09.10.2015

Mit ungewohnten Übersetzungen alte Worte neu entdecken

Bibeln zum Stolpern

Der Geist, „der Beistand“: Das klingt vertraut. Andere übersetzen das Wort aus dem Johannesevangelium ganz anders: als „Tröster“ zum Beispiel, als „Stellvertreter“, als „Fürsprecher“ oder als „Mutmacher“. Was zeichnet verschiedene Bibelübersetzungen aus?

Die Einheitsübersetzung


Der Klassiker in der katholischen Kirche; alle liturgischen Bücher basieren auf dieser Übersetzung, die sprachlich aber voller Kompromisse und nicht unumstritten ist. Neben dem vollständigen Text bietet sie zu jedem biblischen Buch eine knappe Einführung. Dort kann man beispielsweise erfahren, wann und von wem das Buch oder der Brief verfasst wurde und welches die wichtigsten theologischen Linien sind. Zudem stehen unter dem Text kurze Hinweise insbesondere auf Parallelstellen in anderen biblischen Büchern. Das ist vor allem dann wichtig, wenn Jesus (oder jemand anderes) das Alte Testament zitiert. Eine Variante ist die „Neue Jerusalemer Bibel“: Sie arbeitet mit derselben Übersetzung, hat aber deutlich erweiterte Einführungen und Anmerkungen.

Neue Genfer Übersetzung

Für die, die noch mehr wissen wollen, bietet sich diese Übersetzung von 2009 an, die allerdings nur für das Neue Testament und die Psalmen vorliegt. Sie verwendet eine bewusst zeitgemäße Sprache, bietet aber noch wesentlich mehr exegetische Hinweise. So sind andere „Lesarten“ angegeben, also Textvarianten aus anderen alten Bibelhandschriften. Sie eignet sich besonders für „historisch-kritisch“ interessierte Personen oder Bibelkreise.

Die Gute Nachricht

Sie trägt den Untertitel „Bibel in heutigem Deutsch“ und wurde 1982 ökumenisch herausgegeben und 1997 teilweise neu übersetzt. Ziel war es, den Sinn des Textes möglichst verständlich zum Ausdruck zu bringen – und das in einer sehr klaren, eher alltäglichen Sprache. Für Poetisches bleibt da nicht viel Platz. Hier ist beispielsweise der Geist ein eher bürokratischer „Stellvertreter“. Einführungen in die biblischen Bücher gibt es nicht, einen kleinen erklärenden Fußnotenapparat schon.

Die Lutherübersetzung

Sie ist der Klassiker für evangelische Christen, auch wenn die 500 Jahre alte Sprache für heutige (und vor allem für katholische) Ohren altertümlich klingt. Gerade wird sie überarbeitet und 2016 vollständig neu erscheinen. Moderner wird sie dabei nicht, eher ist sie näher an „Luthers Urtext“. Das katholische Bibelwerk urteilt: „Auch heute noch die klassische deutsche Bibelübersetzung von unerreichtem Rang, geprägt durch Luthers zum Teil genial eindeutschende Übersetzungsmethode.“

Die Fridolin-Stier-Übersetzung

Der 1902 geborene Priester und  Bibelwissenschaftler gründete 1940 das Katholische Bibelwerk. Neben seiner Arbeit als Professor übersetzte er privat das Neue
Testament. Einige Jahre nach seinem Tod wurde es 1989 herausgegeben. Die Übersetzung ist ungewöhnlich und lässt deshalb über manch vertraute Bibelstelle „stolpern“. Stier macht beispielsweise aus dem „Beistand“ den „Mutmacher“. Allerdings wirken die Sätze, die die griechische Wortstellung nachahmen, auch oft künstlich und weltfremd. Einzelne oder Bibelkreise, die mit den Texten der Einheitsübersetzung schon allzu vertraut sind, kann die Übersetzung aber gut zu Diskussionen herausfordern.

Die Martin-Buber-Übersetzung

Ebenfalls zu neuen Leseerfahrungen lädt die Übersetzung von Martin Buber (Erstausgabe 1925–1929) ein. Sie umfasst das Alte Testament in der evangelischen Fassung, also ohne die sogenannten „Spätschriften“, und bietet eine wörtliche Übersetzung in engster Nähe zum hebräischen Text. Dabei verzichtet sie auf glättende Füllwörter und verwendet für jedes hebräische Wort unabhängig vom Sinnzusammenhang eine gleichbleibende deutsche Entsprechung. Das vermittelt zwar einen Hauch der Originalsprache, erschwert aber die Verständlichkeit.

Die Basisbibel

Brandneu, „crossmedial“ und  deshalb auch für Tablet und Smartphone geeignet ist die „Basisbibel“, von der bislang das Neue Testament und die Psalmen vorliegen. Der biblische Text ist in kurzen Zeilen und leicht erfassbaren Sinneinheiten zu lesen, wie der Generalsekretär der Deutschen Bibelgesellschaft, Christoph Rösel, betont. Der Übersetzung ist nah am Text, Sach- und Worterklärungen stehen am Rand; in der elektronischen Version und als App „poppen“ sie auf, wenn man sie anklickt. „Wir richten uns damit besonders an junge Leute und an alle die, die mit biblischen Texten nicht so gut vertraut sind“, sagt Rösel. Damit will sich die Basisbibel auf veränderte Lesegewohnheiten einlassen. „Gerade bei komplexen Texten, wie etwa den Paulusbriefen, tragen weniger verschachtelte Sätze deutlich zur Verständlichkeit bei und verlieren dabei nichts am Inhalt.“

Weitere Informationen zu Bibelausgaben gibt es hier oder hier.

Von Susanne Haverkamp