30.11.2012

Ausstellung über Widerstand evangelischer Christen in NS-Zeit

Beeindruckende Schau

In einer Onlineausstellung wird der evangelische Widerstand gegen die Nazis erstmalig umfangreich dokumentiert. Für den Besucher ein Gewinn – inhaltlich und gestalterisch.

EKD
Nicht nur inhaltlich sondern vor allem auch gestalterisch
ist diese Seite für Besucher ein Gewinn.

„Note eins, setzen“. Kurz und knapp kann man es machen, will man die Onlineausstellung www.evangelischer-widerstand.de beurteilen. Doch, wenn in einem Produkt mehr als vier Jahre Arbeit stecken – so lange hat die Forschungsstelle für Kirchliche Zeitgeschichte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) daran gearbeitet – und das Endergebnis so gelungen ist, sollte man mehr als drei Worte darüber verlieren.

Anhand zahlreicher Einzelschicksale dokumentiert die Ausstellung die Geschichte des Widerstands evangelischer Christen im Nationalsozialismus. Beispielsweise an dem von Elisabeth Goes, geboren 1911 im schwäbischen Bietigheim. Während ihr Mann als Militärpfarrer im Krieg ist, versteckt sie als dreifache junge Mutter mehrere jüdische Frauen und Männer in ihrem Pfarrhaus. Oder anhand der Geschichte des Juristen Martin Gauger. 1934 scheidet Gauger auf eigenen Antrag aus dem Staatsdienst aus, weil er den Beamteneid auf Hitler nicht leisten kann. Nachdem er den Kriegsdienst aufgrund seines Glaubens verweigert und einen Fluchtversuch unternommen hat, wird er verhaftet und vergast.
Widerstand ist nicht gleich Widerstand, das wird beim Besuch der Seite deutlich. Die Ausstellung fasst diesen Begriff weit. Er reicht von partieller Unzufriedenheit am Regime über Verweigerung bis hin zum offenen Protest oder dem Versuch, das System zu stürzen.

Gelöst von Raum und Zeit – ein neues Museumserlebnis

Die dokumentierten Einzelschicksale machen dabei deutlich: Viele waren es nicht, die sich widersetzten. Wer es tat, stand alleine da. Weit häufiger diente der christliche Glaube dazu, Widerstandspotenziale zu brechen, wenn zum Beispiel die Rede von der Obrigkeit als Ordnung Gottes war. „Diese Ausstellung ist eine Gratwanderung, bei der es darum geht, die Ambivalenzen des christlichen Widerstands zu dokumentieren“, sagt Claudia Lepp, Leiterin der Forschungsstelle. Schwierig gestaltete sich im Vorfeld vor allem die Suche nach entsprechenden Exponaten, „denn Widerstand geschieht im Untergrund“, wie  Lepp betont.

EKD
Im Bereich "Zeiten" kann der Besucher unter
anderem chronologisch nachverfolgen, wie sich
der Protestantismus unter dem Nationalsozialismus
gewandelt hat.

Bislang haben sie und ihre Kollegen 584 historische Dokumente – in Form von Texten, Fotos, Audios und Videos – zusammengestellt. Herausgekommen ist eine inhaltlich und vor allem gestalterisch erstklassige Webseite. Weil sie es Besuchern einfach macht, sich durch sie zu navigieren. Und weil sie durch kurze Texte, durch Illustrationen oder Audiostücke immer Lust dazu macht, mehr zu erfahren. Gelöst von Raum und Zeit, von stickigen Museumssälen, Räumen ohne Sitzmöglichkeiten, ein neues Museumserlebnis.
Bislang gibt es solch eine Onlineausstellung über christlichen Widerstand nur auf evangelischer Seite. Nichtsdestotrotz dokumentiert die Ausstellung auch das Schicksal einiger weniger Katholiken, die ihre Stimme gegen das Regime erhoben. „Es hätte unsere Kapazitäten überstiegen, auch den Widerstand der Katholiken zusammenzustellen“, erklärt Lepp. Auch so lohnt sich für Katholiken der Besuch.

Ihr Webreporter Daniel Gerber