19.12.2016

Nicht nur zur Weihnachtszeit: Andere Formen, neue Wege für die ewig junge frohe Botschaft

Das „Alte“ neu verkünden

Manchmal fehlt der Mut, alte Zöpfe abzuschneiden – obwohl es notwendig sein kann, damit Neues wächst. Frauen und Männer der Kirche zu den Fragen: Welchen alten Zopf möchten Sie abschneiden? Und was wünschen Sie sich Neues für die Kirche?

Zeit zum Gruß
Georg Bätzing, Bischof von Limburg:

Georg Bätzing Foto: privatIn Briefen, Mails und bei Begegnungen merke ich, dass Menschen unsicher sind, wie sie mich ansprechen sollen. „Hochwürdigster Herr“, „Exzellenz“ … ehrlich gesagt finde ich das übertrieben und nicht mehr zeitgemäß. Mit „Herr Bischof“ oder einfach „Bischof Georg“ fühle ich mich genug wertgeschätzt.
Ich wünsche mir ein Ritual, das einmal selbstverständlich war: dass wir uns grüßen, wenn wir uns begegnen. Dem Menschen, mit dem ich verabredet bin oder den ich zufällig treffe, die Hand geben, ein gutes Wort sagen, in die Augen sehen. Junge Leute machen das auf ihre eigene „coole“ Weise. Aber ich finde, soviel Zeit muss sein.

 

Offen für alle
Brigitte Görgen-Grether, Referat Ökumene im Bischöflichen Ordinariat in Limburg:

Brigitte Görgen-Grether Foto: privatIch wünsche mir, dass die Kirche ökumenischer wird. Im nächsten Jahr, dem Reformationsjahr, gibt es am 25. August ein Christusfest im Frankfurter Dom. Ökumene ist eine Haltung. Wie gehen wir mit den Gaben in unterschiedlichen Konfessionen um, wie können wir sie wertschätzen?
Den Zopf der Volkskirche möchte ich gern abschneiden. Nicht alle Menschen sind christlich und es geht darum, wie offen wir auf die Menschen in ihren jeweiligen Lebenssituationen zugehen, um sie zu erreichen.

 

Verständlicher
Dominikanerpater Laurentius Höhn, Pfarrer der Gemeinde St. Bonifaz am Hauptbahnhof in Mainz:

Laurentius Foto: privatAls alten Zopf würde ich das engstirnige Denken einer Volkskirche abschneiden, die von der irrigen Meinung geleitet ist, dass das Volk fromm in die Kirche schreitet. Es sind, wenn es denn geschieht, in einer Multi-Kulti-Gesellschaft die Völker, die unterschiedlich Sympathie für den „global player“ Kirche haben. Und am Mainzer Bahnhof wird mir die soziale Schere und das Politische als Thema deutlich.  
Wir sollten in der Liturgie auch die Sprache der Alltagssorgen von Menschen sprechen – auch als kritische Zeitgenossen von weltpolitischen Situationen, die die Würde des Menschen in Frage stellen!

 

Geschwisterlich
Relindis Knöchelmann, Institut St. Bonifatius, Mitarbeiterin im Forum Michaelshof und in der Familienpastoral des Bistums Fulda:

Relindis Knöchelmann Foto: privatUm im Bild des alten Zopfes zu bleiben: Ich möchte ihn nicht abschneiden. Ich wünsche mir vielmehr, dass die Kirche – also wir: das Volk Gottes – die alten Zöpfe lösen und durchkämmen, um veraltete Knoten abzulegen und Verfilzungen zu entfernen. Dann transportieren wir die Botschaft und den Aufbruch des Zweiten Vatikanischen Konzils intensiver an die Basis und stärken die Berufung zum Laienapostolat.
Ich wünsche mir eine Kirche in echter Geschwisterlichkeit. Sie stärkt das Bewusstsein aller Getauften und Gefirmten für die gemeinsame Sendung der Kirche in die Welt.

 

Wie Jesus
Regina Röhrig Foto: privatRegina Röhrig, Schulseelsorgerin an der Sankt Lioba Schule in Bad Nauheim:

Ich träume von einer Kirche, in der fähige Männer und Frauen, alte und junge, alleinstehend oder verheiratet, unseren Gemeinden vorstehen und Kirche leiten. Selbstverständlich ist für sie, dass sie – wie Jesus damals – Menschen aufsuchen und sich für die Lebensrealität des Einzelnen interessieren.

 

 

Augenhöhe
Manuel Stach, Pfarrgemeinderatsvorsitzender in Gorxheimertal:

Manuel Stach Foto: privatMir ist bewusst, dass andere „alte Zöpfe“, die ich abschneiden würde, liebgewonnen haben. Dennoch fünf Punkte, an denen ich mir Veränderung wünsche:
1. Wahrnehmung und Wertschätzung von Alternativen zur heiligen Messe vor Ort in Form von Gottesdiensten, die Gemeinschaft im Glauben erfahrbar machen – besonders dort, wo es nicht jeden Sonntag eine heilige Messe gibt. Zusätzlich wünsche ich mir die Bereitschaft und Flexibilität, verschiedene Gottesdienstorte für sich zu entdecken.
2.Glauben leben und weiter-geben im täglichen Umgang und nicht nur am Sonntag.
3. Komfortzone verlassen: den Blick weiten und auf die Menschen zugehen, besonders auf neue Zielgruppen, außerdem neue Orte und Räume erschließen und neue Wege entdecken.
4. Echte Mitbestimmung und Augenhöhe zwischen Haupt- und Ehrenamt: gemeinsame Arbeit für die Sache Jesu und somit Einbindung aller und die Chance des Mitbauens an Gottes Welt.
5. Aktives Gestalten statt Jammern über rückläufige Zahlen: Glaubenserfahrungen ermöglichen statt Stagnation aufgrund von Prognosen über zukünftige Entwicklungen.

 

Heimat geben
Aloys Zumbrägel, Bezirksvorsitzender der KAB Nordhessen:

Aloys Zumbrägel Foto: privatAbschneiden würde ich gern die Klerusfixierung. Auch Laien können in der Kirche Verantwortung übernehmen und haben oft bessere Voraussetzungen. Theologiestudium und Priesterweihe befähigen nicht für alles.
Ich wünsche mir, dass in der Kirche Menschen befähigt und berufen werden, Gemeinden auch ohne Priesterweihe verantwortlich zu leiten. Die schlichte Fusion von Gemeinden ist für mich keine optimale Lösung, weil viele Menschen ihre (kirchliche) Heimat dabei verlieren. Das ist oft der erste Schritt, den Kontakt zur Kirche ganz zu verlieren.

 

 

Neu bedenken
Ingeborg Schillai Foto: privatIngeborg Schillai, Präsidentin der Limburger Dilözesanversammlung:

Im Zusammenhang mit Weihnachten kenne ich keine alten Zöpfe. Die Botschaft von der Geburt Jesu ist zeitlich gesehen alt. Aber die Zusage, die das Fest beinhaltet, dass Gott da ist, er mit geht, ein Gott mit uns ist, ist immer neu. Die Nachricht von der Geburt Jesu kommt in die jeweilige Lebenssituation und will neu bedacht und integriert sein.

 

 

 

Selbst anfangen
Kohlgraf Foto: privatProfessor Peter Kohlgraf, Pastoraltheologe, Katholische Hochschule Mainz:

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass wir alle Abschied nehmen von der Redensart: „Die Kirche soll endlich ... “. Die Kirche sind nicht die anderen, sondern Kirche bin ich selbst, ist jeder Getaufte. Die Erneuerung der Kirche kann nur bei mir beginnen.

 

 

 

Neue Formen
Linnemann Foto: privatAnke Linnemann, Geschäftsführerin des Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) Bad Soden-Salmünster:

Der SkF Bad Soden-Salmünster hat im Main-Kinzig-Kreis Neues geschaffen: Zum Beispiel nimmt das Patenschaftsprojekt „Mogli“ Kinder und ihre Familien in den Blick, die Unterstützung brauchen. Die Not ist alt, die Hilfeform neu. Und sie greift. Ich wünsche mir für die Kirche, dass sie diesen Weg weitergeht: Neue Wege wagen, für Gott und die Menschen.

 

 

Mehr als hören
Helmut Föller Foto: privatDr. Helmut Föller, Lektor für Kirchenmusik, Stimmbildung und Sprecherziehung an der Hochschule Sankt Georgen, Frankfurt:

Das wäre eine Kirche, die das WORT nicht nur hört, sondern IHM Raum und Klang verleiht, einstimmt in solchen Lobgesang. Dann wird selbst das fremde Wort freund-lich klingen, mitten im Leben – mitten im Tod.

 

 

 

Vielfalt zulassen
Björn Hirsch, Pastoralreferent für die Citypastoral Fulda:

Björn Hirsch Foto: privatBesonders hinderlich erachte ich die festgefahrenen Strukturen auf vielen Ebenen, die uns daran hindern, schnell und flexibel auf gesellschaftliche Veränderungen zu reagieren. Zudem würde ich starre Formen des Gebets und eine unverständliche Gebetssprache verändern wollen. Ich würde mir wünschen, dass wir wieder mehr beten und unsere Herzen neu entfacht werden mit einer echten Liebe zu Gott und den Menschen. Ich würde mir wünschen, dass Kirche überall präsent ist und wir mutiger werden, Menschen mit der Frohen Botschaft zu beschenken. Ich würde mir wünschen, dass Kirche als Ermutiger fungiert, um Menschen stark für das Leben in all seinen Facetten zu machen. Und ich würde mir wünschen, dass die Vielfalt in der Kirche das oberste Ziel ist, sodass keiner strukturell ausgeschlossen wird – weder als hauptamtlicher Mitarbeiter noch als Christ oder einfach nur Mensch –, sondern so kommen kann, wie er ist.