09.03.2015

YouNow: Ungehemmter Narzissmus

Blick ins Kinderzimmer

Die Streaming-Plattform YouNow gewinnt immer mehr Nutzer. Vor allem Kinder und Jugendliche haben das Videoportal für sich entdeckt und stellen sich dort freiwillig zur Schau. Weltweit und für alle sichtbar! Das birgt Gefahren, über die auch die Eltern besser Bescheid wissen sollten.

Miriam hat Ferien, sie daddelt mit dem Handy, verschickt ein paar Kurznachrichten über WhatsApp. Doch irgendwann reicht ihr das nicht mehr. Sie braucht das größere Publikum, und wählt sich bei YouNow ein. Auch dort spricht sie unbekümmert über alles, was ihr gerade spontan einfällt. Über ihren Nagellack, der mal wieder viel zu schnell abblättert. Über die Katze, die vorhin eine Maus ins Haus geschleppt hat. Manchmal sagt sie minutenlang nichts, summt ein Lied vor sich hin. Später dann telefoniert sie ellenlang mit einer Freundin. Und jeder, wirklich jeder, kann ihr dabei zusehen und zuhören. Der „Explore“-Buttom macht es möglich….

Immer mehr Privates wird öffentlich!

Bildschirmfoto von YouNow.com/explore

So wie Miriam „streamen“ heute immer mehr pubertierende Jugendliche ihr halbes Leben über den US-amerikanischen Webdienst YouNow ins Internet. Die Hürden dazu sind vergleichsweise niedrig. Einzige Zugangsvoraussetzung für die Anmeldung ist ein Facebook-, Twitter- oder Google Plus-Konto. Eine Anforderung, die die meisten Jugendlichen - zum Teil sogar Kinder - heute problemlos erfüllen. Zwar müssen die Nutzer von YouNow offiziell mindestens 13 Jahre alt sein. Doch kontrollieren lässt sich das in der Praxis kaum. Einmal angemeldet, kann es sofort losgehen. Ähnlich wie bei Skype wird YouNow von einem großen Fenster mit dem Video-Stream dominiert. Nur, dass hier mehr oder weniger alle anderen Nutzer zuschauen können.

Die Riesen-Gaudi kann schnell zur strafbaren Handlung führen

 „Für die Protagonisten der Live-Streams ist das vor allem eine riesige Gaudi. Ein bisschen ‚Big Brother‘, ein bisschen Video-Selfie“, schreibt die Online-Plattform netzwelt.de. Je höher die Zahl ihrer Fans, der Zuschauer und der Chatnachrichten ist, desto größer die Freude, desto stärker wächst das Ego. In etlichen Videos bricht sich allerdings ein ungehemmter Narzissmus Bahn, der sogar unter den "Selfie"-süchtigen Jugendlichen seinesgleichen sucht...

Totz Verbot: Live-Streams aus öffentlichen Räumen

Zudem sind sich viele Kids wahrscheinlich gar nicht bewusst, dass sie sich mit ihren Aufnahmen unter Umständen sogar strafbar machen können, glaubt Rechtsanwalt Christian Solmecke. So sind auf dem Portal längst nicht nur Aufnahmen aus dem heimischen Wohn– oder Kinderzimmer zu sehen. Immer mal wieder werden dort auch Live-Streams aus dem Klassenzimmer, von Partys oder aus Geschäften in der Innenstadt ins Netz gestellt. „In der Regel wissen weder die gefilmten Lehrer noch die Schulkameraden oder Partygäste, dass überhaupt gefilmt wird“. Das wiederum verstoße „klar gegen die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen“, so der Rechtsanwalt gegenüber netzwelt. Nicht ungefährlich sei zudem, dass jedes gesprochene Wort sofort live gesendet wird. „Es gibt keinen nachträglichen Schnitt, wo die Teenies eine versehentlich ausgeplauderte Wohnanschrift oder Handynummer nachträglich rausschneiden könnten. Gleichwohl rät Solmecke, Eltern das Streaming-Portal YouNow nicht per se verteufeln. Erhöhte Wachsamkeit sei allerdings empfehlenswert. Schließlich, und darin sind sich alle Experten inzwischen einig, könnte auch Pädophile das Portal nutzen, um mal einen ungestörten Blick in das ein oder andere Kinderzimmer zu erhaschen.

Einfallstor für Pädophile?

Manche Jugendliche stellen
sich mit freiem Oberkörper
zur Schau...

Tatsächlich werden den Kids auf YouNow längst nicht nur harmlose Fragen gestellt. Das hat auch Miriam schon erfahren. Einmal, da habe sie ein Unbekannter unverhohlen aufgefordert: „Zeig mir deinen Bauch!“ Tatsächlich, das beweist ein kurzer Blick auf die Chats von besonders gut aussehnenden Mädchen - wie etwa VanessaNow“ oder Miss Noblesse“ – ziemlich offen angemacht. „Boah, hast du schöne Augen…“. „Du siehst aus wie ein TOPMODEL“ „Wohnst Du auch in Bremen?“, „Kommst Du morgen wieder hierher?“, „Zeig nochmal deine Zahnspange…“ „Wie alt bist du?“

Andere Jugendliche wiederum legen es regelrecht darauf an, sexuell angesprochen zu werden, könnte man meinen, und treten nur leicht bekleidet oder mit nacktem Oberkörper vor die Kamera (siehe Foto).

Einige Psychologen glauben zwar, dass die meisten Kinder und Jugendliche, die wie selbstverständlich mit den Neuen Medien aufgewachsen sind, inzwischen auch mit den Risiken gut umgehen könnten. So erzählt Miriam etwa, dass sie auffällige oder allzu neugierige Nutzer sofort blockiert. Dennoch sollten Eltern, die wissen, dass ihr Kind YouNow nutzt, darüber zumindest einmal offen und vorurteilsfrei mit ihren Kindern sprechen… Verbote, das wissen wir von früher, als wir noch selbst mit der Taschenlampe unter der Bettdecke einfach weiter gelesen haben, helfen meist nicht viel weiter…

Idee der Selbstinszenierung ist uralt

Im Interview mit dem österreichischen Kurier äußert sich die  Medienpsychologin Sandra Gerö recht entspannt zu dem neuen Portal und sieht in der Selbstdarstellung von Jugendlichen „ein Bedürfnis, das man nicht verteufeln sollte“. Die Idee der Selbstinszenierung sei ja nicht neu. „Auf YouTube gibt es das schon länger“. Sorgen könne man sich zwar machen, müsse man aber nicht, so Gerö weiter. „Das ist wieder einmal typisch: Sobald es etwas Neues gibt, folgt ein Aufschrei.“ Sie selbst erinnere das Portal irgendwie an ihre früheres „Freundebuch, das ich in meiner Schulzeit hatte. Auf jeder Seite standen Fragen wie ‚Welcher Star wärst du gerne?‘ oder ‚Welche Musik hörst du am liebsten?‘. Das hat man dann anderen zum Ausfüllen gegeben. Das war toll."

Missbrauch ist programmiert

 

 

Es geht auch witzig. "Stream" vom Meerschweinkäfig

 

Diese Antwort der Psychologin erscheint jedoch reichlich naiv. Bei meinen Testläufen habe ich sogar einen pubertierenden Jüngling gesehen, der vor laufender Kamera onaniert hat, und nicht sofort gesperrt wurde.

In anderen Fällen wiederum durfte ich Chats "belauschen", in denen unflätig und auf grtöbste beleidigend über andere Nutzer hergezogen wurde... Und last but not least war das von Gerö so unfassbar naiv zitierte Freundesbuch oder Poesiealbum immer nur einer begrenzten Auswahl von Menschen zugänglich. YouNow aber ist live und überall. Alles kann dort gezeigt oder gesagt werden. In Echtzeit. Für jedermann sichtbar!

Allein schon deswegen sollten alle Nutzer, wenn ein Dienst wie YouNow denn überhaupt sein muss, zumindest die gröbsten Sicherheitsvorkehrungen einhalten. Wichtig ist, dass man sich nicht identifizierbar macht. Nie! Details wie etwa der Nachname, der Wohnort, die Telefonnummer oder auch nur der Namen der Schule, an die man geht, sollten auf keinen Fall preisgegeben werden. Eltern rät Gerö zur Offenheit. „Sie sollten sich einfach dafür interessieren und nicht automatisch alles besser wissen. Wichtig ist, dass man immer ein offenes Ohr hat - damit man Ansprechperson bleibt, falls es dann doch Probleme gibt.

„Daumen runter“ für die Streaming-Plattform !

Deutlich ernster nimmt dagegen der Pädagoge Markus Merkle die Gefahren von YouNow. Vor allem manche Jugendliche würden viel zu viel Privates preisgeben, und so auch Menschen mit bösen Absichten eine Art Bewegungsprofil von sich liefern. Gegenüber Deutschlandradio Kultur sagte er: „Manche erzählen auf YouNow, wo sie zur Schule gehen, wo sie wohnen oder wo sie nachmittags Sport treiben“,  Dies alles aber seien Informationen laut Merkle „nichts im Netz zu suchen haben.“ Der Medienpädagoge betreibt im Auftrag der Medienanstalten von Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen die Webseite handysektor.de. Sie klärt über die Risiken von Apps auf. Dort läuft YouNow unter der Kategorie „Daumen runter“. Die App, sagt Merkle, zeige das Privatleben in Echtzeit - und da könne schnell etwas schiefgehen: „Das macht die Plattform so gefährlich.“

Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) hat die Betreiber von YouNow jüngst zu einem besseren Jugendschutz aufgefordert. „Ich halte die Plattform für Jugendliche für problematisch und für Kinder sogar für gefährlich“, sagte sie in einem Interview mit dem ZDF. Obwohl die Kinder und Jugendliche, die sich dort zeigten, leicht „Opfer für sexuelle Belästigung oder Cybermobbing“ werden könnten, hält sie nichts von einem Verbot des Portals. „Denn es sind Trends. Ich verstehe auch, dass Jugendliche gerne diese Plattform nutzen“. Deswegen sei es notwendig, das Angebot technisch so zu organisieren, „dass es Kinder eben nicht nutzen können“ und Jugendliche geschützte Räume bekämen. „Wir müssen vor allem auch Kinder und Jugendliche aufklären – hier sind auch Eltern gefragt!“

Ihr Webreporter Andreas Kaiser