07.08.2014

Seit dem Mittelalter gehört Trägheit zu den Todsünden

Das süße Nichtstun

"Dolce fare niente" sagen die Italiener und meinen damit das süße Nichtstun: Ferien, entspannen, die Seele baumeln lassen, den Alltag ausblenden. Das ist auch der Urlaubswunsch vieler Deutscher, die sich nach einer Auszeit von der Leistungsgesellschaft sehnen.

 

Die Sonne und das süße Nichtstun genießen.
Ist das schon eine Todsünde? Foto: kna-bild

Doch viele tun das mit schlechtem Gewissen. "Wer rastet, der rostet", besagt ein Sprichwort. Und: "Müßiggang ist aller Laster Anfang" weiß der Volksmund. Das hat eine lange Tradition: Galt in der Antike das müßige Leben als erstrebenswertes Ideal, zog das Christentum gegen Nichtstun und Faulheit zu Felde. "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen", forderte der Apostel Paulus im zweiten Brief an die Thessalonicher. Eine der Regeln des heiligen Benedikt (480-547) für das gottgefällige Leben lautet: "Müßiggang ist der Seele Feind".

Als "acedia" gehört die "Trägheit" neben Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei und Neid schon seit dem frühen Mittelalter zum Kanon der sieben Todsünden, den Papst Gregor I. (circa 540 bis 604) erstmals formulierte. Die Liste wurde im Verlauf des Mittelalters mehrfach abgewandelt und bis heute immer wieder anders interpretiert - bis hin zur Umwertung in dem Werbeslogan "Geiz ist geil".

Aber begehen Couchpotatoes und Ferienfaulenzer wirklich eine so schwere Sünde? Unter Todsünden versteht die katholische Kirche nach Darstellung des Bochumer Theologieprofessors Bernhard Grümme nicht einzelne verwerfliche Handlungen, sondern eine grundlegend negative Haltung, die zur Entfremdung von Gott, anderen Menschen und sich selbst führt. "Todsünde bedeutet nach katholischer Lehre, dass man sein Seelenheil verspielt und sich selbst dem geistigen Tod überlässt", erklärt Grümme. "Das heißt, dass ich Gott verliere als Licht und die Sehnsucht meines Lebens."
 

Eine grundlegende Gleichgültigkeit ist eine Todsünde

Auf die Todsünde der Trägheit bezogen, heißt das für den Religionspädagogen, dass nicht eine kurzfristige Faulheit oder gar die Muße gemeint ist, sondern eine grundlegende Gleichgültigkeit und Leidenschaftslosigkeit gegenüber Gott und den Menschen: "Ich entfremde mich von mir selbst, wenn ich hinter den von Gott gegebenen Möglichkeiten zurückbleibe. Ich nutze nicht, was an Talenten in mir steckt." Theologen sprechen deshalb eher von "Trägheit des Herzens" oder "geistlicher Trägheit", von der auch Menschen betroffen sein können, die äußerlich aktiv und fleißig sind.

Ursprünglich stammt die Vorstellung von der Todsünde der "Trägheit des Herzens" nach Angaben des Dortmunder Philosophen Werner Post aus der Gedankenwelt des einsiedlerischen Mönchstums in der ägyptischen Wüste im 4. Jahrhundert. Auch im Mittelalter wurde sie als "die Krankheit der Mönche" beschrieben; nämlich als ein Laster derer, die in wirtschaftlicher Sicherheit ein gleichförmiges Leben lebten und denen - da ist die Verwandtschaft zu Melancholie, Schwermut und Depression - die Gottesfreude abhanden gekommen war. Post spricht auch vom "Dämon des Überdrusses", von dem die Mönche heimgesucht wurden.

Für den Schriftsteller Salman Rushdie ist die Trägheit sogar der "krönende Abschluss" der sieben Todsünden und der "Höhepunkt der Verworfenheit". Auf den ersten Blick sehe sie am harmlosesten aus. "Aber der Schein trügt: Denn sie vereint alle übrigen in sich", schreibt er. Gemeint ist ein destruktives Nichtstun, eine Starre des Geistes und des Leibes, ein Dahinvegetieren im Hier und Heute ohne Vergangenheit, ohne Ziel, ohne Pflicht, ohne Verantwortung.
 

Ein Rezept: "Ora et labora"

Für den Mönchsvater Benedikt von Nursia war die disziplinierte Arbeit ein Rezept gegen die Todsünde der Trägheit. "Ora et labora" - Bete und Arbeite, schrieb er seinen Mönchen vor. Ein Ratschlag, der im Spätmittelalter auch den Weg über die Klostermauern hinweg in die bürgerliche Welt fand. Rastlose Berufsarbeit sollte religiöse Zweifel, Trägheit und Lebensekel vertreiben. Dieses Arbeitsethos trug zum Erfolg des Kapitalismus und der Leistungsgesellschaft bei.

Für den einzelnen Menschen allerdings erweist sich das Rezept nicht immer als erfolgreich. Das Leistungsdenken kann umschlagen in Überdruss, Gefühle von Sinnlosigkeit und Burnout - also zu klassischen Symptomen der Acedia, der Trägheit des Herzens.