19.08.2014

Satanisten und ihre Praktiken gibt es wirklich. Melanie Adler will sich befreien

Der Alptraum ist mitten unter uns

Es gibt Dinge, von denen denkt man: Die gibt es nur im Film. Und in schlechten Krimis. Manchmal gibt es sie aber doch in echt. Wie die Machenschaften der Satanisten.

 

Niemals darüber reden! Diese Lektion lernen Kinder und Erwachsene zuerst, wenn sie mit Satanisten in Kontakt kommen. Foto: una.knipsolina /photocase.de

Melanie Adler freut sich: Deutschland ist Weltmeister! Erst ein paar Tage ist das Endspiel her, heute trägt sie ein Trikot mit vier Sternen: „Der vierte ist allerdings nur aufgeklebt, der geht immer wieder ab“, sagt sie und grinst. Schlank und braun gebrannt sitzt sie am Tisch, erzählt freundlich und offen. Nicht zu sehen ist: Unter ihrem Trikot trägt sie einen fünften Stern. In ausgefransten hellrosa Linien ziehen sich die Narben eines mit Rasierklingen in die Haut geritzten Davidsterns quer über Bauch und Brüste – eine schlecht verheilte Erinnerung an ihre letzte Nacht im Kreis einer satanistischen Sekte.

Melanie Adler heißt anders, aber sie will ihre Identität schützen. Sie hat Angst vor der Sekte, von der sie sich zu lösen versucht und die sie immer wieder findet und zurückholt. Ausstiegswillige werden verfolgt, unter Druck gesetzt, bestraft, manchmal in den Tod getrieben. Sie wurde in eine satanistische Sekte hineingeboren, an einem ganz normalen Ort irgendwo in Norddeutschland. Nach außen hin wuchs sie behütet in einer gutbürgerlichen Familie auf, doch ihre Eltern sind aktive Sektenmitglieder. Hinter der schönen Fassade stecken okkulte Rituale, physische, sexuelle und psychische Übergriffe, Jahrzehnte lang, jeden Tag.

Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von „ritueller Gewalt“ – einer planmäßig und systematisch ausgeübten körperlichen und psychischen Gewalt. „Durch die pseudoreligiösen und menschenfeindlichen Rituale der Satanisten werden die Mitglieder noch mehr gebunden – Kinder wie Erwachsene“, sagt Alfons Strodt. Er ist Domkapitular im Bistum Osnabrück und betreut Sektenmitglieder, die aussteigen wollen. „Im Grunde ist es dabei nachrangig, ob die Gruppe wirklich an Satan glaubt oder ob der Kult nur zum Zweck der Täuschung und Einschüchterung inszeniert wird“, erläutert er. Ziel sei es in jedem Fall, die Beteilig-ten zu verängstigten, um sie für die Sekte gefügig zu machen.

Folge der rituellen Gewalt sind häufig Wahrnehmungs- und Persönlichkeitsstörungen. Melanie Adler redet in der Wir-Form von sich, denn durch unzählige traumatische Ereignisse hat sich ihre Persönlichkeit aufgespalten – ein Überlebensinstinkt, denn nur so konnte sie das ihr zugefügte Leid ertragen und die Dinge, die sie gezwungen wurde, anderen anzutun. „Man nennt diesen Prozess Dissoziation“, erläutert Brigitte Hahn. Sie ist Leiterin der Fachstelle für Sekten und Weltanschauungsfragen im Bischöflichen Generalvikariat Münster. „Vereinfacht gesagt spaltet sich eine Person in mehrere Personen auf, wenn sie die aktuelle Situation nicht mehr ertragen kann. Das Schlimme, was die eine Person erlebt, passiert dadurch nicht mehr ihr, sondern jemand anderem.“

Absolutes Schweigen ist die wichtigste Regel

Nur wenig ist über die Praktiken der Sekten bekannt, kaum etwas über ihre Hintergründe. Ein absolutes Schweigegebot gehört zu den wichtigsten Regeln. Wer es bricht, wird schwer bestraft. „Als Kind wären wir nie auf die Idee gekommen, jemandem davon zu erzählen“, berichtet Melanie. „Wir hätten aber auch gar nicht gewusst, was wir hätten erzählen sollen“, fügt sie hinzu. Denn für sie war ihr Leben lange Zeit normal. „Außerdem waren es doch unsere Eltern, die das mit uns gemacht haben. Da sagt man doch nichts als Kind, da denkt man doch: Das ist schon richtig.“

Nach außen hin führte Melanie ein normales Leben, arbeitete als Bankkauffrau. Den Beruf hatten die Eltern für sie ausgesucht, denn die Sekte ist immer interessiert an Schlüsselpositionen, an Wissen und Macht über andere. Schon in der Schulzeit wurde Melanie auf Höchstleistungen gedrillt – das kann sie bis heute nicht ablegen: „Inzwischen arbeiten wir in mehreren Minijobs, wir können alles Mögliche, denn wenn wir etwas anfangen, geben wir immer 120 Prozent.“

Mit 40 wurde Melanie wegen Magersucht in eine Klinik eingeliefert. Wie viele Betroffene hat sie seitdem lange Zeit in psychiatrischer Behandlung verbracht. Fehldiagnosen und Rückschläge markieren diesen Weg. Es hat Jahre gedauert, bis ihre dissoziative Störung erkannt wurde, und erst damit setzte auch für sie ein Prozess des Hinterfragens ein: „Wir haben gemerkt: Das ist nicht normal, was uns passiert und was wir machen. Andere leben ein ganz anderes Leben.“

Alfons Strodt kennt solche Prozesse aus seinen Begegnungen mit Opfern. „Menschen, die im Satanismus gefangen sind, haben das Gefühl für ihre eigene Würde verloren. Sie wissen nicht mehr, wer sie selbst sind. Sie fühlen sich als Dreck und werden auch so behandelt. Sie haben keine Ahnung mehr, dass sie kostbar sind und ein Recht auf Leben und auf Liebe haben.“ Gerade deswegen sieht er sich als Seelsorger in der Pflicht: „Das Evangelium ist doch die Option für die Armen! Für sie müssen wir da sein! Mein Bestreben ist, dass bei diesen furchtbar gequälten und missbrauchten Menschen das Vertrauen wieder größer wird als die Angst  – ein Prozess, der sich über einen langen Zeitraum hinziehen kann.“

Sich von Satanisten zu lösen, kann Jahre dauern

Melanie versucht seit gut drei Jahren, sich von der Gruppe zu lösen. Doch es gibt immer wieder Rückschläge: „In uns sind Personen, die immer noch zurück wollen“, sagt sie. „Manchmal setzen sie sich durch.“ An bestimmten Daten beispielsweise, an denen rituelle Feiertage stattfinden oder wenn jemand es schafft, sie zu beeinflussen. Durch die vom Kindesalter an eingeprägten Riten genügt ein Wort, ein Symbol oder ein bestimmter Ton und Melanie ist wie programmiert – nicht mehr sie selbst, sondern eine ihrer vielen Innenpersonen, die der Sekte gegenüber loyal sind. Hinzu kommt die Schwierigkeit, sich ein eigenes Leben aufbauen zu müssen – ohne die klaren Regeln der Sekte und den Zwang zu absolutem Gehorsam: „Oft ist unsere neue Freiheit schwer zu ertragen, denn das bedeutet auch: selbst Entscheidungen treffen zu müssen und bewusst unangenehme Dinge tun zu müssen, die man früher verdrängt hat.“

Doch auch wenn es schwer ist: Melanie Adler will raus und sie will reden. „Die Öffentlichkeit soll aufmerksam gemacht werden dafür, dass es rituelle Gewalt gibt – überall, vielleicht sogar nebenan. Damit andere Kinder nicht erleiden müssen, was wir erlebt haben.“ Heute wünscht sie sich, andere hätten in ihrer Kindheit und Jugend besser hingesehen, nachgefragt und zugehört. Wenn sie in der Schule lange gefehlt hat oder unerklärliche Schmerzen hatte. „Viele können sich gar nicht vorstellen, dass es so etwas gibt – weil es so schlimm ist, dass man es einfach nicht glauben kann.“

So etwas – das sind schlimms-te körperliche und seelische Misshandlungen, pädophile und nekrophile sexuelle Praktiken und Sodomie, gewalttätige und dämonische Rituale, schwarze Messen, Tier- und sogar Menschenopfer. „Die berichteten Taten sind erschreckend, unvorstellbar, ungeheuerlich und unterlaufen unser christlich-demokratisches Wertesystem“, sagt Brigitte Hahn. „Unser Grundsatz ‚Die Würde des Menschen ist unantastbar‘ wird von den satanistischen Sekten verhöhnt. Das ist organisierte Kriminalität in schlimmster Form!“

Von Annika Lippmann