20.05.2014

Kommentar

Der Blick nach oben

Von Susanne Haverkamp

Früher war manches leichter. „Opa ist jetzt im Himmel“ war ein Trost, der nicht nur Kindern half. Der Himmel: keine konkrete Vorstellung, aber doch eine Idee von „oben“, von „weg, aber doch irgendwie erreichbar“.

Doch selbst Kinder verstehen heute schon genug von Astronomie, um mit dem Begriff „Im-Himmel-Sein“ nicht mehr viel anfangen zu können. Zu oft haben sie schon im Urlaubsflieger gesessen und zu viel über Astronauten gelesen. Die kirchliche Verkündigung weiß das und rückt zumindest vom Begriff „Himmel“ ab. „Bei Gott sein“ ist heute eine gängige Umschreibung. Offen genug, um alles hineinzulegen, was man sich selbst denkt. Ganze Bibliotheken haben Theologen darüber geschrieben, wie es sein kann: „im Angesicht Gottes“ oder „in der Gemeinschaft der Heiligen“. Spekulativ ist das, oft auch klug – aber wenig anschaulich.

Menschen suchen aber Anschauliches. Deshalb malten sie in vergangenen Jahrhunderten Himmelsbilder mit Wolken, mit Thronen, mit himmlischen Heerscharen und mit Maria als „Himmelskönigin“. Auch die Bibel ist voll von Bildern: vom Paradiesgarten über das Haus mit den vielen Wohnungen bis zum Hochzeitsmahl und zum himmlischen Jerusalem mit seinen zwölf Toren. Ein Bild so wertvoll wie das andere, keines ganz richtig, keines ganz falsch.

Doch heute sind Bilder vielen Menschen zu wenig. Deshalb boomt die Literatur über Nahtod-erfahrungen, über Menschen, die (angeblich) einen Blick in den Himmel geworfen haben. Ihre Berichte wirken so konkret, fast schon wissenschaftlich. Der Professor für Theoretische Physik, Markolf Niemz, will auf diesem Hintergrund sogar beweisen, wie die Seele nach dem Tod in annähernder Lichtgeschwindigkeit durchs All schießt. Der physikalische „Searchlighteffekt“ soll es ermöglichen.

Man mag über solche Versuche denken, wie man will, aber sie zeigen: Der „Himmel“ und damit das Leben nach dem Tod, lässt die Menschen nicht los. Und wo alte Bilder unserem wissenschaftlichen Verstand nicht mehr reichen, da suchen sie nach anderen Möglichkeiten, „den Himmel“ zu denken.
Es ist sicher theologisch richtig, den „Himmel“ nicht mehr als Ort zu beschreiben, sondern vielleicht eher als raumlosen „Zustand“, als „Einssein mit Gott“. Oder so. Aber hilft das mehr, als der tröstliche Blick nach oben? Als der Sehnsuchtsort, zu dem man aufschauen kann und denken: „Du siehst mich jetzt, geliebter, verstorbener Mensch. Dort oben im Himmel. Bei Gott. Und du wartest auf mich.“