24.11.2011

Kommentar

Den Eltern hilft es nicht

Von Ulrich Waschki


Die Republik hat wieder ihre Krippendiskussion, weil die Regierungskoalition dem Drängen der CSU nachgegeben und jetzt doch das Betreuungsgeld auf den Weg gebracht hat. Über allem steht der Wunsch nach Wahlfreiheit. Eltern sollen sich entscheiden können, ob sie für ihre Kinder unter drei Jahren einen Krippenplatz in Anspruch nehmen wollen oder die Kleinen selbst betreuen.

100 Euro im Monat sollen die Wahlfreiheit stärken. 100 Euro? Das ist wohl eher ein symbolischer Betrag – für die CSU, die sich damit rühmen kann, sich im Koalitionspoker durchgesetzt zu haben. Eltern, die aus wirtschaftlichen Gründen ihre Kinder nicht ganztägig selbst betreuen, werden für 100 Euro im Monat nicht umschwenken (können). Schlimmer noch: Mit dem Geld werden die „belohnt“, die keine staatlich finanzierte Krippe in Anspruch nehmen. Ein gefährlicher Fehlanreiz droht: Familien, bei deren Kindern die Krippe Defizite ausgleichen könnte, nehmen vielleicht lieber das Geld als die Förderung der Kinder in Anspruch.

Lasst uns endlich den Glaubenskrieg zwischen vermeintlichen „Rabenmüttern“ und „Heimchen am Herd“ beenden. Die richtige Lösung ist so bunt, wie es die Familien im Land sind. In den meis-ten Fällen geht es gar nicht um ein „entweder – oder“, sondern um ein „sowohl – als auch“. Krippenbetreuung als Unterstützung und Entlastung der Eltern. Bei manchen kürzer, bei anderen länger.

Wer wirklich Wahlfreiheit will, muss zwei Dinge tun: eine ernst zu nehmende Anschlussleistung an das Elterngeld einführen und die Kinderbetreuung ausbauen. Wenn das Elterngeld nach zwölf oder 14 Monaten ausläuft, müssen gerade Bezieher kleinerer Einkommen wieder ins Berufsleben einsteigen. Sie haben keine andere Wahl, weil sonst das Geld fehlt.

Das war vor der Einführung des Elterngeldes anders. Richtig wäre: eine Grundförderung für Familien mit kleinen Kindern, die – sozial ausgewogen – mit zunehmendem Einkommen sinkt. Und zwar unabhängig von der Form der Kinderbetreuung. Keine Krippen-, keine Herd-, sondern eine Kinderprämie.
Zur Wahlfreiheit gehört aber auch, dass es eine Wahl gibt. Die haben viele Familien noch nicht, weil es noch zu wenig qualitativ hochwertige und flexible Betreuungsplätze gibt. Auch müssen sich die Arbeitsbedingungen von Eltern verbessern. Hier ist die Wirtschaft gefragt. Schon aus eigenem Interesse. Das Betreuungsgeld in der jetzt angekündigten Form hilft jedenfalls nicht weiter – es ist ein teures Wahlgeschenk an die CSU. Die Sorgen der Eltern aber bleiben.