29.10.2014

Am Sonntag bist du tot

Dieser Film ist nicht witzig. Dieser Film ist kein Thriller. Trotzdem: Gehen Sie in diesen Film. Wenn Sie sich für die Kirche interessieren. Für menschliche Priester. Für Schuld und Unschuld, für Vergeblichkeit und Vergebung. Brendan Gleeson spielt den irischen Priester, der im Beichtstuhl erfährt: „Am Sonntag bist du tot“. Gesehen von Ruth Lehnen.

 

"Am Sonntag bist Du tot" - diese Drohung spricht ein Mann aus, der als Kind von einem Priester vergewaltigt wurde. Er will sich dafür an einem Unschuldigen rächen, an einem, der ein guter Priester ist. Brendan Gleeson spielt diesen Guten: James Lavelle. Lavelle ist ein Fels von einem Mann, den so leicht nichts umhaut. Er trägt seine Soutane wie ein Motorradfahrer seine Kluft.

Lavelle scheint auf die Todesdrohung nicht zu reagieren. Er hält die Messe, er kümmert sich um seine Leute. Und damit hat er mehr als genug zu tun. Denn seine kleine Gemeinde am rauen Meer ist eine Ansammlung von Gescheiterten und Verlorenen. Wie der Pfarrer, der sie alle gut kennt, mit ihnen umgeht, das ist sehenswert. Er stellt Fragen, er hört zu, er gibt trockene Antworten. Er bringt Lebensmittel, er entgeht Versuchungen, vor allem auch der, ein Besserwisser und Moralapostel zu sein. Trotzdem kommt er immer mehr ins Schleudern. Denn ein zynischer Arzt, ein zu reicher Mann, ein suizidgefährdeter Jungkellner, ein halb verwahrloster genialer Autor, eine Frau mit einer Vorliebe für merkwürdige Beziehungen sowie ein aalglatter Jungpriester bringen ihn an den Rand.

Ist es Wahnsinn oder hat es Methode?

Lavelle weiß, wer ihn bedroht. Der Zuschauer weiß nicht recht, was er davon halten soll, dass der Priester einfach weitermacht. Ist es Ignoranz, ist es Gottvertrauen, ist es eine spezielle Taktik? Ist es Wahnsinn oder hat es Methode? Daraus bezieht der Film Spannung. Warum wehrt er sich nicht, warum trifft er kaum Vorkehrungen, warum haut er nicht ab? Nach einem Besäufnis und einem Schusswechsel will Lavelle doch weg, im braunen Wollpullover. Die Soutane hängt wie eine leere Hülle an der Wand. Aber der Priester kehrt um und geht zur Verabredung mit dem Mörder.

Im Original heißt der Film von John Michael McDonagh „Calvary“ – eine Anspielung auf den Kalvarienberg, auf dem Christus gekreuzigt wurde. Lavelle ist eine Art Christusfigur. Das berührt gerade religiös interessierte Kinogänger tief.

Tränen um einen Hund

Einige Merkwürdigkeiten gibt es in dem Film, der auf der Berlinale 2014 mit dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichnet wurde. Lavelle hat eine Tochter: Erst als seine Frau starb, wurde er Priester. Dass seine Tochter bei ihm, ihrem leiblichen Vater beichtet, ist aber schwer vorstellbar. Hin und wieder setzt der Film auf Knalleffekte, die er nicht nötig hätte, wenn zum Beispiel die Dorfkirche in Flammen aufgeht. Und bei der Versammlung von Verschrobenen trägt der Film ganz schön dick auf.

Sehenswert ist, wie der Film sich dem Thema Missbrauch nähert. Lavelle muss für das büßen, was im Namen der Kirche und oft genug unter ihrem Deckmantel geschehen ist. Obwohl er den Menschen nur Gutes will und meistens auch tut, wird er verdächtigt, als er einmal ein paar freundliche Worte mit einem Kind spricht. Und auf die Frage, ob er nicht um seinen toten Hund mehr Tränen vergossen habe als um die Opfer des Missbrauchs, muss er ehrlich sagen: Ja. Um den Hund hat er mehr geweint.

Empfehlenswert ab 16.

Calvary/ Am Sonntag bist du tot, Irland 2014

Länge: 100 Minuten

Regie: John Michael McDonagh

Kinostart: 23. Oktober

www.amsonntagbistdutot.de

 

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