13.01.2015

Jahresserie Ü 50 – mittendrin! (11) - Ballast abwerfen

Das letzte Hemd hat keine Taschen

Wie es gelingt, sich „beizeiten“ von so manchem zu trennen, was belastet.

Not und Wende
Ab einem gewissen Alter denken viele Menschen darüber nach: Brauche ich dies oder das wirklich noch? Sich befreien, das kann in vielerlei Hinsicht geschehen. In diesem Fall geht es aber nicht um Nippes, Kleider oder Gebrauchsgegenstände. Es ist schwieriger, denn es heißt, zu einigen Menschen auf Abstand zu gehen. Das ist nicht leicht, aber manchmal doch notwendig. Das eine Wort „notwendig“ beinhaltet genau betrachtet zwei Wörter: Not und Wende.

Heißluftballon in der Luft. Foto: bilderbox
Wer Höhe gewinnen will, der muss sich von Belastendem
trennen: Ballast abwerfen. Foto: bilderbox

Fangen wir mit der „Not“ an. Hier zeigt sich schon der Druck: Ich kann sie/ihn nicht mehr hören und sehen. Ein ganz unangenehmes Gefühl. „Soll ich mich jetzt treffen, mich  womöglich in falscher Freundlichkeit verstellen? Soll ich meine wahren Gefühle zeigen und aussprechen? Schwierig, wenn es nicht gute Freunde oder Familienmitglieder sind. Aber zu überlegen bei Bekannten.

Bei diesen Gedankengängen gelangt man zur „Wende“. Ich kann das Blatt wenden. Es muss nicht mehr sein, Menschen zu begegnen, die nicht gut tun. Weniger ist meist mehr. Es geht um Qualität und nicht um Quantität. Interessen und Bekanntschaften wandeln sich mit der Zeit. Nicht alles, was vor zehn Jahren gut und richtig war, hat heute noch Gültigkeit. Gefühle und Einstellungen ändern sich mit der Lebenserfahrung. Dann bleibt nur die Akzeptanz: Wir gehen getrennte Wege, vermeiden so auch unnötige Verletzungen. Und plötzlich fällt der Ballast von der Seele ab. Ich kann diese Menschen ertragen, weil sie mir nicht mehr zu nahe kommen können.
Bärbel Faustmann

 

Nimm ihn doch mit!
„Was für ein schöner alter Milchkrug!“ Auch wenn ich bei meiner Einrichtung eher zum Modernen tendiere: Das eine oder andere „Altertümchen“ findet sich auch bei mir – denn ich habe eine Schwäche für Hausrat aus Großmutters Zeiten. Deshalb war mir der Milchkrug in der Wohnung von Freunden gleich ins Auge gefallen. „Wenn er dir so gut gefällt: Nimm ihn doch mit!“ Sprach der Herr des Hauses zu meiner Überraschung und packte mir das zerbrechliche Teil sorgfältig in mehrere Lagen Papier. „Wir werden ja nicht jünger“, sagte er, und wenn er sich vorstelle, was seine Kinder einmal alles zu sortieren hätten, packe ihn tiefes Mitleid. Also hatte er beschlossen, den umfangreichen Hausrat zu reduzieren. Und wie könnte das besser gehen, als Dinge an Freunde zu verschenken, die sich dafür begeisterten!

Auch mir tun meine Kinder leid, wenn ich mir ausmale, wie lange sie das (Aus-)Sortieren beschäftigen wird. Als leidenschaftliche Jägerin und Sammlerin kann ich mich aber nicht so leicht überwinden, mich von liebgewordenen Gegenständen zu trennen. Der alte Milchkrug jedenfalls hat einen Ehrenplatz bei mir – und erinnert mich oft an den guten Freund, der mittlerweile gestorben ist. Und an sein spontanes Angebot: „Wenn er dir so gut gefällt: Nimm ihn doch mit.“ Auch als ich mich bei der letzten Renovierung schweren Herzens von manchen Dingen „befreit“ habe, dachte ich daran. Und da war auch gleich der alte, ach so wahre Spruch in meinem Kopf: Das letzte Hemd hat keine Taschen ... Ich arbeite an mir!
Maria Weißenberger

 

Mehr Innen
Ich habe zu viel. Am augenfälligsten wird dies beim Blick auf die Bücher. Berge stapeln sich neben dem Regal. Seit ich mich für einige Monate in einer klösterlichen Zelle sehr ausreichend beheimatet fühlte, empfinde ich in so manchen Momenten ein „Zuviel“. Zu viel Platz, zu viel Ablenkung, zu viel Lärm, zu viele Bücher. Und deshalb der Entschluss: Die Hälfte muss weg. Es hilft, dass es jemanden gibt, der sie für einen guten Zweck verkauft.

Frisch ans Werk. Leichter gedacht als getan. Nach drei Stunden vereinsamt eine Handvoll Bücher in der Kiste. Stets und ständig ein Blättern und Erinnern. Woher stammt dieses Buch nochmal? Welche Gedanken hat es angestoßen? Vor allem einige Studienbegleiter machen die Auswahl schwer. Kurzum: Es ist der falsche Moment, die falsche Stimmung. Es geht heute nicht. Das Gefühl von „Zuviel“ bleibt.
Einige Wochen später. Fensterputzen. Und plötzlich mitten im Tun der Durchblick. Jetzt! Ran an die Bücher.

Drei Stunden später sind zwölf Kisten gefüllt. Etwas ist in Fluss gekommen. Der Leitgedanke, der vergleichbar beim Aussortieren des Kleiderschranks assis-tiert, hilft auch jetzt: Bücher, die lediglich zum Staubfang dienen, die können weg. Natürlich wird kein Böll, kein Rilke und kein Kästner den Weg ins Kistchen finden. Richard Rohr, David Steindl-Rast und Franz Kamphaus? Niemals.
Interessant: Das „Zuviel“ hat einen Grund: mehr Innen, weniger Außen. Und so sind Bücher übers Beten nach wie vor im Regal. Jetzt ganz vorne.
Es ist genug! Ein gutes Gefühl.
Johannes Becher

 

Seele aufräumen
Auch in der Seele gibt es unauf-geräumte Dachstuben und voll-gestellte Keller. Verletzungen, Groll, abgestandene Angst, Zwist, der plötzlich auflodern kann. Da heißt es so leicht: Schwamm drüber! Schnee von gestern! Oder in der Kirche: Versöhne Dich! Vergib! Aber das ist schwieriger, als die Gummihandschuhe überzustreifen und den Keller aufzuräumen.

Es gibt Verletzungen, die geradezu lebensbestimmend sind. Wenn ich jemandem etwas nachtrage, vorwerfe, nicht darüber hinwegkomme, was tun? Mir hat mal jemand gesagt: „Sie müssen dann jeden Tag um Versöhnung beten!“ Wie naiv, dachte ich mir. Aber nach vielen Jahren ist mir die Weisheit dieses Rats bewusst geworden. Das ist ungefähr so: Ich schaffe es nicht, diesen Keller aufzuräumen. Aber ich schließe ihn nicht ab. Ich gehe ab und zu hinunter und schaue ihn mir an. Ich sage mir: Dieser Keller gehört auch zu mir, interessant. Und mit der Zeit schaffe ich es vielleicht, ein Eckchen in Angriff zu nehmen. Denn eins ist klar: Jede Unversöhntheit, die nicht aufgelöst wird, schadet auch mir.

Jetzt habe ich etwas Interessantes gelesen. Verzeihen kommt von dem althochdeutschen Wort „zeihen“: eine Anklage erheben. Verzeihen bedeutet: eine Anklage fallenlassen. Das heißt, beim Verzeihen geht es nicht zuerst darum, im Gespräch etwas auszuräumen. Sondern es geht um die Haltung, eine Anklage, die ich aufrechterhalten habe und die unter Umständen auch mich aufrechterhalten hat, fallenzulassen. Und damit Ballast abzuwerfen und frei zu werden.
Ruth Lehnen