles auf einmal zu erledigen – weil ohnehin nur noch eins nach dem anderen geht.
Langfristige Geldanlagen – weil die Wahrscheinlichkeit, dass meine Frist früher abläuft, von Tag zu Tag größer wird.
In allem, was mir widerfährt, krampfhaft nach dem Sinn zu suchen – weil mir das Leben gezeigt hat, dass alles seinen Sinn hat (auch wenn ich ihn oft viel später entdecke).
Über Leute zu lachen, die vor dem Fernseher einschlafen – weil es mir jetzt selbst passiert.
Jeden Roman, den ich gelesen habe, in mein Regal zu stellen – weil ich die Erfahrung habe, dass ich die wenigsten Bücher zweimal lese.
Mich über eine zerbrochene Tasse ärgern – weil ich wirklich genug von den Dingern im Schrank habe.
Es allen recht machen zu wollen – weil es 1. ohnehin nicht gelingt und 2. ich mir selbst damit nicht gerecht werde.
Mich liften zu lassen – weil jede Falte ehrlich verdient ist.
Auf der Kirmes Extrem-Fahrgeschäfte besuchen – weil mir davon schlecht wird.
Neonnagellack auftragen – weil der Verzicht auf Schockfarben mich schöner macht.
Googlebrille kaufen – weil das die Vorstufe zum implantierten Chip ist, mit dem sich die Menschen demnächst freiwillig an die Datenströme ketten.
Teppichfransen kämmen – weil ich das als Kind schon nicht eingesehen habe.
Zelten – weil es auch Vorteile haben muss, älter zu werden: Willkommen Hotelzimmer!
Veganismus – weil ich mich entschieden habe, wenig Fleisch zu essen und mich damit gut fühle.
Deko kaufen –  weil ich lieber Bücher kaufe und Dekorationsartikel meist „Stehrümchen“ sind.
Mich beim Arzt ausziehen, bevor der mir „Guten Tag“ gesagt hat – weil – das muss man nicht erklären.
Einen teuren Kaffeeautomaten anschaffen – weil es nervt, wenn der Gastgeber ständig für jede neue Tasse in der Küche verschwindet.
All inclusive Urlaub – weil dabei nie das Wichtige inkludiert ist.
So genannte Sonnenbäder – weil sie Krebs verursachen können.
Elektronische Glückwünsche – weil handgeschriebene Karten mehr Freude machen.
Illusionen hegen – wie die, dass ich irgendwann ein Instrument spielen werde – weil ich glaube, wenn es wichtig genug gewesen wäre, hätte ich längst damit angefangen.
Ostereier färben – weil das die Pfadfinder in der Heimatgemeinde inzwischen als Service anbieten; für einen „guten Zweck“.
Stehplätze beim Rockkonzert  – weil die, die vor mir stehen, immer größer sind und ich auch von einem Tribünen-Sitzplatz aus gut „mitrocken“ kann.
In einem Mehrbettzimmer in der Jugendherberge übernachten – weil Privatsphäre wichtiger ist als „Gemeinschaftsschnarchen“.
Diät machen – weil das dem Gesichtsausdruck gut tut. Oder kennen Sie jemanden, der Lebensfreude ausstrahlt, wenn er hungert?
„Lernen durch Schmerz“ – weil Apfelkorn und Persico unangenehme Erinnerungen wachrufen.
Erst „auf den letzten Drücker“ losfahren – weil ich so entspannter ankomme.
„Cool“ sein müssen – weil das einfach nur noch peinlich ist.
In der Jugendsprache mithalten – weil das nicht jünger macht, sondern einfach nur noch peinlich ist.
„Ja“ sagen und „Nein“ meinen – weil ich gelernt habe: Ich darf auch mal ablehnend auf eine Bitte reagieren, ohne gleich ein schlechtes Gewissen zu haben.
Verbissen ein Ziel erreichen wollen – weil weniger manchmal mehr ist.
Frauen-Zeitschriften im Wartezimmer lesen – weil ein Buch einfach „mehr Wert“ hat.
Schnulzige Schlager hören – weil das Leben einfach zu kurz ist für schlechte Musik!
Als Letzte von der Party heimgehen – weil ausreichender Schlaf einfach gesünder ist.
Im „Rudel“ verreisen – weil individueller Urlaub, allein mit dem Partner, mir und der Beziehung guttut!
Das alte Auto, weil ein neues einfach bequemer ist
Den Jakobsweg gehen – weil der überlaufen ist, und ich den landschaftlich reizvollen Franziskusweg in Italien einmal von Anfang bis Ende pilgern möchte.
Gefärbte Haare – weil Grau zu meinem Alter passt.
Reisen „nur“ in Deutschland – weil es weltweit auch noch viele Traumziele gibt.
Facebook, WhatsApp etc. – weil ich gar nicht immer wissen möchte, wer wo auf welcher Café-Terrasse einen Cappuccino trinkt.
Rein körperliche Betätigungen – weil auch der Geist stetig angeregt werden muss.
Das Lamentieren über das Alter(n) – weil die Freude über das, was man alles (noch) kann, das Leben beschwingt.
Einige Kontakte – weil sich dann andere intensivieren lassen.
Starre Tages-(Wochen-)Strukturen – weil mehr Flexibilität in einem selbst erstellten Rahmen den Druck vermindert.
Festhalten an „alten Revieren“ im Haushalt – weil eine Neuverteilung der Aufgaben zufrieden machen kann.
Lange Autofahrten – weil Zugfahren entspannt.
Unbedingt anderen Menschen gefallen – weil ich das gar nicht will.
Modische Schuhe zu tragen – weil andere bequemer sein können.
Den Weihnachtsbaum – weil er nadelt; und die Verwandten-Familien-Besuche ohnehin dazu führen, dass ich nie zu Hause unterm Baum sitzen kann.
Ein „Ja“ zu jeder Anfrage nach einem Ehrenamt – weil ich endlich nur noch das machen möchte, was mir auch wirklich Spaß bereitet.
Häufige Anrufe, wenn die Kinder außer Haus sind – weil sie ihr eigenes Leben führen wollen und sich nicht kontrolliert fühlen sollen.
Skifahren lernen – weil ich aus leidvoller Erfahrung und des eigenen Sicherheitsgefühls wegen nur noch Sport mit „Bodenhaftung“ betreibe.
1 Million Fotos auf CD brennen – weil das später für die Nachkommen oft nur „Altlasten“ sind.
Den Kick beim Extremsport zu suchen – weil ich nicht jede Angst überwinden muss.
Den Anrufbeantworter – weil ich nicht auf vier Kanälen gleichzeitig erreichbar sein muss.
Hetzen – weil die Zeit, die man jetzt hat, endlich ist, aber genug.
Um einen Sitzplatz im Bus kämpfen – weil vielleicht jemand aufsteht für die Oma.
Ständig jemanden um sich haben – weil man das Alleinsein auch einmal genießen kann.
„Immer mehr“ anhäufen – weil weniger mehr ist: Entrümpeln (auch den Geist).
Diplomatisches Drumrumgerede – weil: Klartext ist Wahrtext.
Kompromisse – dafür ist das Leben zu kurz.
Schubladen-Denken – weil es nichts bringt, sich vom Gestern bestimmen zu lassen, wie Leben morgen geht. „Jetzt“ ist wesentlich.
Die Verzichts-Ideen 67 bis 100 – weil die jedem und jeder selbst einfallen.