12.07.2017

Sommerserie 2017 – Folge 3

Bei Schwester Mutter Erde

Schöpfung und Beziehungen im Mittelpunkt: In unserer Sommerserie stellen wir Ihnen sechs Wochen lang Gemeinschaftsgärten vor. Folge 3: der„Franziskusgarten“ in Dieburg. Ehrenamtliche Helfer pflegen einen ehemaligen Klostergarten, der nach dem „Sonnengesang“ gestaltet ist. Von Anja Weiffen.

Von links: Erich Mertesacker, Ursula Enders, Hannelore Mertesacker und Regine Grambling | Foto: Anja Weiffen
Von links: Erich Mertesacker, Ursula Enders, Hannelore Mertesacker und Regine Grambling | Fotos: Anja Weiffen

Erich Mertesacker schiebt das Grün beiseite. Unter den pelzigen Blättern liegt ein Tontäfelchen. „Muskatellersalbei – Salvia sclarea“ ist zu lesen. „Die Pflanze wurde früher genutzt, um Wein zu würzen“, sagt er. Ein paar Schritte weiter wächst ein anderer Salbei, der „Salvia officinalis“. Der wirkt gut gegen Halsweh.

„27 Kräuter sind hier angelegt. Das sind die Heilkräuter des ,Hortulus‘. Ein alter Klostergarten auf der Bodenseeinsel Reichenau“, weiß Hannelore Mertesacker.

Erich Mertesacker und seine Ehefrau Hannelore gehören zur „Gartengruppe“, die den ehemaligen Klostergarten der Dieburger Kapuziner ehrenamtlich pflegt. Die Kräuter-Ecke ist nur ein kleiner Teil der Gartenfläche, die Erich Mertesacker auf rund 2000 Quadratmeter schätzt. Früher lieferte der Garten dem Dieburger Kloster Gemüse, Obst und Kräuter.

Im Jahr 2010 beschlossen die Ordensmänner, den Garten zum „Franziskusgarten“ umzugestalten. Bruder Berthold Oehler, damals Guardian des Klosters, entwickelte zusammen mit dem Odenwaldklub (OWK), dem Freundeskreis der Kapuziner, der Landesdenkmalpflege und der Studentin Mareike Völp Ideen und Pläne. Ergebnis: Der „Sonnengesang“ des Franziskus von Assisi wurde Thema des Gartens. Seitdem haben „Bruder Sonne“, „Schwester Mond“, die Elemente Wasser, Feuer, Luft und Erde sowie die „Friedensstifter“ und „Schwester Tod“ einen Platz im Garten. Glasbemalte Tafeln von Barbara Reinheimer führen durch das Terrain. Auf den Tafeln sind Strophen des „Sonnengesangs“ thematisiert. Jene über die „Friedensstifter“ weist auf eine Bank hin, die im Schatten einer Zeder steht. „Das ist die ,Versöhnungsbank‘“, erklärt Erich Mertesacker. Ein großes Kreuz aus Stein, das schon im Klostergarten stand, markiert die Station von „Schwester Tod“. Im „Windbeet“ wachsen Gräser von jedem Kontinent. Wenn der Wind durch die Büschel fährt, steht die Zeit still. Ein sanftes Rauschen hebt an. Wie am Meeresstrand …

Zu viert im Garten tätig – zwei Mal die Woche

Bienenstock
Dieser Bienenstock sorgt für die tierischen
Bewohner des Gartens. Mehr Bilder sehen Sie
in dieser Bildergalerie. Foto: Anja Weiffen

Seit der Umgestaltung betreut die „Gartengruppe“ ehrenamtlich den Franziskusgarten. „Heute sind wir zu viert und regelmäßig zwei Mal die Woche im Garten“, sagt Erich Mertesacker (66). Zusammen mit seiner Frau Hannelore (64) helfen Regine Gramling (62) und Marie Luise Drabke (72) mit. Alle kommen aus Dieburg. Das Ehepaar Mertesacker ist seit 2012 in der Gruppe. Darüber hinaus kommen ab und zu drei weitere Helfer, die weniger Zeit haben. „Unsere ,Trabanten‘“, wie Erich Mertesacker sie lächelnd nennt.

Ein Ort der Erinnerung und damals Herzstück des Klosters

Ein Einschnitt erfolgt 2012. Die Kapuziner verlassen Dieburg und müssen den Garten aufgeben. Zuerst betreut der Odenwaldklub den Franziskusgarten zusammen mit der „Gartengruppe“. Dann übernehmen die Ehrenamtlichen die Betreuung komplett. Organisatorisch ist ihre Arbeit unter das Dach der Pfarrei St. Peter und Paul gestellt. Erich Mertesacker ist dort auch im Verwaltungsrat.

Den Franziskusgarten empfindet das Ehepaar als Ort der Erinnerung. „Die Dieburger waren entsetzt und traurig, als die Ordensbrüder weggegangen sind“, sagt Hannelore Mertesacker. „Der Garten war damals das Herzstück des Klosters. Wir wollen den Garten so lange wie möglich erhalten.“ Ihr Mann fügt hinzu: „Es ist zugleich spannend, den Wandel des Gartens zu erleben und aus ihm ein Projekt zu gestalten.“

Hannelore Mertesacker sieht im Franziskusgarten einen Ort des Friedens, „in dem Mensch, Pflanze, Tier friedlich zusammenleben“. Auch letztere haben ihren Platz. Unter den Obstbäumen steht ein Bienenstock, es gibt ein Insektenhotel. Aus alten hölzernen Orgelpfeifen hat Erich Mertesacker sogar zwei Vögelhäuschen gezimmert.

 

Diese Bildergalerie ist wie ein Spaziergang durch den Garten.