24.07.2012

Kommentar

Aufmüpfige Enkelkirchen

Von Roland Juchem

Sie sind derzeit der am stärksten wachsende Teil der Christenheit: die evangelikalen und pfingstlerischen Freikirchen. Einzelne ihrer unabhängigen Einzelgemeinden haben so viele Mitglieder wie das gesamte Bistum Görlitz oder die größten fusionierten Pfarreien in anderen Diözesen hierzulande. Gläubige traditioneller Konfessionen haben gegenüber diesen sogenannten Megakirchen oft Vorbehalte.

Die „Enkelkirchen“ der Christenheit seien auf bloßes Erlebnis und Event angelegt. Einer ihrer Hauptzwecke sei das ständige Spendensammeln mittels professionellster PR zum Bau noch größerer Versammlungsräume. Und der Gott, den sie verkünden, sei lediglich eine Art Sponsor für irdischen Wohlstand – nach dem Motto: Wer fest genug glaubt, sich bekehrt und spendet, dem ergeht es gut auf Erden.
An solcher Kritik ist einiges richtig. Doch Vorsicht, liebe Mitchristen der katholischen Kirche, der orthodoxen Nationalkirchen und der evangelischen Landeskirchen: Wenn es um Spendengelder geht, um Allianzen mit Macht und Geld, um große Kirchbauten und einen Gott, der solche und andere gute Taten im Himmel belohnt, haben sich unsere traditionellen Kirchen ganz lange Zeit auch nicht lumpen lassen. Da gibt es allerorten genügend Splitter und Balken im Auge. Kleiner Unterschied: Da das Leben heutiger Menschen allgemein weniger jenseitig ausgerichtet ist als früher, versprechen viele Freikirchen Gottes Belohung schon etwas früher und nicht erst zum Jüngsten Tag.

Nun ist in der Tat bei Freikirchen genügend Kritisches anzumerken. Unter den vermeintlich falschen Traditionen, die sie auf den Müll geworfen haben, befinden sich etliche wesentliche Erbstücke, die wir von Jesus und den frühen Christen vermacht bekommen haben: Schätze aus Liturgie und Gebetsleben, aus Spiritualität und zupackender Nächstenliebe. Einseitige Auslegungen von Gottes Wort gibt‘s eben auch bei jenen, die sich nur auf die Bibel berufen.
Trotz solcher berechtigter Kritik belegen Evangelikale und Pfingstler aber Entwicklungen, auf die sich einstellen muss, wer im 21. Jahrhundert die Botschaft vom Reich Gottes vermitteln will. Hierarchien um ihrer selbst willen, formalistische Rituale und Gesetzesauslegungen gehören nicht dazu. Und auch wenn der „Gott der Riesenportionen“ mancher Freikirche weder maßlosen persönlichen Wohlstand noch grenzenloses Wirtschaftswachstum legitimiert: Umgekehrt ist ihm engherzige Kleinkariertheit ebenfalls zuwider. Gott ist eben größer als unser Herz und unser Verstand.