30.08.2012

Gipfelkreuze

Dem Himmel so nah

Gipfelkreuze stehen heute wie selbstverständlich auf vielen Bergspitzen – sind Teil unserer alpinen Kultur und Sinnbild des christlichen Glaubens. Doch genau daran, stören sich auch immer wieder vereinzelte Kraxler. Dabei wurden die Kreuze im Laufe der Zeit mit vielen weiteren Bedeutungen aufgeladen.



Geschickt und routiniert umgeht Ilse Goßner die hervorstehenden Steine auf dem schmalen Weg zur Bergspitze. Die 69-jährige Rentnerin aus dem bayerischen Aschau kennt den kleinen Pfad zu „ihrem Gipfelkreuz“ – dem Chiemgaukreuz an der Kampenwand – ganz genau. Schon als kleines Kind war sie mit ihrem Großvater „oben bei Gott“. Damals hat sie den Gipfel allerdings noch nicht selbst erklommen. „Mein Opa hat mich auf seine Schultern gesetzt und mich bis zum Kreuz getragen“, erzählt sie. „Immer wenn ich es sehe, werden viele schöne Erinnerungen wach.“ Bis heute war sie viele Male am Gipfel. Mit ihrem Mann und auch mit den beiden Kindern. „Der Blick über meine Heimat Aschau, das Voralpenland und über den Chiemsee beeindruckt mich immer wieder aufs Neue.“

Noch nicht am Ziel: Ilse Goßner vor einem Wege-
kreuz.                                            Foto: Lisa Koch

Wie für Ilse Goßner gehört das Kreuz mittlerweile für die meis-ten Wanderer und Bergtouristen zu den Gipfeln. Nach einem mühsamen Aufstieg ist das Ausruhen unter dem Kreuz auch für Nichtgläubige Teil einer gelungenen Bergtour. Für diejenigen, die dem Kreuz begegnen, ist seine Bedeutung trotz christlichem Ursprung vielfältig geworden. Sie reicht vom spirituellen Symbol über kulturellen Schmuck bis hin zum touristischen Marketinginstrument.

Wann genau die ersten Kreuze aufgestellt wurden lässt sich heute nur noch schwer zurückverfolgen. Das früheste Kreuz auf einem Berggipfel in christlichem Zusammenhang befand sich einer Legende zufolge auf dem Olympos in Zypern. Und während des 1. Kreuzzuges (1096-1099) errichteten die Kreuzfahrer entlang des Weges durch die Gebirge Kleinasiens Kreuze, um den Nachkommenden den Weg zu weisen. In Quellen des späten 13. bis 15. Jahrhunderts finden sich dann erstmals verlässliche Nachweise für Kreuze auf Anhöhen und Pässen in Europa. Dort dienten sie meist als Symbol für die Verbindung zwischen Himmel und Erde. Gleich drei Kreuze zu Ehren der Dreifaltigkeit stellten beispielsweise die Erstbesteiger des Mont Aiguille (2097 m) in den französischen Alpen auf, als sie 1492 am Ziel ihrer Bergeroberung am Gipfel ankamen.

Dem damaligen Volksglauben entsprechend, wurden in Europa im 16. Jahrhundert vermehrt „Wetterkreuze“ aufgestellt, die vor Sturm und Hagel schützen, oder Alm- und Gemeindegrenzen markieren sollten. Im 19. Jahrhundert symbolisierten die Kreuze dann häufig den Sieg über einen Berg – drückten einen „moralischen“ Besitzanspruch aus und zeigten das „Hiergewesensein“ des Menschen. Vor allem nach den beiden Weltkriegen wurden Kreuze auch zur Erinnerung an die Opfer und gefallenen Kameraden aufgestellt. Weithin sichtbar – auch vom Tal aus – wirken sie wie ein Mahnmal.

„Auch unser Chiemgaukreuz wurde zum Gedenken an die Vermissten und Toten errichtet“, erzählt Ilse Goßner. „Mein Vater selbst zog in beide Weltkriege und kam ‚Gott sei Dank‘ heil wieder zu uns nach Hause. Beim Anblick des Kreuzes muss ich immer an ihn denken“, sagt sie.

Diskussionen um das Kreuz bisher nur im Ausland

Deutschlands berühmtestes und höchstes Gipfel-
kreuz auf der Zugspitze.                           Foto: pa

Trotz ihrer vielfältigen Bedeutungen, gibt es auch Diskussionen um die Daseinsberechtigung der hauptsächlich in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu findenden Berg- und Gipfelkreuze. In Deutschland gehören sie aber noch so selbstverständlich auf den Berg, wie Alpenglühen oder Enzian. Erst kürzlich sahen Menschen das Gipfelkreuz und die christlichen Werte sogar verleugnet, weil die bayerische Zugspitzbahn AG das Gipfelkreuz angeblich für eine arabische Urlaubsbroschüre wegretuschiert haben soll.

In der Schweiz gibt es dagegen auch kritische Stimmen zum Kreuz: Die Organisation der „Freidenkervereinigung“ wollte sie sogar ganz von den Bergen verbannen und forderte, den öffentlichen Raum von den religiösen Symbolen freizuhalten. Auch der österreichische Bergsteiger und Schriftsteller Eugen Guido Lammer (1863-1945) rief in einem Aufsatz alle Naturfreunde dazu auf, „die Berge von unwürdigem Menschenwerk rein zu halten (...), damit wir dieses hehre Naturdenkmal für alle und für unsere Kinder (...) unversehrt retten“. Damit greift er die Frage auf, ob die Gipfel nicht so bleiben sollten, wie Gott sie geschaffen hat?

Für Ilse Goßner sind diese Diskussionen unverständlich. Sie versteht nicht, warum sich Menschen an dem Symbol stören. „Für mich persönlich ist das Gipfelkreuz ein christliches Symbol zum Innehalten. Wenn ich es sehe, mache ich automatisch ein Kreuzzeichen.“

Zur Sache:

Berge werden in vielen Religionen verehrt – als Sitz der Götter oder auch als ein besonders nah bei Gott gelegener Ort. Der indische Berg Kailash ist einer der bekanntesten heiligen Berge und „der“ heilige Berg der asiatischen Religionen. Er gilt für mehr als eine Milliarde Gläubigen als Heiligtum und Symbol religiöser Kraft. Der Berg Hirah bei Mekka ist der große heilige Berg der Moslems und wird von ihnen als Sinnbild des Monotheismuses verehrt. Der Fudschi San, auch Fudschijama genannt, ist für die Japaner heiliger Boden. Der australische Berg Ayers Rock, ein Monolith aus rotem Stein, wird von den Ureinwohnern als Sitz der Götter angesehen und der Berg Horeb im Sinai ist der heilige Berg des Judentums. Laut Altem Testament hat Moses dort die Zehn Gebote von Gott empfangen. Für Christen ist auch der Berg Golgatha von besonderer Bedeutung. Er ist Sinnbild für Tod und Auferstehung, für Sünde und Erlösung.

Von Lisa Koch