22.12.2016

Gedanken zu Weihnachten von Bischof Georg Bätzing

Wer hätte das gedacht?

In einem exklusiven Beitrag schreibt Bischof Georg Bätzing an die Leserinnen und Leser des „Sonntag“ und äußert sich zum aktuellen Weltgeschehen.

„Der Sonntag“ hat mit journalistischem Know how bereits meine ersten Besuche in Limburg und Frankfurt vor der Bischofsweihe begleitet und mit einer gelungenen Sonderausgabe zur Amtseinführung vielen Menschen den neuen Bischof nahe gebracht. Jetzt freue ich mich aber, verehrte Leserinnen und Leser unserer Kirchenzeitung, Sie persönlich anzusprechen. Denn für die freundliche Aufnahme im Bistum Limburg, für so viel Interesse an meiner Person und meinem bisherigen Weg als Mensch und als Priester habe ich allen Grund zu danken. Die offene, ehrliche und gelöste Stimmung der Glaubensfreude war für mich keineswegs selbstverständlich zu erwarten: Sie ist ein Geschenk Gottes für den Anfang unseres gemeinsamen Weges, das zuversichtlich macht. Wir werden geschwisterlich und getragen von Liebe zu Jesus und seiner Kirche mit beherzter Gelassenheit in die Zukunft gehen.

 

„Hätten Sie am Neujahrstag 2016 einen Brexit oder
die Wahl von Donald Trump für möglich gehalten?“

Bischof Georg Bätzing

Bischof Georg Bätzing vom Bistum Mainzm Foto: Bistum
Bischof Georg Bätzing. Foto: Bistum Limburg

Es ist wichtig, diese positive Grundstimmung zu erinnern, denn das war in diesem Jahr mehr als ungewöhnlich. Hätten Sie am Neujahrstag 2016 einen Brexit oder die Wahl von Donald Trump für möglich gehalten? Wer hätte gedacht, wie schnell sich die Türkei nach ungerechtem Putschversuch von den Grundwerten der Europäischen Union entfernt; wie skrupellos ein autokratischer Machthaber alle ausschaltet, die Widerworte geben oder bloß oppositionell denken?
Ich hätte den zum Spinner erklärt, der mir sagte, ein katholischer Bischof in Deutschland würde Hasskommentare und rohe Gewaltdrohungen zu Hauf ernten, nur weil er auf eine Anfrage hin erklärte, er werde selbstverständlich einen muslimischen Bundespräsidenten achten, sollte die Bundesversammlung ihn wählen. Rechtspopulistische Meinungsmache quillt unverfroren in den sozialen Netzwerken und in den geschlossenen Zirkeln der Unzufriedenen hervor. Ausdruck des Protestes eines Teils unserer Bevölkerung ist das – aber in meinen Augen höchst bedenklich, ja abscheulich. Ich schäme mich dafür.

„Ich empfinde den Schrei des neugeborenen
Kindes von Bethlehem wie einen Weckruf!“         

Bischof Georg Bätzing

Wer hätte gedacht, dass die Würde jeder einzelnen Person oder die Prinzipien demokratischer Streitkultur oder das Recht auf Asyl für Menschen in lebensbedrohlicher Lage und andere Werte, deren wir uns sicher meinten, in so kurzer Zeit nicht mehr uneingeschränkt gelten? Waren wir uns dieser Grundlagen einer christlich-abendländischen Kultur, auf die ich stolz bin, zu sicher? Haben wir den Kontakt zu denen verloren, die darauf pfeifen, weil sie sich als Bürger benachteiligt, nicht ernst genommen und politisch nicht gut vertreten empfinden? Es ist höchste Zeit, dass wir aufwachen und aussprechen, was wir für unaufgebbar halten, um unsere freiheitliche, demokratische, der Gemeinsamkeit aller und dem einzelnen Menschen verpflichtete Gesellschaftsform zu verteidigen und auf eine neue mehrheitlich getragene Basis zu stellen. Wir müssen aufstehen, um die Grundlagen unseres friedlichen Zusammenlebens zu schützen.

Weihnachten im Jahr 2016: Ich empfinde den Schrei des neugeborenen Kindes von Bethlehem wie einen Weckruf! Du, Christ, Christin, wenn Du das Geburtsfest des Gottessohnes feierst, dieses armen, am Rande geborenen, wehrlosen, verkannten, zur Flucht gezwungenen Menschenkindes, dann lass dich anstecken von seinem Lebensmut, von seiner Parteilichkeit für die Kleinen und Bedrängten; lass Dich von seiner Güte berühren und einbinden in die große, weltumspannende Gemeinschaft eines Volkes, das den Weg der Gerechtigkeit sucht, das dem Frieden dient, die Liebe Gottes anbetet, aufnimmt und weiter schenkt. Dieses Weihnachtsfest möge uns so verändern, liebe Leserinnen und Leser, dass Menschen aufgrund unseres Glaubenszeugnisses zu staunen anfangen und sagen: Ja, so sind sie, die Jesus-Leute, sie haben viel von ihm verstanden. Und sie verändern unsere Welt zum Guten. Wer hätte das gedacht?