02.04.2013

Was auf den Tisch kommt, stammt aus der Mülltonne

Aus Überzeugung Abfall essen

Ihre „Einkaufstouren“ beginnen erst, wenn die Supermärkte geschlossen sind. „Mülltaucher“ holen sich ihre Lebensmittel aus den Abfall-eimern der Wohlstandsgesellschaft. Sie tun das nicht aus finanzieller Not, sondern weil sie einen tiefen Sinn darin sehen.

„Containerer“ nennen sie sich, „Mülltaucher“ oder „Dumpster“: Systematisch durchforsten sie Mülltonnen nach Essbarem.                        Foto: Michael Bönte

Dieser Moment ist ganz „normal“. In der Küche der Mansardenwohnung brodelt der Wasserkocher für den Tee. Sebastian K. bereitet das Abendbrot. Der Chemielaborant hat einen langen Arbeitstag hinter sich. Jetzt wartet der 24-Jährige auf seine Frau. Die Studentin für das Lehramt hat nach ihren Stunden in der Universität der nordrhein-westfälischen Großstadt noch einen Schwimmkurs für Kinder geleitet. Jetzt kommt Johanna hungrig nach Hause. Es wird ihre Version des „Strammen Max“ geben: Brot mit Spiegelei und Schinken und mit Käse überbacken. Dazu Kräutertee und zum Nachtisch Apfelgebäck. Sie wollen sich stärken, denn sie müssen heute Abend noch „einkaufen“ gehen. Der Weg ihrer Tour ist Thema beim Abendbrot. Und erst jetzt wird deutlich, dass dieser Moment etwas hat, das alles andere ist als „normal“.

„Alles auf diesem Tisch kommt aus dem Müll“, sagt die 24-Jährige. „Sowohl die frischen Lebensmittel als auch die Konserven.“ Ihre „Einkaufstour“ starten sie dafür zweimal in der Woche. Und deren Stationen haben sie nach gut einem halben Jahr des „Containerns“ gut geplant. Sie wissen mittlerweile, wo und wann sie welche Nahrungsmittel zu erwarten haben.

Sie packen ihre Utensilien zusammen. Taschenlampe, einen langen, mechanischen Greifarm für die großen Container und die Tragetaschen. Dann geht es hinaus in die kalte Märznacht. Etwas Schnee ist gefallen. Es ist kurz nach 22 Uhr. Die Lebensmittelmärkte sind geschlossen, die Menschen von den Straßen verschwunden.

„Ich würde jetzt auch lieber unter der Decke auf dem Sofa liegen“, gesteht Sebastian. „Es wäre viel einfacher, nachmittags schnell in den Supermarkt zu gehen und das Abendessen einzukaufen.“ Das Geld dafür hätten sie. Sie müssen nicht sparen. Der Grund für ihre nächtlichen Touren ist ein anderer. „Wir wollen den irren Kreislauf der Lebensmittelindustrie unterbrechen“, sagt Johanna.

Kein Gefühl mehr für den Wert von Lebensmitteln

Sie sind kein Einzelfall. Überall in den Industrieländern machen sich Menschen aus dieser Überzeugung auf den gleichen Weg. „Containerer“ nennen sie sich, „Mülltaucher“ oder „Dumpster“, zu Deutsch „Müllbehälter“. Johanna bevorzugt einen anderen Begriff: „Lebensmittel-Retter, das trifft die Sache am besten.“ Über das Internet haben sie sich vernetzt. Mittlerweile gibt es Bücher und Filme zum Thema.

Während sie über die Stadtautobahn zu ihrem ersten „Point“ fahren, geben sie einen Einblick in ihre Motivation. „Die Menschen hier leben so im Überfluss, dass sie das Gefühl für den Wert von Lebensmitteln verloren haben“, sagt er. Was nicht genau in die Versprechungen der Werbung passe, werde schnell weggeworfen. Bei Nahrungsmitteln bedeuteten schon kleine Schäden an den Verpackungen, Druckstellen oder das bevorstehende Ende des Haltbarkeitsdatums das Aus im Supermarktregal.

Die erste Mülltonne an einer Laderampe wird das an diesem Abend bestätigen. „Ich habe immer noch etwas Angst, wenn ich im Dunkeln unter der Schranke hindurch auf den Parkplatz krieche, um zur finsteren Ecke hinter dem Marktgebäude zu gelangen“, sagt sie. Denn rechtlich sei es ein Diebstahl, den sie begingen. „Es ist aber ein Null-Schaden, der entsteht“, sagt sie. „Und damit in Ordnung.“ Sie achteten genau darauf, dass sie nichts kaputt machten oder verdreckten. Ärger haben sie noch nie bekommen.

Auf der Treppe die Laderampe hinauf schaltet ein Bewegungsmelder einen Scheinwerfer an. „Das ist kein Problem, hier kann uns keiner sehen“, beruhigt Sebastian. Der Strahler spendet ausreichend Licht für den Blick in den Abfallbehälter. Alles, was man nicht mehr an den Kunden bringen zu können glaubte, hat den Weg hineingefunden – verschimmelte Gurken, zerbrochene Marmeladengläser, eingedrückte Joghurtbecher.

Eine braune Stelle und schon kommt alles in den Müll

Johanna und Sebastian fingern zielgenau das hinaus, was noch brauchbar ist. In einem großen Netz mit Orangen hat nur eine Frucht braune Stellen angesetzt. „Alle anderen sind total in Ordnung“, sagt sie. Die Verpackung vom tiefgefrorenen Hühnerfleisch ist gerissen, das Verfallsdatum aber ist erst im kommenden Jahr erreicht. „Gut, dass es heute so kalt ist“, lacht er. „Dann ist die Kühlkette wenigstens nicht unterbrochen.“

Ihre erste Tüte ist randvoll, als sie wieder ins Auto steigen. Ekel? „Natürlich ist das manchmal alles andere als appetitlich“, gibt sie zu. „Ich habe auch schon mal tief in einen verfaulten Kürbis gegriffen.“ Überwindung koste es aber vor allem, wenn es im Sommer heiß werde. „Dann stinkt es an den Tonnen bestialisch.“

Es seien sicher viele Dinge zusammengekommen, dass sie sich zu einem solch extremen Schritt entschieden hätten. „Den letzten Impuls habe ich durch einen Film über die Wege der Nahrungsmittel auf der Welt bekommen“, blickt sie zurück. „Mir wurde klar, wie irrsinnig das läuft.“ Wenn die Familie eines Bauern in Peru hungern muss, weil er für Billigpreise Spargel anpflanzt, damit die Deutschen zu Weihnachten das Edelgemüse auf dem Teller haben, sei das pervers. „Der
Importeur, der Supermarkt, der Käufer – alle profitieren davon, nur nicht der Erzeuger.“ Wenn dann der Spargel noch in den Müll geworfen werde, weil er eine kleine Druckstelle bekommen habe, mache sie das wütend.

Solchen Extremen müsse man Extreme entgegensetzen. Das gelingt natürlich nur, wenn solche Gedanken „auf fruchtbaren Boden“ fallen. „Bei mir spielt der christliche Glaube eine Rolle“, sagt Johanna. Sie sei religiös erzogen worden, sei heute noch Lektorin in der Pfarrgemeinde und sei in der Jugendarbeit aktiv. „In der Bibel steht viel von Nachhaltigkeit, Bewahrung der Schöpfung und gerechter Verteilung.“ Ihre Reaktion auf die Verhältnisse in der Nahrungsmittelindustrie sei auf dieser Grundlage gewachsen.

Sie sind auf das angewiesen, was andere nicht wollen

„Ich komme eher aus der rebellischen Ecke“, sagt Sebastian. Klassenkampf, Demonstrationen und Aufbegehren gegen gesellschaftliche Fehlentwicklungen hätten in seiner Familie lange Tradition. Er habe das von Kindesbeinen an miterlebt. „Meine grundsätzliche Motivation kommt sicher daher.“
Ihre „Einkaufstour“ geht nach drei weiteren Supermärkten zu Ende. Nicht, dass es nichts mehr zu holen gäbe. Im Gegenteil: Oft müssen sie einiges zurücklassen, weil es daheim nicht mehr in den Vorratsschrank oder die Kühltruhe passen würde. Wie vor einigen Wochen, erzählt Sebastian. „Nach dem Pferdefleischskandal haben wir in einer Mülltonnen über 40 Pakete tiefgefrorene Frikadellen gefunden, die bis in das Jahr 2014 haltbar waren.“ Mitgenommen hätten sie aber nur ein paar. „Wir können ja nicht nur noch Hackfleisch essen.“

Der Speiseplan hat sich verändert, seitdem sie ihre nächtlichen Touren machen. Sie können keinen Einkaufszettel mehr schreiben, sondern sind auf das angewiesen, was andere nicht mehr wollen. Das sei natürlich jedes Mal spannend. Und: „Wir ernähren uns seither viel abwechslungsreicher.“ Ihre Umstellung wirke sich auch finanziell aus. Insgesamt geben sie im Monat nur noch 40 Euro für den Zukauf von Lebensmitteln, Waschmitteln und Kosmetika aus.

Michael Bönte