18.07.2012

Kommentar

Auf der schiefen Bahn

Von Ulrich Waschki

Die moderne Medizintechnik ist Fluch und Segen zugleich: ein Segen, weil viele Krankheiten erkannt und geheilt werden können. Ein Fluch, weil wir Menschen vor Entscheidungen gestellt werden, die nicht in unserem Ermessen liegen.
Bei der vorgeburtlichen Diagnostik kann es nur zwei Gründe geben, warum man schon in der Schwangerschaft erfahren will, ob ein Kind krank oder behindert ist. Ein Grund ist die Therapie – manche Diagnosen können noch im Mutterleib behandelt werden oder erfordern schnelles Eingreifen nach der Geburt. Der andere Grund ist ein psychologischer: Eltern können sich darauf vorbereiten, wenn ihr Kind mit einer Behinderung zur Welt kommt und werden nicht erst im Kreißsaal mit der schwierigen Nachricht konfrontiert.

Deswegen ist vorgeburtliche Diagnostik an sich erst einmal nicht verwerflich, sondern kann wirklich ein Segen für Familien sein. Doch tatsächlich hat sie mittlerweile eine andere Funktion bekommen: Viele Eltern entscheiden sich dagegen, ein behindertes Kind zur Welt zu bringen. Sie werden es sicher nicht leichtfertig tun. Aber dennoch: Dieser Weg ist falsch und ein himmelschreiendes Unrecht. Dahinter steckt der Irrglaube, man könne im Leben Leid und Not aus dem Weg gehen. Ein Kind im Mutterleib ist ein Mensch. Niemand käme auf die Idee, ein Kind nach der Geburt zu töten, weil es durch Unfall oder Krankheit eine lebenslange Behinderung davonträgt.
Und natürlich: Für ein behindertes Kind Verantwortung zu übernehmen, ist sicher noch viel schwerer als für ein Kind ohne Behinderung. Doch das erlaubt nicht, ein solches Kind zu töten, auch nicht im Mutterleib.

Gerade bei Menschen mit Down-Syndrom wird die ganze Perversion dieses Irrwegs deutlich. Jetzt kann man nach ihnen schon mit einem Bluttest „fahnden“, um sie anschließend abzutreiben. Warum? Um einem behinderten Menschen Leid zu ersparen, wie Befürworter dieses Weges immer wieder behaupten? Es sind nicht nur das Lebensglück und die Ausstrahlung von Menschen mit Down-Syndrom, die zeigen, dass auch dieses Leben ein lebenswertes Geschenk ist. Mehr noch: Die Betroffenen selbst erzählen uns davon. Tatsächlich geht es bei einem solchen Schwangerschaftsabbruch nur darum, sich selbst die ohne Zweifel vorhandenen Sorgen, Nöte und leidvollen Erfahrungen zu ersparen.
Wer darf eigentlich beurteilen, welches Leben „lebenswert“ ist, welches Leid so stark, dass man besser nicht lebt? Das kann und darf kein Mensch.