25.03.2014

Lichtkünstler erklärt, was Licht auslöst und für ihn bedeutet

Der Geschmack der Schöpfung

Es ist der Hunger nach Licht, der nach draußen lockt. Die Sehnsucht nach Wärme und Energie. Alfred Wolski aus Nierstein arbeitet täglich mit Licht und ist immer noch beeindruckt davon. Sich selbst bezeichnet er als „Lichtpoet“. Artikel mit Video. Von Marie Eickhoff.

Alfred Wolski
Die Schönheit der Farben fasziniert Alfred Wolski am Licht. Er liebt es, sie
zu mischen und wirken zu lassen, ohne zu wissen, was dabei heraus kommt.
Fotos: Marie Eickhoff

Es war der Abend, an dem seine Tochter den Unfall hatte. Im Krankenhaus schenkt ihm eine Putzfrau Scherben, einfach so. Allein zuhause erinnert er sich an die Glassplitter. Er nimmt die Schale mit der Knetmasse, mit der sie immer gespielt hatten, und steckt die Scherben in die bunte Masse. „In dem Moment, als das Licht darauf fiel, löste es Schreie in mir aus.“ Für Alfred Wolski wird das Arbeiten mit Licht zur Medizin.

Die Arbeit des Lichtkünstlers berührt Kunst, Spiritualität und Wissenschaft. Das ist für ihn nicht trennbar. Er leuchtet auch Kirchen aus wie 2009 auf dem Hessentag. „Ein solcher Ort hat besondere Kraft“, sagt Alfred Wolski. „Meine Installationen wecken bei den Betrachtern Erinnerungen, die im Alltag überlagert werden. Auch Erinnerungen an geistige Zeiten im Leben.“

Unter Leuchtstoffröhren lassen Blumen Köpfe hängen

Licht wirkt sofort. Es regt das Nervensystem an und aktiviert die Hormondrüsen. „Jede Zelle kann Licht wahrnehmen“, sagt Alfred Wolski. „Diese Wechselbeziehung von Licht und Mensch sollten wir nicht unterschätzen“, betont der 64-Jährige. Er berät Firmen und Architekten bei der Beleuchtung von Gebäuden. „Unter Leuchtstoffröhren lassen Blumen die Köpfe hängen. Wie sich Licht auf den Mensch auswirkt, wird vergessen.“ In Schulen hat Wolski, Vater von sechs Kindern, Ruheräume gestaltet. Mit Altenheimen macht er Projekte.

Ordentlich liegen die Schraubenzieher nebeneinander. Ein Regalbrett voll. Alfred Wolski bezeichnet seine Werkstatt als Labor. Hier experimentiert er mit Lichtquellen und Materialien. „Licht ist nur in seiner Wirkung sichtbar.“ In der Ecke steht ein Tropf wie aus der Klinik. „Darin ist die Kühlflüssigkeit für die Maschinen.“ Er arbeitet mit Diamantenschneidern. Denn Grundlage seiner Arbeit ist vor allem ein spezielles Glas. „Interferenzfilter“ heißt das beschichtete Kristallglas, das auch in der Forschung verwendet wird. Das Besondere: Es wirft bunte Schatten.

Im Atelier ist es ruhig. Taumelnd dreht sich das Mobile im Licht des Scheinwerfers. Bunte Muster wandern über Boden, Wände und Decke. Blau trifft auf Rot. Grün fällt in Gelb. Kurz entstehen neue Farben, unerwartete Formen. „Es dauert, bis man sie erfasst“, sagt Alfred Wolski. Wer die Werke betrachtet, soll seine Balance finden. Die Kunst löst Prozesse im Betrachter aus. Durch die Bewegung verändern sich die Installationen ständig. „Sie sind verkoppelt mit dem Jetzt“, erklärt ihr Erfinder. Seine Kunstwerke wirkten nachhaltig und „werden überall auf der Welt verstanden“.
 

Im Dunkeln ist der kleinste Lichtstrahl vollkommen

Auch an der Dunkelheit kommt das Licht nicht vorbei. Licht und Schatten sind untrennbar. „Es gibt immer das Ringen zwischen Finsternis und Helle. Darin wird erst die Schönheit des Lichts deutlich“, betont Wolski. Manchmal macht er „Dunkelmeditationen“. Im Dunkeln ist der kleinste Lichtstrahl vollkommen und schön. Leben und Hoffnung, das bedeutet Licht für den Künstler.

Gefährlich und mächtig

Speichen als Kunstwerk
Detailarbeit: Das besondere
Kristallglas wirft bunte Schatten

Doch Licht kann auch anders. „Oh ja, es ist gefährlich und mächtig“, sagt Alfred Wolski. Als Häftling im Stasi-Gefängnis der DDR erfuhr der Berliner in jungen Jahren, dass dauerhafte Beleuchtung Folter ist. „Licht kann kaputt, aber auch glücklich machen.“ Licht bleibt ein Mysterium. Es braucht Freiraum, um wirken zu können. „Das Licht, das wir sehen können, ist nur ein Ausschnitt“, erklärt Wolski. Physikalisch begreift er Licht als Teilchen, die sich in Wellen bewegen. Die Schönheit der Farben ist für ihn Ausdruck des Göttlichen. Sie tragen den „Geschmack der Schöpfung“, sagt er. „Viele Vorstellungen von Heiligen sind mit Licht verbunden.“ Er ist überzeugt, dass das kein Zufall ist.

Als Nelson Mandela nach seiner Gefangenschaft frei kam, habe er gesagt: „Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, die wir am meisten fürchten.“ Wer sich ins Licht stellt, stellt sich laut Alfred Wolski seiner Verantwortung. Nur im Licht könne man wachsen und sein Potenzial entfalten. Für ihn ist Licht Auferstehung.

www.lichtpoet.de