09.05.2012

Kommentar

Debatte statt Klischees

Von Roland Juchem

Wer Klischees liebt, bekommt in den USA derzeit eine gute Show geboten. Zumindest kann er sich die aktuelle Auseinandersetzung um den größten Dachverband von Frauenorden in den USA so zurechtlegen. Die Leadership Conference of Women Religious (Führungskonferenz der Frauenorden), bekannt als LCWR, wird von der Glaubenskongregation in Rom kritisiert, ein Triumvirat aus drei Bischöfen soll sie wieder in die katholisch-lehramtliche Spur setzen. Da gibt es viele Fronten: Männer gegen Frauen, Rom gegen Amerika, Links gegen Rechts, Autorität gegen Opposition, Hierarchie gegen Basis …

Je nachdem auf welcher Seite einer steht, ist die LCWR entweder Held oder Verräter.
Die Auseinandersetzung hat das Zeug zum Kulturkampf. Mehr noch als in Europa prägen demokratisches Selbstbewusstsein und Meinungsfreiheit die Seele Amerikas. Die reibt sich daher an der nichtdemokratischen Kultur der katholischen Kirche. Zum anderen verdankt die Kirche heutige Größe und gesellschaftlichen Einfluss in USA großenteils dem Einsatz von Ordensfrauen. Mit diesem Selbstbewusstsein und eloquenten Köpfen in ihren Reihen lassen sich viele US-Ordensfrauen auch von Bischöfen so schnell nichts sagen – zumal wenn diese noch mit eigenem Versagen in Missbrauchsfällen konfrontiert sind.

Doch die Debatte ist bei weitem nicht so schwarz-weiß wie eingangs skizziert: Auch viele Frauen kritisieren die LCWR, es waren US-Bischöfe, die in Rom auf eine Untersuchung gedrängt haben, und auch im Vatikan wird das relativ harte Vorgehen der Glaubenskongregation hinterfragt. Die Ordenskongregation hat bei einer parallelen Untersuchung einzelner Ordensgemeinschaften inzwischen konziliantere Töne angeschlagen.

Aus Sicht des kirchlichen Lehramtes ist an Programm und Aussagen der LCWR sicher das eine oder andere auszusetzen. Andererseits kristallisieren sich in dem Konflikt Herausforderungen, denen sich auch die vom Papst beschworene Neuevangelisierung stellen muss: 1. Solange die Kirche Beiträge und Erfahrungen selbstbewusster Frauen nicht richtig wertschätzt, lässt sie ihre eigene Botschaft unglaubwürdig erscheinen. 2. Auch klassische theologische Aussagen müssen sich heute den Anfragen anderer Kulturen und Wissenschaften stellen. Dazu sind mitunter neue Denkansätze und Formulierungen nötig. Auch wenn einige ins Leere führen, so lassen sie sich nicht mehr einfach zum Schweigen verordnen. Im modernen Diskurs zählen Argumente. Auf den beauftragten Bischof Sartain und die LCWR-Führung warten also schwierige Aufgaben.